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Hauptstadtflughafen: 1000 Tage nach der Nichteröffnung

Bauarbeiten am Hauptstadtflughafen gehen weiter

Bauarbeiten am Hauptstadtflughafen gehen weiter (Foto: cirquedesprit )

Dem Schock folgt Zuversicht: Drei Monate noch, dann werde der neue Berliner Großflughafen doch sicher öffnen, nach den Sommerferien – sagt Klaus Wowereit. Es ist Mai 2012, und der Regierende Bürgermeister hat gerade die größte Blamage in seiner langen Amtszeit verkündet. Vier Wochen vor dem Start bläst er die Eröffnung des neuen Hauptstadt-Airports ab.

«Nerven behalten», empfiehlt Brandenburgs Regierungschef Matthias Platzeck noch. Doch wie schwer die Zeit noch würde, ahnt damals keiner der Verantwortlichen. Inzwischen sind sie alle auf anderen Posten oder im politischen Ruhestand. Doch auch 1000 Tage nach dem geplatzten Flughafen-Start am 3. Juni 2012 an diesem Freitag (27.02.) kann niemand sicher sagen, ob nicht Fehlplanung, neue Technikprobleme oder Intrigen das Projekt nochmals zurückwerfen.

Der künftige Flughafenchef Karsten Mühlenfeld übernimmt eine schwierige Aufgabe. Dabei setzt er auf ein Team, das Noch-Geschäftsführer Hartmut Mehdorn in seiner zweijährigen Amtszeit komplett erneuert hat. «Das Schöne dabei ist, dass der Flughafen schon eine sehr, sehr gute Mannschaft hat», lobt Mühlenfeld die baldigen Kollegen.

Das Debakel konnte der 51-Jährige noch aus dem brandenburgischen Dahlewitz beobachten, wo der Berliner das Rolls-Royce-Werk leitete. Die Bordkarten waren schon gedruckt, Zehntausende mussten umbuchen. Der spektakuläre Umzug von Tegel und Schönefeld-Alt zum neuen Flughafen in einer Nacht – er wurde kleinlaut abgesagt.

Nicht nur die Brandschutzanlage lief nicht. Als in den Monaten vor der Terminabsage der Druck stieg, bauten bis zu 7000 Arbeiter gleichzeitig auf der Baustelle kreuz und quer so ziemlich alles, was ihnen gerade einfiel – nur nicht nach Plan.

Die böse Überraschung kam über Nacht, versicherten die damaligen SPD-Größen Platzeck und Wowereit, die mit dem Willy-Brandt-Airport ihrem politischen Großvater und auch ein wenig sich selbst ein Denkmal setzen wollten. Doch hatte nicht schon ein Vierteljahr vor der Absage der TÜV gewarnt, dass der Termin unhaltbar sei?

Das ganze Ausmaß des Nicht-Sehens und des Nicht-Sehen-Wollens am Flughafen wurde erst nach und nach deutlich: eine Geschäftsführung, die weder dem Druck der Politik gewachsen war noch dem unüberschaubaren Gewirr von Firmen auf der Baustelle, Generalplaner, die sich selbst kontrollierten, und Aufsichtsräte, die die wenigen, aber deutlichen Warnsignale nicht wahrhaben wollten, die zu ihnen durchdringen konnten.

Es folgte: der übereilte Rauswurf der Generalplaner – bis heute ist kein neuer gefunden -, eine lange Schockstarre auf der Baustelle, ein endloses politisches Hickhack um Verantwortlichkeiten und Posten am Flughafen, Prozesse um den viel zu klein dimensionierten Schallschutz für die Anwohner und millionenschwere lebensverlängernde Maßnahmen für den überlasteten Flughafen Tegel, der die Hauptlast des Berliner Luftverkehrs trägt. Das alles füllt regalmeterweise Aktenordner, die ein Untersuchungsausschuss in mittlerweile rund 40 Sitzungen durchforstet hat.

Unterdessen platzten zwei weitere Eröffnungstermine – schon der 3. Juni 2012 war nicht der erste gewesen. Eigentlich sollte der Flughafen schon sieben Monate früher in Betrieb gehen, Ende Oktober 2011. Sechs Jahre später, im zweiten Halbjahr 2017, soll es nun endlich so weit sein, hat Mehdorn im Dezember versprochen. «Es wird keine Pleiten mehr geben», versichert der 72 Jahre alte frühere Bahn-Chef – auch wenn jetzt schon wieder ein warnender Brief beteiligter Firmen aufgetaucht ist.

Mehdorn ist noch nicht abgetreten, da gibt es erste Würdigungen. Er sei verlässlich gewesen, und er sei stärker auf die Bürger zugegangen, lobt der Vorsitzende der Fluglärmkommission, Gerhard Steintjes. «Ich hoffe, das ist bei dem Neuen auch so.»

Der neue Chef Mühlenfeld hat den Vorteil, dass er das ganze Projekt nicht noch einmal komplett überarbeiten muss. Es gibt einen anerkannten Zeitplan des Technik-Chefs Jörg Marks. Mühlenfeld dürfte sich vor allem um eine positive Außendarstellung kümmern.

Er wolle dazu beitragen, die «Geräuschkulisse, die ein Flughafen zweifelsohne macht, so klein zu halten wie es nur möglich ist», kündigt Mühlenfeld an. Nicht missverstehen: In diesem Fall ist mit Geräuschkulisse Fluglärm gemeint.

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Datum 24. Februar 2015
Autor Burkhard Fraune, Bernd Röder, dpa
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