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Kolumne Falk Jaeger

Gottloses Wettrüsten

Blick auf Rio De Janeiro und Christus der Erlöser

Blick auf Rio De Janeiro und Christus der Erlöser (Foto: sfmthd)

Neulich in Rio. Der Kulturstaatsminister besucht Christus, den Erlöser. Eine Wallfahrt hat der evangelische Westpreuße Bernd Neumann allerdings nicht unternommen, auch hat er nicht in der Kapelle zu Füßen der Monumentalstatue zum Gebet das Knie gebeugt. In Brasilien ist 2013/14 das Deutschlandjahr ausgerufen, und so war der Staatsminister für Kultur und Medien auf Brasilien-Rundfahrt. Die weltberühmte Christusfigur war nur eine der Sehenswürdigkeiten, die ihm seine Entourage ins Programm geschrieben hatte, neben Salvador, Brasília und anderen Orten, wo er deutsche Kulturaktivitäten in Augenschein nahm. (Was er nicht besuchte: Sechs Stadien, die gegenwärtig von deutschen Architekten und Ingenieuren für die WM 2014 dort gebaut wurden oder werden; davon hat er gar keine Kenntnis. Architektur hat er als Kernbestand der Kulturleistungen ohnehin nicht auf dem Schirm – es sei denn als Filmsujet…).

Wie Neumann fahren Tausende täglich mit dem VIP-Shuttle oder mit der Zahnradbahn auf den Berg Corcovado, genießen die atemberaubende Aussicht und lassen sich vor dem Erlöser mit ausgebreiteten Armen ablichten. Ergriffenheit und Einkehr lässt das bunte Touristenvolk nicht erkennen. Die waren wohl auch beim Bau nicht im Spiel. Hundert Jahre Unabhängigkeit Brasiliens 1822 war der überaus profane Anlass, und erst 2006 benedeite die Katholische Kirche die Statue als christlichen Wallfahrtsort.

Wie die New Yorker Freiheitsstatue, bekanntlich ein Geschenk der Franzosen, ist übrigens auch die Christusstatue für Rio in Paris entworfen worden. Doch anders als die Freiheitsstatue, deren Stahl-Blech-Konstruktion zur Gänze in die Neue Welt geschippert wurde, waren es für Rio nur Gipsmodelle von Kopf und Händen. Keine gute Idee eigentlich, denn der Kopf ist zu klein geraten, die Hände zu groß. Vor Ort wurde die Statue in Stahlbeton gegossen und mit Speckstein verkleidet.

Lautere Absichten mag man vielleicht dem katholischen Priester Sylwester Zawadzki unterstellen, der mit bewundernswerter Tatkraft die Idee in die Wirklichkeit umsetzte, einen noch größere Christusstatue in der polnischen Provinz zu errichten. 33 Meter ohne die Krone entsprächen dem Alter, das Christus erreicht habe, erklärt er treuherzig, zufällig 3 Meter mehr als der Redentor in Rio.

Falk Jaeger in Rio

Der Autor am Ziel seiner Wallfahrt bei Christo Redentor in Rio de Janeiro. (Foto: privat)

Vielleicht ruhte doch nicht nur göttliches Wohlgefallen auf dem eitlen Projekt und man hätte sich auch auf die Weisheit irdischer Ingenieure verlassen sollen. Die hätten voraussagen können, dass der eingesetzte Kran für das 25 t-Betonteil mit den ausgestreckten Armen zu schwach ist und hätten den Montageunfall mit Personenschaden vermeiden können.

Die früher ostbrandenburgische Gemeinde Schwiebus, heute Świebodzin, sieht die Sache pragmatischer als der Priester und freut sich auf den Touristenansturm. Für sie ist der Superlativ „größter Christus der Welt“ wichtiger als die heilige Verzückung, die manche Besucher angesichts der unheiligen Erhabenheit des Kolosses ergreifen mag.

Doch das Wetteifern mit den Superheilanden geht erwartungsgemäß weiter. Im kroatischen Split ist ein 39-Meter-Erlöser geplant und im kolumbianischen Palermo lässt man sich von skrupulösen christlichen Gefühlen gar nicht erst aufhalten. Dort wird gerade der 80 Meter hohe Super-Jesus montiert, inmitten eines kurzweiligen Freizeit- und Sportparks, in dem man nebenbei auch etwas beten kann.

Doch wie auch immer die Christen sich strecken mögen, das Land der Superlative bleibt China. Dort blickt der 153 Meter hohe Buddha von Lushan seit 2002 siegesgewiss in stoischer Gelassenheit auf das gottlose Wettrüsten herab.

Leserkommentare

  1. Kleber Rodrigues Costa | 5. September 2013

    Ich bin Bauingenieur und Brasilianer und diesbezüglich sage ich, die Polen haben bereits eine größere Statue gemacht aber ohne Resonaz in der Welt. Solche Aktion ist sinnlos, weil nur die Erste Statue das Original ist. Man kann nachmachen aber kein Mensch auf dieser Erde verbindet Kolumbien oder Polen mit dem Christus sondern nur Rio de Janeiro!!! Es gibt viele Freiheitsstatuen auf dieser Erde aber das Original ist nur in New York zu sehen!!! Nachmachen bedeutet nach meiner Meinung keinen persönlichen Charakter, was neues zu erfinden…

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Datum 5. September 2013
Autor Falk Jaeger
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