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Rezension, Vermischtes

Im Zeichen des Abbruchs: Stadt als Werk

Die fragmentierte Stadt – Exklusion und Teilhabe im öffentlichen Raum

Die fragmentierte Stadt – Exklusion und Teilhabe im öffentlichen Raum

Das „Fragment“ ist ja in der Geistesgeschichte eher eine Kategorie der Romantik. Von der kann aber in „Die fragmentierte Stadt“ von Jürgen Krusche, Aya Domenig, Thomas Schärer und Julia Weber ganz und gar keine Rede sein, sondern von den Resten der Aneignung öffentlichen Raums in unseren Städten durch jene, gemeinhin marginalisiert genannten Menschen, die das System einer obwaltenden neoliberalen Wirtschafts- und Städtebaupolitik ausspuckt. Ob der Rückgriff aufs Fragment im Titel dennoch hier glücklich gewählt ist, mag der Leser dieser Zeilen wie des Buches selbst entscheiden. Sich den Texten des Buches, die es allemal in sich haben, zu nähern, mag ein kleiner Exkurs hilfreich sein.

 

 

Qualitative Inhaltsanalyse
Fünf Linkshänder waren Nichtraucher. Was aus Sicht soziologischer Statistik hier verblüffend zeitgenössischer Datenerfassung gleicht, markiert historisch gesehen die quantitative Analyse in der Gesellschaftswissenschaft. Der Übergang zur Inhaltsanalyse wird gemeinhin entweder mit Sigmund Freud, zumeist aber mit Max Weber veranschlagt. Als Initiation der Inhaltsanalyse wird, datiert man mit letzterem, dessen Vortrag auf dem ersten deutschen Soziologentag 1910 betrachtet, in dem er eine „Enquête für das Zeitungswesen“ forderte.1 „Ganz banausisch“, so Weber vor über 100 Jahren wörtlich, werde man mit dem Messen anzufangen haben, „mit der Schere und dem Zirkel, wie sich denn die Inhalte der Zeitungen in quantitativer Hinsicht verschoben“ hätten. Und von diesen Anfängen, so Weber weiter, „werden wir zu den qualitativen übergehen.“
Doch dieser Übergang hatte es in der Geschichte der Soziologie von Anfang an nicht leicht. Orientierte sich doch alle Inhaltsanalyse seit Ende der 1940er Jahre zunehmend in Richtung von Quantifizierung und statistischer Analyse. Qualitative Forschung galt in der Nachkriegszeit als unwissenschaftlich. Was zu Definitionen von Inhaltsanalyse führte, wie Berelson sie 1952 formulierte: „Content analysis is a research technique for the objective, systematic and quantitative description of the manifest content of communication.“ Diese Defintion rief noch im selben Jahr Siegfried Kracauers Soziologie-Verständnis von ihrem Gründervater Georg Simmel her auf den Plan. Kracauers Kritik gipfelt darin, eine derartige Analyse könne den Inhalt nur sehr oberflächlich erfassen, während die subtileren Bedeutungen verloren gingen. Von Kracauer her rührt dann auch der Begriff einer „qualitative content analysis“. Und spätestens hier wird klar, was den kleinen Exkurs in die Sozilogiegeschichte nötig erscheinen ließ, wenn es um die bei JOVIS erschienen „fragmentierte Stadt“ geht. Die von Kracauer geforderte qualitative Form der Inhaltsanalyse sollte auch „die latente Bedeutung thematisieren, nicht im Sinne von objektiver Bedeutung, von wahrscheinlichen und unwahrscheinlichen Lesarten, sondern als latente Bedeutung, auf die man sich intersubjektiv verständigen kann.“

Auch als Kunstwerk ist er beim Betteln in unseren Städten verboten.

