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Kolumne Falk Jaeger

Ingenieure, diese Narren

Wenn Ingenieure narrenfrei sind“, so übertitelte die FAZ einen Beitrag zum Projekt Stuttgart 21. Nanu, denkt der Leser, nüchterne Rechner, pragmatische Planer, berufsmäßige, zuweilen zwanghafte Optimierer der Narretei verdächtig?

Hauptbahnhof in Stuttgart

Hauptbahnhof in Stuttgart (pp77 - fotolia)

Zum Glück erhellt die Lektüre nichts dergleichen. Ein Rundumschlag ist es, der ebenso ambitionierte, wie in diesem Fall gescheiterte Versuch, die technische, planerische, finanzielle und politische Gesamtproblematik des schwäbischen Jahrhundertprojekts in einem Artikel abzuhandeln und politisch zu werten.

So wird denn zum x-ten Mal der Juchtenkäfer ins Feld geführt, dessen Schutz durch eifrige Naturfreunde einmal Probleme bereitet hatte, ebenso wie die angeblich „einzigartige Eidechsenart“, die an einem neuen Abstellbahnhof umgesiedelt werden muss.

Neu ist die Erkenntnis, dass der Brandschutz bei den berühmten Kelchstützen nicht ausreiche. Die sollen nun 1200 Grad aushalten können, weshalb die Konstruktion geändert werde. „Die Betonierer lassen nun statt Stahlelementen kleine Kunststoffgitter in den Beton ein, damit die Kelche bei hohen Temperaturen länger stabil bleiben“, lesen wir irritiert, und: „Schmelzender Stahl setzt mehr Wasser frei als dieser Spezialkunststoff“(!). Schmelzender Stahl setzt Wasser frei, diese revolutionäre Erkenntnis lässt sich sicher großtechnisch weltweit auf vielfältigste Weise lukrativ nutzen. Damit kann man mehrere Stuttgart 21 finanzieren. Und den Flughafen BER gleich mit.

Weiterhin lernen wir bei der aufmerksamen Lektüre: „Beton, der zuviel Zement enthält, ist zwar hell, aber nicht so hitzebeständig. Also mischen die Betontechniker Hüttensand dazu, das führt nun dazu, dass der Beton der Stützen leicht bläulich schimmert.“ Warum, sinniert der Leser, sollte Beton zuviel teuren Zement enthalten statt günstigerer Zuschläge?

Warum aber blaustichigen Hüttensand? Potztausend, und das erlaubt der Architekt? Der doch in seinen verführerisch eleganten Renderings immer blendendweiße Kelchstützen vorgezeigt hatte? Da scheint doch einiges schief zu laufen. Und wieder mal wegen des Brandschutzes.

Aber die Ingenieure, wehe wenn sie losgelassen! Wir lesen: „Stuttgart 21 ist für Ingenieure ein faszinierendes Projekt, weil es hunderte Dinge enthält, die so noch nie gebaut worden sind, doch es ist auch ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Politiker Ingenieuren Narrenfreiheit lassen. Am südwestlichen Rand der Bahnhofsbaugrube, dort wo die Züge künftig Richtung Flughafen aus dem Bahnhof rollen sollen“ – es ist eigentlich der nordnordwestliche, wo die Züge Richtung Norden rollen werden, siehe Google Earth 48,785 9,179 – wir lesen weiter: “erhebt sich die alte, frühere Reichsbahndirektion, ein denkmalgeschützer Bau aus den zwanziger Jahren. Das Gebäude darf nicht abgerissen werden. Angeblich prägt es das historische Stadtbild, auch wenn das noch niemand bemerkt hat.“ Merkwürdig, der hoch aufragende Bau – neobarock, 1914, nicht zwanziger Jahre (!) beherrscht die ganze Szenerie an der Riesenkreuzung westlich des Hauptbahnhofs. Aber vielleicht hat ihn der Autor nicht entdeckt, weil er am anderen Ende der Baugrube gesucht hat…Und abgerissen wurde er zu drei Vierteln, nur der repräsentative Kopfbau blieb erhalten.

Aber nun der Skandal: „Der Bau wiegt 15.000 Tonnen und muss zwecks Tunnelbau für die Schienen nun mehrere Zentimeter angehoben werden – auch das kostet mal eben 50 Millionen Euro.“

Narrenfreiheit für Ingenieure? Wer immer in Sorge um das Stadtbild auf die Idee gekommen ist, die Stadt, die Denkmalpfleger, die Architekten, dem gebührt die Narrenkappe (wenn überhaupt jemandem). Die Ingenieure tun die ihnen aufgetragene und von wem auch immer finanzierte Arbeit und lupfen eben das Ding, was wäre gegen ihren Job zu sagen?

Dieses Ingenieur-Bashing ist ebenso unangebracht wie das Architekten-Bashing durch von der Komplexität der Sachlage überforderte Journalisten beim Flughafen BER (das glücklicherweise abgeebbt ist, weil die Öffentlichkeit mittlerweile die wahren Verantwortlichen für das Desaster ins Visier genommen hat).

Im Übrigen ist es mit der Ortskenntnis der FAZ nicht allzu weit her. Der „Neubau des Stadtteils auf den alten Gleisflächen“ hat mit dem Standort des Planetariums am Rand des Schlossgartens und den Plänen für ein Kulturzentrum zwischen Staatsgalerie und Staatstheater höchstens mittelbar zu tun. Überlegungen zur Tunnelung der B14 in diesem Bereich werden in Stuttgart seit Jahrzehnten ventiliert, und sicher noch weit über Stuttgart 21 hinaus.

 

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Datum 1. Dezember 2017
Autor Falk Jaeger
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