momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Kolumne Falk Jaeger

Ingenieure auf den Bildschirm!

„Die Leistungen unserer Ingenieurinnen und Ingenieure lassen sich […] nicht auf die technischen Aspekte reduzieren. […] Es geht […] längst nicht mehr um den reinen Zweck, sondern immer mehr auch um Fragen der Baukultur. Gerade in dieser Hinsicht werden die Leistungen der Ingenieure in der Öffentlichkeit längst noch nicht ausreichend wahrgenommen“ – die Erkenntnis, vom Bundesminister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung Peter Ramsauer in sperrigem Beamtendeutsch für das Ingenieurjahrbuch aufgeschrieben, treibt auch die Ingenieure um. Das Jahrbuch, Leistungsschau im Zweijahresturnus mit den beeindruckendsten Beispielen von Bauwerken aus deutschen Ingenieurbüros, ausgestattet mit von Laien lesbaren (nicht von den Ingenieuren selbst formulierten) Texten, ist ein respektabler Versuch, für Ingenieurarbeit zu werben und Interesse zu wecken.

Das scheint notwendig. Für Elektronik, für Flugzeug-, Fahrzeug- und Eisenbahntechnik gibt es Publikumszeitschriften, die sich an technikbegeisterte Laien richten, für Bautechnik muss dieses Publikumsinteresse offenbar erst geweckt werden.

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto Gallandi)

Vielleicht ist das Defizit in der Historie begründet. Den Architekten ist es gelungen, die Baumeister zu beerben, die in früheren Jahrhunderten den Ingenieur und den Baukünstler in sich vereinten, und ein positives Image mit Sozialprestige aufzubauen. Als aber das Bauingenieurwesen im 19. Jahrhundert zur separaten Disziplin wurde, entwickelte es ein eigenes Berufsbild. Die Ingenieure überließen das Wirken in der Öffentlichkeit den Architekten und zogen sich in eine hermetische Fachwelt zurück. Mit einer gewissen Logik, denn über Architektur, über Baugestaltung können Laien mitreden und Architekten müssen ihre Entwürfe in einer Öffentlichkeit, die ihren Erzeugnissen unentrinnbar ausgesetzt ist, rechtfertigen. Die Arbeit der Bauingenieure hingegen entzieht sich der Beurteilung durch den Laien, zumindest, wenn sie sich nicht spektakulär gestalterisch äußert (wie bei Brücken etwa). Ist ein Architekt im Spiel, nimmt der mit großer Selbstverständlichkeit das gestalterische Primat für sich in Anspruch. „Rechenknecht“, der despektierliche Ausdruck für den Bauingenieur wurzelt in diesem Selbstverständnis.

In Realität stellen sich die Verhältnisse meist anders dar. Je spektakulärer die Bauten, die signature architecture heute ausfallen, je mehr sind die Ingenieure auch als Gestalter gefordert. Bauwerke wie zum Beispiel das Nationalstadion in Warschau, das gerade mit dem 13. Ingenieurbaupreis ausgezeichnet wurde, ist ohne die engagierte und kreative Mitarbeit der Ingenieure – in diesem Fall schlaich, bergermann und partner – nicht denkbar. Doch leider ist es so, dass in der allgemeinen Berichterstattung über Architektur, Infrastruktur- und Verkehrsbau höchstens die Architekten genannt werden (und auch die nicht immer).

Dennoch, jedes mittelgroße Architekturbüro hat einen Mitarbeiter, der für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Im Ingenieurwesen ist das nur bei den ganz großen der Fall. Allgemeinverständliche Texte und veröffentlichungsfähiges Material von Ingenieuren zu bekommen, ist schwierig. Das Anliegen, mit der eigenen Arbeit in der Öffentlichkeit präsent zu sein, ist keineswegs besonders ausgeprägt. Warum dann die öfter zu hörenden Klagen der Ingenieure?

Man könnte ketzerisch fragen: Benötigen die Ingenieure überhaupt Öffentlichkeit? Sie bekommen ihre Aufträge nicht von Lieschen Müller oder von Amtmann Maier. Allenfalls aus der Fachszene, vermittelt über Architekten. Ihr Wettbewerbwesen kommt ohne Öffentlichkeit aus. Was nützt dem Ingenieur also engagierte Öffentlichkeitsarbeit? Fürs Geschäft nicht viel, fürchte ich, fürs gesellschaftliche Renommee eher mehr. Daran arbeitet man u.a. mit dem Ingenieurjahrbuch. Geschafft haben es die Ingenieure, wenn erstmals einer der ihren in einer TV-Serie als Protagonist auftritt – nicht immer nur Ärzte, Rechtsanwälte und Architekten.

Leserkommentare

  1. Nicolas Janberg | 12. Dezember 2012

    In der amerikanischen Fernsehserie “Prison Break” (2005-2009) ist einer der Protagonisten Bauingenieur. Er lässt sich die Pläne eines Gefängnis in kodierter Form auf den Oberkörper tätowieren, begeht ein Verbrechen und wird dann ins gleiche Gefängnis gesteckt wie sein unschuldig zum Tode verurteilter älterer Bruder. Mithilfe der Pläne schaffen es die beiden, aus dem Gefängnis auszubrechen… Also hat es zumindest in den USA ein “structural engineer” zum Protagonisten geschafft. Die Staffeln liefen auch im deutschen Fernsehen (RTL). Aber natürlich war der Beruf des Protagonisten hier eher Nebensache… Zumindest in Deutschland scheint es leider keinen Effekt auf das Ansehen des Bauingenieur-Berufes gehabt zu haben.

  2. Esther Schleidweiler | 14. Dezember 2012

    Wenn jemand denn das Vergnügen hat, sich terra x im ZDF anzusehen, konnte er kürzlich auch für den Ingenieurbereich fündig werden. Bauingenieure als Gestalter der Skylines der großen (und kleinen) Städte dieser Welt. Begleitet wurden die Bilder durch Kommentare von Volkwin Marg – hm, ein Architekt… Nachzusehen in der Mediathek.

  3. Nicolas Janberg | 31. Juli 2013

    Bei “Hot in Cleveland” gibt es einen Running Gag, dass eine der Hauptdarstellerinnen immer eines ihrer Kinder vergisst, also immer daran erinnert werden muss, dass sie drei und nicht nur zwei Kinder hat – zwei Söhne und eine Tochter. Irgendwann wird auch erklärt warum: Einer der Söhne ist “civil engineer”. Er ist einfach nicht interessant genug, um sich an ihn zu erinnern :(

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Datum 12. Dezember 2012
Autor Falk Jaeger
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