Auch als Kunstwerk ist er beim Betteln in unseren Städten verboten. (JOVIS-Verlag)

Unwissenschaftlich
„Unwissenschaftlich“ kommt der Band schon in seiner Aufmachung daher: Bildfragmente des Großstadtlebens, Smartphone-Fotos bunt und verpixelt, das Objektiv knapp danebengehalten und auch ein Text über „Atmosphären, Fiktionen und das Nicht-Fotografieren“ von Jürgen Krusche, der in einen Foto-Essay überleitet. Der Band entstand in der „Forschungswerkstatt des engagiert künstlerisch-ethnographischen Forschens an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK), das nicht in den Laboren der Elfenbeintürme stattfindet, sondern gesellschaftliche Nähe aufsucht.“ (S.9) Die Vorgehensweise wird hier in der Einleitung als „sensibel, ideenreich, humorvoll wie ernsthaft“ beschrieben, was den „verschiedenen Forschungszugängen ein situatives oder sogar situationistsiches Zugehen auf städtische Alltagssituationen“ ermögliche, „die in ihrer menschlichen Dynamik unwägbare Planungsgrößen“ blieben. Schade nur, dass der als originell angekündigte Forschungsansatz in eher unorigineller Projektantrags-Prosa im einleitenden Kapitel formuliert wurde.
Was sich unterdessen eventuell ein klein wenig wie Strategien ausnimmt, die sich an einem Teil der Happening- wie Konzept-/Installations-Kunst seit spätestens den 1960er Jahren verdanken könnten, macht zugleich den nicht unerheblichen Reiz des Bandes besonders für stadtplanerische Erwägungen aus. Die nicht erst neuerdings latente Utopie von einer situativen (sogar situationistischen?) Stadtplanung die sich als solche dem zweiten Teil ihres Kompositum-Daseins enthebt – Stadtplanung ohne Planung. Als Heilmittel, soviel sei hier schon entdeckt, für allzu visionäre Plan-Ideen taugt der Band aber minimal. Und situativ, das betont Krusche im einleitenden Kapitel, sei auch der Verlauf des Projekts gewesen. Die Forschungspraktiken hätten sich „immer wieder verändert. Zum Teil wurden auch neue entwickelt, etwa die Arbeit mit einem Schauspieler oder das Rezitieren eines Textes gemeinsam mit Passant:innen. (S.25) Wenn er im Folgenden auf eine quasi angewandte „Methodenoffenheit“ rekurriert, ist das freilich spätestens seit Feyerabends „Wider den Methodenzwang“ von 1976 nichts recht Neues und hätte als methodische Quelle einer Nennung bedurft.

In diesem Bild ist ein Stellvertreter versteckt …

In diesem Bild ist ein Stellvertreter versteckt … (JOVIS-Verlag)

Wider Ergebnisse
Sympathisch aber und einfach nur methodenlogisch ist Krusches „Statt einer Conclusio“ überschriebener Schlussabschnitt. Auch hier lassen Ansätze konzeptueller Kunst grüßen, wenn er fordert, die Beiträge sollten statt eines Ergebnisses vielmehr von den Leser:innen und Betrachtenden „mental und kognitiv zu einem übergreifenden ‘Bild’ zusammengefasst werden, zu einem Konstrukt, das auch die Teile zwischen den Texten, Videos und Fotografien zu einem Ganzen synthetisiert.“ (S.29) Gelingt diese Synthese, dürfte der Dreh- und Angelpunkt des unmethodischen Ansatzes erreicht sein, könnte ein(e ) jede(r) mit Stadtplanung Beschäftigte(r) sich einen Reim auf Stadtentwicklung machen, der nicht auf Quantität und Planung ausklingt. Da freilich käme die Methodenoffenheit aufs Schönste einem Konzept der „Offenen Stadt“ ins Gehege, wie es Richard Sennet, so Krusche, „schon vor Jahren proklamiert hat.“ Den „freien Zugang aller gesellschaftlicher Gruppen und Schichten“ zum Stadtraum, den neoliberale Bau- und Immobilienpolitk bis heute so durchschlagend verhindert, nennt Krusche etwas moderat „besonders bedroht“. (S.29) Was von ihm übrig ist, zeigt der Band auf jeder folgenden Seite, indem er die auf dem Spiel stehenden Fragen stellt: „Doch grade der Umgang mit den Schwächsten einer Gesellschaft kann als Indikator dafür gelesen werden, in welchem Zustand sich … eine Gesellschaft befindet. (…) Wer zieht an welcher Stelle die Trennlinie zwischen denen, die ‘dazugehören’, und den ‘Überflüssigen’? Und was geschieht mit diesem immer größer werdenden Teil unserer Gesellschaft?“ Freilich nennt Krusche diese Fragen nicht zu beantwortende und dennoch folge man dem konzeptuellen Ansatz unerschrocken und bilde sich seine Synthesen.
Das Problem des Bandes könnte nun aber just darin bestehen, dass, was in der Einführung überzeugend und verlockend klingt, in der Durchführung seine Haken und Ösen hat, wo nicht gar gewisse – nicht nur theoretische – Widrigkeiten.

