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Vermischtes

Grünblick und Weitblick – zwei Hochhäuser im Viertel Zwei in Wien

Über das BIM-Management der SIDE GmbH für zwei Hochhäuser in einem Wiener Stadtentwicklungsgebiet

Die Projekte Grünblick und Weitblick befinden sich im Viertel Zwei, einem Stadtentwicklungsgebiet rund um den Grünen Prater in Wien. Hier entstehen auf einer Gesamtfläche von mehr als 160.000m² Wohnungen, Hotels sowie Büro- und Geschäftsflächen.
Das Projekt umfasst zwei Hochhäuser, einen Wohnturm – den sogenannten „Grünblick“ und einen Gewerbeturm, namens „Weitblick“. Im Sommer 2020 beginnen die Bauarbeiten, die Fertigstellung der beiden Türme samt Gemeinschaftsgarage ist Ende 2023 geplant.
Der Wohnturm „Grünblick“ mit einer geplanten Höhe von ca. 90 m, wird ca. 23.700 m2 Wohnfläche, 300 Wohnungen und ca. 2.500 m2 Büro- und Gewerbefläche beherbergen. In seiner direkten Nachbarschaft entsteht der Büroturm „Weitblick“ mit einer Höhe von ca. 120 m und ca. 35.000 m2 Hotel- sowie Bürofläche.

Das italienische Architekturbüro Mario Cucinella Architects hat den Wettbewerb 2018 für sich entschieden und plant modellbasiert die beiden Türme bis zum Entwurf. Danach übernimmt die Planung das Ingenieurbüro Zechner & Zechner, bei dem ebenfalls die BIM Gesamtkoordination des Projektes liegt.
SIDE GmbH ist bei den Projekten „Grünblick und Weit blick – 2 Hochhäuser im Viertel Zwei in Wien“ mit dem BIM-Management seitens Bauherr VIERTEL ZWEI Entwicklung GmbH beauftragt worden, den sie mit BIM Know-how und Praxiserfahrung aus Großprojekten, wie der ÖAMTC Zentrale, dem Merkur Campus und dem Austro Control Tower unterstützt.
Das BIM-Management stellt das Bindeglied zwischen Projektteam und Auftraggeber dar, steht in enger Absprache mit der Gesamtkoordination und entwickelt mit ihr gemeinsam den BIM-Abwicklungsplan. Die Überwachung des BIM-Prozesses und Lenkung der Fortschreitung steht im Fokus. Neben der Definition der Auftraggeber-Informationsanforderungen (AIA) und des BIM Abwicklungsplans (BAP) bringt das BIM-Management das BIM-relevante Know How in den Prozess ein und macht auf mögliche Effizienzsteigerungen im Prozess aufmerksam. SIDE unterstützt sowohl die einzelnen BIM-Projekte, als auch die interne Umsetzung der BIM-Strategie im Unternehmen.

Implementierung

Das langfristige Ziel bei value one & friends ist es, BIM dauerhaft zu implementieren. Die Projekte Grünblick und Weitblick übernehmen dabei als erste BIM Projekte eine Vorreiterrolle. Durch diesen Umstand wird auf die Weiterbildung der Mitarbeiter im Unternehmen, damit sie mit der BIM Thematik vertraut werden, ebenso wie auf die Anpassung der bürointernen Standards an die BIM-Prozesse großer Wert gelegt.
Für die Projekte Grünblick und Weitblick wurden im Vorfeld projektspezifische BIM-Anwendungsfälle definiert, wobei u. a. die folgenden beiden Fragen beantwortet werden mussten:

  • Was möchte der Bauherr im BIM-Prozess umsetzen?
  • Welche Informationen sind relevant, wofür werden sie benötigt und in welcher Tiefe?

