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Kolumne Reinhard Hübsch

jeder tag ein „tag der ingenieurbaukunst“!

da klagen sie nun, seit Jahren, die bauingenieure, dass sie von der öffentlichkeit zu wenig wahrgenommen würden mit ihrer arbeit, dass sie im schatten der architekten stehen. dabei gebe es doch hierzulande eine ingenieurbaukunst, die sich sehen lassen könne. und um die besser in der öffentlichkeit zu präsentieren, dazu benötige man einen – tag der ingenieurbaukunst!

angesichts der tatsache, dass es zwischen dem 1. januar und dem 31. dezember von gedenktagen nur so wimmelt, ist das ein geradezu genialischer vorschlag. am 26. januar findet der internationale tag des zöllners statt, im märz sind wir zum weltstaudammtag geladen, und im november bitten die vereinten nationen zum welttoilettentag – und genau dahin gehört auch der vorschlag eines tages des ingenieurbaukunst.

Reinhard Hübsch

Reinhard Hübsch (Foto: privat)

denn solcherlei welttage haben – siehe 19. november – das bewusstsein etwa für die notwendigkeit von sanitäreinrichtungen nicht wirklich steigern können, wohl aber könnte das eine profilierte, phantasievolle öffentlichkeitsarbeit der ingenieurkammern (und anderer verbände), man (und frau) müsste sich nur bei den bereits bestehenden gedenktagen stärker einbringen.

seit 1995 wird in deutschland etwa von den architektenkammern am letzten juni-wochenende zum „tag der architektur“ geladen. 2011 waren es gerade einmal magere 150.000, die sich auf den weg in beispielhafte bauten machten. wenn die ingenieurkammern sich mit den kollegen von der architektur zusammentun, um die misserfolge zu analysieren und dann ein neues konzept zu entwickeln, in dem die baukünstler aller disziplinen (und dazu gehören auch etwa die innen- und landschaftsarchitekten) sich wiederfinden, könnte dieser tag zu einem erfolg werden – auch für die ingenieure.

wie ein solcher erfolg aussieht, das beweist alljährlich der tag des offenen denkmals, der seit 1993 am 2. sonntag im september nicht hunderttausende, sondern millionen anlockt: mehr als 4,5 millionen besucher folgten in diesem sommer der einladung der deutschen stiftung denkmalschutz. wenn sich die ingenieure sich am tag des offenen denkmals beteiligen, erreichen sie gleich 30 mal mehr publikum als beim tag der architektur.

der internationale denkmaltag der unesco (am 18. april) bietet ebenfalls ein hervorragendes forum, um sich zu präsentieren; aber könnte es nicht weitere anreize für das publikum geben, sich über’s jahr mit den spezifischen kenntnissen und fähigkeiten der ingenieure auseinander zu setzen? beim internationalen museumstag am 18. mai ließe sich zeigen, welche enormen leistungen die zunft bei den pina- und glyptotheken erbrachte, und manches haus würde sich vermutlich freuen, wenn die planer mit modellen, plänen und vorträgen zeigen, wie es um die raffinierte statik und die zuweilen höchst komplexe dachkonstruktion der ausstellungshäuser bestellt ist.

allenthalben werden, oft zum verdruss vieler anwohner, neue moscheen erbaut (nein, auf die auseinandersetzungen in köln wollen wir jetzt nicht eingehen); der 3. oktober wurde vom zentralrat der muslime in deutschland zum tag der offenen moschee gekürt – eine hervorragende möglichkeit für architekten und, ja auch für ingenieure, sich dem publikum vor ort vorzustellen.

der welttag der wissenschaft (10. november), der welttag des theaters (27. märz), ja selbst der weltmühlentag (pfingstmontag) bietet allen ingenieuren spielraum, die statik ihrer brücken zum publikum zu überprüfen und zu festigen. jedes wochenende könnte überdies, wenn die ingenieure ein wenig phantasie hätten, zum deutschen ingenieurs-wochenende werden: strömen nicht allwöchentlich millionen in die bauwerke, die ohne die exorbiante leistung der ingenieure gar nicht denkbar wären, nämlich in die sportstätten? warum sehen wir dort keine modelle, pläne, videos zu den raffinierten planungen? vor dem spiel und in den pausen könnten solche ingenieurs-boxen so dicht umlagert sein wie nach dem spiel die fußballer-busse.

nein, ein tag für die baukunst ist überflüssig so überflüssig wie der welttag des fremdenführers (21. februar), stattdessen könnte jeder tag zum feiertag der ingenieurs-baukunst werden, wenn die damen und herren an den reißbrettern und in den verbandsstuben nur ein wenig mehr phantasie hätten.

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Datum 21. Januar 2013
Autor reinhard hübsch
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