Kein nicht hierarchisierter Raum
So braucht es etwa nicht erst die ja auch kybernetisch nicht ganz neu vermittelte Einsicht, dass der Beobachter in einem Experiment das Beobachtete beeinflusst, wenn Thomas Schärer in seinem fulminanten und im Detail aufschlussreichen Essay „Exklusion und Teilhabe im öffentlichen Raum“ hervorhebt, es sei ihnen von Anfang an klar gewesen, dass sie „im beobachtenden, phänomenologischen Modus schnell an Grenzen gelangen würden.“ (S.36) Mit Bordieu geht Schärer von der These einer hierarchischen Gesellschaft aus, in der es keinen Raum gebe, „der nicht hierarchisiert ist und nicht die Hierarchien und sozialen Distanzen zum Ausdruck bringt“. (S.36) Er zeigt am Beispiel von konkreten, feldforscherischen (als Übung dem Empirie-Schein des Soziologie-Studiums mäßig originell ähnelnden) Begegnungen mit Obdachlosen in Berlin und Zürich, dem Murcamp in Graz und dem Berliner Tepeeland zwar momenthafte Erfahrungen der Umkehr von Machtverhältnissen, wenn etwa Obdachlose am Bahnhof Zoo gegen die Gewalt der Behörden ihren Gedenkbaum retten, kommt aber letztlich sehr wohl zu der Conclusio einer Exklusion durch Exkludierte – einer Hierarchisierung also auch unter den im öffentlichen Raum Ausgeschlossenen, allenfalls an bestimmten „sozialverträglichen“ Orten Geduldeten.

… auch hier, als plausible Maßnahme gegen Doku-Pornos

… auch hier, als plausible Maßnahme gegen Doku-Pornos (JOVIS-Verlag)

Eigensinnige Alltagspraxis
Julia Weber hinterfragt sodann in ihrem Essay mit dem verheißungsvollen Titel „’Herumlungern’ als eigensinnige Alltagspraxis“ als einer „ethnographischen Feldanalyse“ „die dominanten alltagsweltlichen und ordnungs- und sicherheitspolitischen Diskurse über das ‘Herumlungern’“ am Hohenstaufenplatz (dem sogenannten „Zickenplatz“) in Berlin. Das führt zu teils ergreifenden Beschreibungen von Begegnungen mit den Marginalisierten des dortigen Kiezes, zu aufschlussreichen Details der alten Westberliner-Kiezkultur und den gesamtstädtisch verheerenden Folgen von Hartz IV und neoliberaler Gentrifizierung, stimmt aber in der Vorgehensweise noch bei einem sich humorigen Ansätzen verschreibenden Projekt da lyrisch, wo die Feldforscherin ihren ehrlich bemüht nicht als Forschungsobjekte betrachteten „Herumlungernden“ ein Kindl spendiert. Schließlich outet sich die Autorin und Feldforscherin noch eher hemmungslos als Kumpel ihrer Beobachteten, wenn diese ihr zum Schluss ihrer Forschung für den Besuch danken und ihr attestieren, sie „passe in die Welt“.(S.84) Derlei dürfte zur Veröffentlichung eher weniger geeignet sein, zeigt aber die Crux des situativen Ansatzes. Noch wo er als qualitative Inhaltsanalyse zu respektieren sein sollte, kommt es auch hier zur Conclusio, wenn die auch nicht unvermittelt erscheint. Nähmen doch die Marginalisierten am „Zickenplatz“ ganz im Sinne Henri Lefebvres ihr „Recht auf die Stadt“ wahr. Als Kiezbürger:innen trügen sie in der Sprache Lefebvres zur „Stadt als Werk“ bei, indem sie sich einen öffentlichen Standort selbstbestimmt aneignen und in einen dauerhaft, gleichwohl prekären eigenen „Rückzugs- und Gegenraum“ transformierten. Dies, so die Autorin ihre Conclusio concludierend, nenne sie: „das eigensinnige Potenzial des Herumlungerns“. (S.86)

