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Kolumne Falk Jaeger

Falk Jaeger verabschiedet sich betrübt von einer schönen Illusion

Der Mythos ist dahin

„Wir schaffen das“, waren alle Beteiligten beim Wiederaufbau des Berliner Schlosses sicher und freuten sich, dass es in Berlin (!) gelingen würde, eine Großbaustelle kosten- und termingerecht fertigzustellen. Das Desaster des Fluchhafens BER hatte der Regierende Klaus Wowereit zu großen Teilen zu verantworten, aber auch die Staatsoper Unter den Linden wurde hunderte von Millionen teurer, weil Wowi dem nörgelnden Barenboim beim Abendessen versprochen hat, Druck zu machen, damit er früher wieder drin dirigieren kann. Druck machen, wenn der sumpfige Baugrund nachgibt und wenn bröckelnde Altbauwände stabilisiert werden müssen, das können Bauleute gut gebrauchen, das spornt sie an, da machen sie lustvoll Überstunden. Und selbst der Beton spürt die gute Stimmung und bindet gleich doppelt so schnell ab.
Beim Schloss nun ist der Bund Bauherr. Und hatte für das Projekt einen fabelhaften Mann abgestellt, den gelernten Architekten Manfred Rettig, der sich durch den Regierungsumzug Bonn-Berlin und durch das Management der Bundesbauten am Spreebogen einen soliden Ruf erworben hatte. Rettig organisierte den Bau, moderierte drei Planungsbüros, hielt die Firmen an der Kandare und motivierte die Steinmetze zu Höchstleistungen. Als die Berliner, die eine halbe Etage des Schlosses bespielen, ihr Ausstellungskonzept über den Haufen warfen und Wünsche nach Planänderungen äußerten, konterte er apodiktisch, Bauverzögerungen und Kostensteigerungen seien mit ihm nicht zumachen. Umbauen könnten die Berliner nach Eröffnung, auf eigene Rechnung.
Und dann, im Januar 2016 der Paukenschlag. Manfred Rettig kündigte. Der neue Gründungsintendant des Humboldt-Forums, der Brite Neil MacGregor, Alphatier und einflussreicher Favorit der Kanzlerin, hatte sein Amt angetreten und macht große (Umplanungen erfordernde) Pläne, worauf Rettig sich flugs verabschiedete und treuherzig erklärte, er wolle sich dringenden privaten Projekten widmen. Sein Haus in Bonn sei umzubauen.
Weitere Erklärungen waren dem seriösen Mann nicht zu entlocken, doch Beobachter beschlich eine Ahnung, die nun Gewissheit wurde. Nachdem Teileröffnungsszenarien angestrebt wurden, da man unbedingt im Herbst den 250. Geburtstag Alexander von Humboldts mit der Einweihung feiern wollte, musste die Stiftung Humboldt-Forum die Feierlichkeiten nun abblasen und um ein Jahr verschieben. Ab September 2020 soll nun eröffnet werden, schrittweise natürlich. Aber nur, wenn im August 2020 die bauaufsichtliche Freigabe erfolgt. Hoffentlich kommen nicht die TÜV-Spezialisten vom BER zum Einsatz, die finden immer was.
Als Gründe wurden offiziell Mängel und Verzögerungen bei der Klima- und Lüftungstechnik genannt. Zudem seien bei Funktionsprüfungen der elektronischen Steuerungstechnik Mängel aufgetreten. Als Ursachen werden die stark angespannte Baukonjunktur und Personalmangel bei den Baufirmen angeführt. Es fehle an TGA-Ingenieuren und Bauleitern. Man wünschte sich 200 Leute mehr auf der Baustelle. Immerhin, von Brandschutzproblemen ist nicht die Rede, da atmen die Berliner etwas auf.
Hinter vorgehaltener Hand heißt es allerdings, dass die Verzögerungen durch Planänderungen der Nutzer verursacht seien. Im Nachhinein wird Manfred Rettigs Rückzug plausibel, der sich immer gegen bauverzögernde Planänderungen positioniert hatte.
Auch hatte die Kulturstaatsministerin Monika Grütters immer mantraartig und stolz von Kosten- und Termintreue gesprochen und die Bauleute wegen des Humboldt-Jahres unter Druck gesetzt.
Im Projekt Wiederaufbau des Schlosses sah man bislang den Beweis, dass es in Deutschland doch möglich ist, Großprojekte – es geht immerhin um 600 Millionen Euro – kosten- und termingerecht zu realisieren. Ein Mythos, wie man jetzt weiß. Es zeigte sich, dass wiederum die selben Gründe – politische Einflussnahme, Planänderungen, Mängel im Baumanagement – wie beim BER, wie bei der Staatsoper Unter den Linden, wie bei der Elbphilharmonie und und und, nun auch beim Vorzeigeprojekt Berliner Schloss die altbekannten Probleme machen und die Kosten nun wohl auf 620 Millionen steigen werden. Schade eigentlich.

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Datum 4. Juli 2019
Autor Falk Jaeger
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