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Kapitaler Dachschaden

Über das Kranunglück auf der WM-Stadionbaustelle in São Paulo ist viel Unsinn berichtet worden. Die Folgen sind trotz optimistischer Verlautbarungen noch nicht absehbar.

WM-Stadion São Paulo

WM-Stadion São Paulo (CDC Arquitetos)

Der Cachaça, der brasilianische Zuckerrohrschnaps zur Feier des Tages stand schon bereit. Man wollte allen Unkenrufen zum Trotz die Fertigstellung der stählernen Dachkonstruktion feiern. Die Nachricht, sechs Baustellen von Stadien für die Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien seien in Terminrückstand, war gerade wieder durch die Weltpresse gegangen. Die Rede war auch vom Neubau des Stadions in São Paulo für den größten örtlichen Club, die Corinthians Paulista. 65.800 Zuschauer soll die nach dem Stadtteil inoffiziell Itaqueirão genannte Arena fassen. Die elegante Architektur stammt von den brasilianischen CDC Arquitetos. Das Stahltragwerk des Daches mit der enormen freien Spannweite von 170 Metern wurde von Werner Sobek Ingenieuren aus Stuttgart entwickelt.

Längsschnitt Dachtragwerk mit temporären Unterstützungstürmen. Havariert ist Bauteil 6.5 Nord (Quelle: Werner Sobek Stuttgart)

Man war gerade dabei, das letzte Teil des äußeren Fachwerkbinders mit einem Raupenkran zu montieren. Das 60 Meter lange, 420 Tonnen schwere Konstrukt schwebte ein und sollte kurz darauf verbolzt werden. Der Raupenkran war wohl noch in einer Fahrbewegung. Zwei Meter vor der Zielposition verlor der Hub die Balance. Der 120 Meter hohe Ausleger geriet langsam ins Kippen. Die Last senkte sich auf den Tribünenunterbau, rutsche mit ratterndem Geräusch ab und zerschlug wie mit einer Riesenfaust die Fassade, bis das Fachwerkteil mit dem Ende auf dem Boden aufstieß. Der Kranausleger fiel quer über den Träger und erschlug am Boden einen flüchtenden Arbeiter sowie einen LKW-Fahrer in seiner Fahrerkabine. Die Kranseile schleiften über die Traufe des bereits montierten Daches und beschädigten den Randkragträger und die Traufzone.

Dem Umstand, dass auf der Baustelle Arbeitspause herrschte, ist zu danken, dass nicht mehr Opfer zu beklagen sind. Über den Ablauf des Unglücks und die Gründe sowie die Auswirkungen ist in der Presse viel Falsches und Spekulatives berichtet worden. Tatsächlich sind die Gründe auch für Fachleute nicht ganz offensichtlich. Denkbar ist sowohl ein Bedienungsfehler durch den Kranführer als auch ein Softwareproblem des Krans. Man wird wohl die Auswertung des Datenlockers des 1350-Tonnen-Krans Liebherr LR 11350 abwarten müssen, der hoffentlich dessen Rüstzustand und Balanceaktivitäten aufgezeichnet hat.

Wie die Unfallursachen, so sind auch deren Auswirkungen noch nicht abzuschätzen. Ein Monat Bauverzögerung, wie vielfach vorschnell berichtet, ist wohl recht optimistisch gerechnet. Die Betonkonstruktion der Tribüne ist sicher rasch reparierbar. Die Ostfassade, die auf ganzer Fläche mit LED besetzt ist und mit Videoprogrammen bespielt werden kann, wohl auch. Vom abgestürzten Träger scheint ein Drittel nicht in Mitleidenschaft gezogen, der Rest muss wohl neu produziert werden, auch dies mag in Monatsfrist zu schaffen sein. Zudem müssen zwei Joche des bereits montierten Kragdachs abgebaut und repariert werden.

Hauptproblem dürfte der Totalschaden des Krans sein. Unwahrscheinlich, dass ein Raupenkran dieser Größenordnung irgendwo ad hoc verfügbar ist. Und wenn, dann vielleicht in Kanada oder Südafrika. Für Antransport und Aufrüstung gehen locker acht Wochen übers Land.

Alternativ müsste man die Konstruktion und die Montage neu rechnen und die Bauelemente in kleinere Einzelteilen zerlegen, die dann mit kleineren Kränen montiert werden können. Die FIFA sieht sich also vor die Wahl gestellt, eine noch spätere Übergabe des fertigen Stadions zu akzeptieren oder ihre eigenen Vorbereitungen bei noch laufendem Bau zu organisieren. Denkbar ist weiterhin ein Verzicht auf den Fertigbau des Daches und ein Eröffnungsspiel auf „gesicherter Baustelle“, oder eben, worst case, die Verlegung des Eröffnungsspiels ins Maracanã. Jedenfalls eine spannende Herausforderung für die Bauleute, aber auch für den riesigen FIFA-Apparat, der sich im Lauf der Zeit zur trägen, weltumspannenden Maschinerie aufgebläht hat und dem man derlei Improvisationsfähigkeit kaum mehr zutraut.

 

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Datum 3. Dezember 2013
Autor Falk Jaeger
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