Ein wesentliches Projektziel bestand darin, ein durchgehendes BIM-Modell als eine zentrale Informationsquelle von der Planung, über den Bau bis zum Betrieb zu generieren. Qualitativ hochwertige Modelle – sichergestellt durch die regelmäßigen Qualitätsprüfungen – stellen die Grundlage für eine integrale Planung dar, mit dem Ziel, die Transparenz im Projekt zu sichern und eine frühe Fehlererkennung in der Planung zu ermöglichen. BIM-Anwendungsfälle, die in diesem Projekt zum Einsatz kommen, sind eine modellbasierte Kostenermittlung und Kalkulation, Ablaufsimulation, sowie modellbasierter Terminplan. Weitgehend soll die Generierung der 2D-Pläne aus dem Modell, die Dokumentation, Transparenz der Prozesse und deren Nachvollziehbarkeit gewährleistet sein. Die Optimierung der Projektabwicklung, Visualisierungen und Analysen aus dem Modell und eine nachhaltige Bewirtschaftung zu garantieren, sind wesentliche Punkte für die Umsetzung von BIM im Projekt. Nach Fertigstellung der Projekte werden die digitalen Gebäudemodelle vom FM als Basis für den Gebäudebetrieb herangezogen.
Aufgaben des BIM-Managements seitens Auftraggeber umfassen die Unterstützung bei der projektspezifischen Anpassung der AIA und des BAP. Dabei ist im Wesentlichen die Sicherstellung der Umsetzung der BIM-Standards, Vertragsinhalte, Terminplanung und Datensicherheit im Projekt zu verstehen – Aufgaben, die in enger Abstimmung mit den einzelnen BIM-Rollen einhergehen. Dem BIMManagement obliegt auch die Kontrolle des Änderungsmanagements im Prozess. Unteranderem die Überprüfung, ob die jeweilige Software BIM-fähig ist und daraus resultierend die Festlegung der Austauschformate und der richtigen Nutzung der Modellerstellungswerkzeuge. Das BIMManagement schlägt BIM fähige Software vor, welche unterschiedliche Thematiken im BIM-Prozess lösen können. Strategien und mögliche Workflows werden ausgearbeitet, wobei die Projektbeteiligten infolgedessen auf die jeweilige Software geschult werden müssen.

Projektspezifische Standards

Bei value one & friends fungiert der BEP – BIM-Einführungsplan – konzernintern als Basis für jedes BIM-Projekt. Der BEP definiert grundlegende Anforderungen für interne Workflows und Projekte.
Nicht für jedes Projekt sind die gleichen Standards sinnvoll anzuwenden, weshalb individuelle Anpassungen in AIA/BAP projektspezifisch notwendig sind. Vor dem Projektstart ist die von einzelnen Planern verwendete Software auf ihre BIM-Tauglichkeit zu testen, woraufhin die softwarespezifischen Informationserstellung- und Austausch-Workflows im BAP abgebildet werden. Die Erfüllung der definierten Anforderungen obliegt hierbei jedem Projektbeteiligten.
Bei der Erstellung der Modelle müssen die Planer einige Modellierrichtlinien beachten, u. a. so zu modellieren wie gebaut wird, d. h. die Bauteile werden entsprechend der Realität konzipiert. Grundsätzlich muss die Verwendung der richtigen Werkzeuge in der Autorensoftware, der Geschossstruktur und eine kollisionsarme Modellierung durchgehend gewährleistet werden. Elemente, welche nicht modelliert werden, sind mit dem BIM-Modell zu verknüpfen. Diese Richtlinien werden benötigt, um Folgeprozesse, welche auf das Modell aufbauen, nicht zu gefährden und das Modell über den gesamten Lebenszyklus nachhaltig verwenden zu können.

Strategie – AIA/BAP

Der BIM-Abwicklungsplan wird als Antwort auf die AIA für alle Projektbeteiligten definiert. Hier sind sämtliche wichtigen Informationen rund um das Projekt zu finden, die als Grundlage für eine reibungslose Zusammenarbeit unter den einzelnen Projektbeteiligten dienen.
Der BAP regelt die Erstellung, Weitergabe, Verwaltung von Daten und Informationen. Des Weiteren sind die Verteilung der Rollen und Verantwortlichkeiten, Einsatz der Technologien, Zeitpunkt und Häufigkeit der Besprechungen, sowie die Detaillierungsgrade und Informationsgrade LOG/LOI hier definiert. Neben Verantwortlichkeiten müssen auch die gemeinsamen Grundlagen, wie bspw. der gemeinsam genutzte Nullpunkt, als Basis für eine integrale Zusammenarbeit, genau definiert werden. Der BAP stellt ein „lebendiges“ Dokument dar, welches laufend dem Prozess angepasst wird.