Kein Doku-Porno
Jürgen Krusche stellt im folgenden Aufsatz „Über Atmosphären, Fiktionen und das Nicht-Fotografieren“ interessante Überlegungen zur theoretisch unscharfen Kategorie der „Atmosphäre“ an, die sich ihm durch Bildarbeit am ehesten übertragen ließe, wenn diese nicht gar zu leicht zu Dokumentations-Pornographie verkomme. (S.93) Wo Menschen – und erst in bedrohter Lage – nicht ausgestellt werden sollen, scheint der Stellvertreter probates Mittel zu sein. Und so setzt man einen Schauspieler ein, der in bestimmten Berliner Straßensituationen (zumeist rund um den Bahnhof Zoo) den Bettler spielt, der als real existierender nicht pornografiert werden soll. Interessant dabei ist, dass gleich das erste Foto von Schärers oben erwähntem Aufsatz einen neben einem Geldautomaten sitzenden Bettler am Bahnhof Zoo so zeigt, wie der Stellvertreter ihn in dem Foto-Essay spielt, der sich Krusches Überlegungen zum Nicht-Fotografieren anschließt, wobei das („Konsequenz ist ein Kobold, der in engen Hirnen spukt“ …(Richard Hülsenbeck)) sehr wohl die Methodenoffenheit des Projektansatzes legitimiert.
Aya Domenigs „Momentaufnahmen und Lebensgeschichten“ zeigen den Charme von Autobiographien jener „ganz normalen Menschen“ die etwa zu Leergut-Sammlern werden und wollen darauf hinaus, dass „soziale Phänomene sich ohne den Miteinbezug ihrer diachronen Dimension kaum erschließen lassen.“ (S.165) Da kommt der Mensch in seiner Einzigartigkeit als der zum Vorschein, der Lefevbres „Stadt als Werk“ wie Sennets „offene Stadt“ ausmachen sollte. Ganz ähnlich auch der Ansatz bei der Aktion des Projektes in der Berliner Kurfürstenstraße zur Verdrängung der letzten Currywurst-Bude durch russische Investoren für Luxusappartments, die gern von fernöstlichen Wohlhabenden erworben werden. – Currybernd macht die Klappe zu – für immer …

Aus der Fotografieplanung

Aus der Fotografieplanung (JOVIS-Verlag)

Idyll und Aktualität
1928 geht Siegfried Kracauer (dem in Berlin Charlottenburg ein Platz gewidmet ist, der als solcher nicht fungiert) in der „Analyse eines Stadtplans“ auf die Pariser Faubourgs ein – „die Riesenasyle der kleinen Leute … den Existenzen, die verloren heißen, weil die anderen es sich gewonnen geben.“2 Die Art ihres Zusammenlebens nennt Kracauer „armselig und menschlich zugleich. Ihre Menschlichkeit rührt nicht allein daher, dass das Dasein in den Faubourgs Restbestände des natürlichen Lebens enthält, die es erfüllen. Entscheidend vielmehr ist, dass dieses gefüllte Dasein im Zeichen des Abbruchs steht.“
Das Wort beschreibt Idyll und Aktualität zugleich. Idyll: Auch in Berlin Marzahn, dies eine Lesefrucht des Bandes, sind die Mieten für Marginalisierte, „verlorene Existenzen“ nicht mehr bezahlbar – Riesenasyle sind für sie nicht mehr vorgesehen. Aktualität: Im Zeichen des Abbruchs steht das Dasein derer, die das neoliberale System ausspuckt, nicht nur in diesen Neo-Gründerzeiten – den pandemischen Zeiten kommen sie – selbst in medialer Berichterstattung gar nicht erst vor – wenn nicht Doku-Pornos gewünscht werden. Und Abbruch hinterlässt auf gut Deutsch Bruchstücke, jene Fragmente also, die der Band in empathischem Engagement für die „verlorenen Existenzen“ verteidigt. Also nehmen und lesen!


1 Quelle für den gesamten Exkurs: Udo Kuckartz, Qualitative Inhaltsanalyse: von Kracauers Anfängen zu heutigen Herausforderungen, in: FQS – Forum Qualitative Sozialforschung, Bd. 20 Nr. 3, Art. 12, 9. 2019,http://dx.doi.org/10.17169/fqs-20.3.3370
2 Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse, Ffm 1957, S. 14ff

Die fragmentierte Stadt – Exklusion und Teilhabe im öffentlichen Raum, Jürgen Krusche / Aya Domenig / Thomas Schärer / Julia Weber, Schweizer Broschur, 17 × 22 cm, 208 Seiten, zahlr. farb. Abb., ISBN 978-3-86859-643-4, 35.00€

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