Umsetzung der Strategie

Die Mengenermittlung für die Ausschreibung und Kostenkontrolle erfolgt über das BIM-Modell, woraufhin das Abrechnungs- und Nachtragsmanagement ebenso modellbasiert umgesetzt werden soll. Die Integrierung des bestehenden Workflows in einen BIM-Workflow bedingt neue Denkweisen. Bei diesem Projekt wurde eine eigene Strategie für die modellbasierte Terminplanung entwickelt. Die Bauelemente bekommen mittels Dynamo-Skripts automatisch einen Code zugewiesen, über den die Verknüpfung mit den Prozessen möglich ist. Aus dem auf diese Weise erstellten Terminplan wird eine Ablaufsimulation generiert und somit können die Abläufe visuell nachverfolgt werden. Die Verknüpfung mit dem BIM-Modell ermöglicht außerdem einen Soll-Ist-Abgleich, wodurch eine Kontrolle über den Bauprozess möglich ist. Änderungen können somit schnell und visuell nachvollzogen werden.

Produktion projektspezifischer Unterlagen

Im Laufe des Prozesses werden projektspezifische Unterlagen und Elemente generiert. Neben benutzerdefinierten Bauteilen kommen auch projektspezifische Regeln zur Qualitätssicherung zum Einsatz, welche auf der gemeinsam genutzten Datenplattform abgelegt, bzw. mit dem Modell zu verknüpfen sind.

Workflow Informationsaustausch

Der Datenaustausch sowie die Kommunikation im Projekt findet über eine PIP – Projekt Informations Plattform oder auch CDE – Common Data Environment genannt statt. Ziel ist es die Kommunikation via Email zu reduzieren.
Der Einsatz einer Datenplattform, über welche sämtliche Dokumente, Pläne und Modellstände ausgetauscht werden, ermöglicht den Projektbeteiligten immer den Zugriff auf den letztgültigen Modell- bzw. Dokumentstand und macht die Projektabwicklung transparenter. Dadurch entsteht jedoch auch die Notwendigkeit die Rollen, Verantwortlichkeiten und Bezeichnungen genau zu definieren.
Die modellbasierte Kommunikation erfolgt über die Kollaborationsplattform BIMcollab, über die sich die Planer mittels BCF-Kommentare austauschen. Die BCFs (BIM Collaboration Format) werden bei der zweiwöchentlichen Prüfung durch den Gesamtkoordinator erstellt, und daraufhin von den einzelnen Fachplanern abgearbeitet.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit

Das Projekt wird im closed BIM umgesetzt, da alle Planungsbeteiligten mit derselben Software arbeiten. Die Zusammenarbeit funktioniert auf einem gemeinsam genutzten Zentralmodell, worauf alle Fachplaner eingebunden sind, mit vorab definierten Bearbeitungsbereichen der Fachplaner, um eine reibungslose Zusammenarbeit zu garantieren und die Verantwortlichkeiten abzustecken. Jedes Modellelement unterliegt einer Strukturierung und Rechteverteilung.
Das Arbeiten an einem Zentralmodell hat den großen Vorteil, dass alle Beteiligten in Echtzeit auf den Letztstand des Modells zugreifen. Die Freigabeprozesse werden verkürzt und das Eliminieren von Schnittstellen ermöglicht eine Steigerung der Effizienz.
Im Laufe des Prozesses kommt jedoch eine Vielzahl an Software zum Einsatz, bspw. für die Mengenermittlung, Qualitätskontrolle und Bauzeitplanung, wobei die IFCSchnittstelle auch eine wichtige Rolle spielt. Aus diesem Grund werden aus der Autorensoftware regelmäßig IFCModelle exportiert.

Workflow Planungsteam

Bild 1. Grünblick und Weitblick als digitales Datenmodell

Bild 1. Grünblick und Weitblick als digitales Datenmodell (SIDE)

Bild 2. Koordiniertes Architektur- und Haustechnikmodell

Bild 2. Koordiniertes Architektur- und Haustechnikmodell (SIDE)

In diesem Projekt sind die Architekten, die HKLSE Planer, Statiker und Vermesser im BIM-Prozess beteiligt.
Durch die Größe des Bauvorhabens wurde das BIMModell sowohl fachübergreifend als auch fachintern in Teilmodelle unterteilt und gliedert sich somit in folgende Fachmodelle: Architekturmodell, Tragwerksmodell, Heiztechnikmodell, Kältetechnikmodell, Raumlufttechnikmodell, Sanitärtechnikmodell, Elektrotechnikmodell.
Als Referenz für alle weiteren Fachmodelle wird das Architekturmodell herangezogen.
Die Modelle gelten als Grundlage für alle weiteren Berechnungen, wie z. B. U-Wert Berechnung, sowie die Kostenermittlung für die Ausschreibung. Dementsprechend muss die Modellierung und Klassifikation der Bauteile regelkonform, sowie eine Vielzahl an Bauteileigenschaften, bzw. Parametern hinterlegt sein. Die gemeinsam genutzten Parameter sind für eine einheitliche Auswertung unerlässlich. Dazu werden Modellierrichtlinien und Parameterlisten abgestimmt.

Bild 3. Koordiniertes Architektur- und Elektromodell

Bild 3. Koordiniertes Architektur- und Elektromodell (SIDE)

 

 

 

 

 

 

 

Workflow Qualitätssicherung

Die Qualitätssicherung erfolgt in einer BIM-Projektabwicklung üblicherweise in mehreren Stufen. Die erste Stufe betriff den Fachplaner intern, welcher die Modellinhalte in seiner jeweiligen Autorensoftware, sowie im daraus exportieren IFC prüft.
Die zweite Stufe der Qualitätssicherung findet bei der Gesamtkoordination statt, wobei die einzelnen Fachmodelle in sich geprüft, und daraus ein Gesamtmodell erstellt wird, in dem die Disziplinen untereinander zu prüfen sind. Als Austauschformat für die Qualitätssicherung dient das offene Datenformat IFC. Zu vordefinierten Abschnitten, genannt Data Drops, haben die Fachplaner IFC-Modelle zu liefern.
Aus den einzelnen Qualitätsprüfungen werden Prüfberichte mit BCF-Kommentaren samt Disziplin-Zuweisungen erstellt und an alle Projektbeteiligten zur Weiterbearbeitung verteilt.
Das BIM-Management prüft die Modelle in der dritten Stufe der Qualitätssicherung und kontrolliert dabei den Fortschritt des Projektes gemäß BAP. Neben regelbasierten Prüfungen, die über Solibri und Dynamo laufen, sind außerdem die manuellen- und visuellen Prüfungen Teil der Qualitätssicherung. Geprüft werden die nativen Revit-Dateien, als auch die daraus generierten IFC-Modelle. Die ÖNORM-konforme Modellierung, Umsetzung des Modellierleitfaden, richtige Klassifikation und Parametrisierung der Bauteile werden im Laufe des Projektes immer genauer überprüft. Dabei dienen die definierten LOD (Level of Development) und LOI (Level of Information) der Modelle als Orientierung für die Anpassung der Prüfregeln.
Regelmäßige Modellprüfungen sichern die Transparenz im Planungsprozess und fördern eine frühe Fehlererkennung in der Planung. Die 2-wöchigen BIM Besprechungen, an denen alle Projektbeteiligten teilnehmen, dienen zur Abstimmung und Koordination der relevanten Issues und des Entwicklungsstandes im Projekt.

Ausblick

Bild 4. Value One / Mario Cucinella Architects

Bild 4. Value One / Mario Cucinella Architects (SIDE)

Aktuell befindet sich das Projekt in der Entwurfs- bzw. Einreichphase. Ein Ausblick zur kommenden Entwicklung – das Projekt wird für die modellbasierte Ausschreibung vorbereitet. Die Daten, welche auf der Baustelle generiert werden, sind wieder in das BIM Modell zurückzuführen, wobei es noch einer Testphase unterliegt, welches Tool die Baustelle für die Eingabe der Informationen ins Modell verwenden wird. Anschließend erfolgt die Überleitung in ein As-Built-Modell und Datengenerierung für das FM.

BIM Organisation:

  • Informationsmanagement AG: value one holding AG
  • BIM-Management AG: SIDE GmbH
  • BIM-Gesamtkoordination AN: Zechner & Zechner ZT GmbH
  • BIM-Fachkoordination Architektur: Mario Cucinella Architects Srl (bis Entwurf),
  • Zechner & Zechner ZT GmbH (ab Einreichung)
  • BIM-Fachkoordination HKLS: ZFG-Projekt GmbH
  • BIM-Fachkoordination E-Technik: ZFG-Projekt GmbH
  • BIM-Fachkoordination Statik: KS Ingenieure ZT GmbH
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Datum 29. November 2019
Autor Pia Pöllauer, BIM Spezialistin
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