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Vermischtes

Keine Bilder über ein Projekt ziehen

Zu „Religion und Stadt“, hrsg. Ansgar und Benedikt Schulz

Teaser: Warum Ingenieurbau dem Sakralbau eventuell nicht so fern ist, wie es erster Anschein will, lesen Sie in dieser Rezension zu einem schmalen, gehaltvollen Band zum Thema des Bauens für sakralen Raum heute.

St. Trinitatis, Leipzig Schulz und Schulz Architekten, Leipzig Perspektive Martin-Luther-Ring

St. Trinitatis, Leipzig Schulz und Schulz Architekten, Leipzig Perspektive Martin-Luther-Ring (Foto: © Simon Menges)

Was könnte dem Ingenieurbau diametraler sein als der Sakralbau? Aber erstens wird in Zeiten digitalen Bauens die Schnittstelle zwischen Ingenieur und Architekt bekanntlich fließend und zweitens betonen die Herausgeber und Architekten dieses schmalen, spannenden Bandes, dass besonders durch den für allen Sakralbau prägenden Umgang mit Raum und Licht sehr wohl auch Erkenntnisse für den Profanbau gewonnen werden können. Und damit nicht genug, dass der Sakralbau heute bautechnische Innovationen ganz so zeitige, wie im Mittelalter der Bau von Kathedralen. Die beiden Herausgeber, Ansgar und Benedikt Schulz, nennen als Beispiel etwa den neuartigen Umgang mit Mauerwerk bei den massiven Ziegelwänden des in Berlin entstehenden „House of One“. Ihm ist eines von fünf Kapiteln des Bandes gewidmet, von denen ein jedes einem unlängst entstandenen oder gerade entstehenden Sakralbau gewidmet ist – die vier anderen behandeln in kurzen Beschreibungen, üppigem Bildmaterial und jeweils einem Interview mit dem/den Architekten zwei Kirchenbauten, eine Synagoge und eine Moschee. Dazu gibt es ein lesenswertes Vorwort der Herausgeber, und Mario Botta hat deren Projekt der Leipziger St. Trinitatis-Kirche durch einleitende Worte geadelt.
Die Pointe dieses schmalen, äußerst lesenswerten Bandes könnte in den ihn beschließenden Worten Paul Böhms bestehen, der die Zentralmoschee in Köln entwarf. Böhm spricht sich gegen den Begriff der Inszenierung aus, und schlägt schlicht den der „Architektur“ vor. Er findet den Begriff „Inszenierung“ als an das Theater erinnernd, schwierig und erkennt als „Problem unserer gegenwärtigen Architektur, dass zu viele Dinge inszeniert werden, und das meist nur für kurze Zeit, bis eine neue Inszenierung kommt.“ Architektur sei aber kein Saisonartikel, der ein bestimmtes Lebensgefühl vorspiele, um die Leute zum Konsumieren anzureizen.

Zentralmoschee, Köln; Paul Böhm Architekten, Köln

Zentralmoschee, Köln; Paul Böhm Architekten, Köln (Foto: © Philipp Robien)

So wahr diese Worte sein mögen, fällt es – und eben darin besteht die mögliche Pointe – dem Betrachter der zahlreichen Abbildungen doch gleich auf, dass von allen hier verhandelten Sakralbauten Böhms Kölner Zentralmoschee eventuell der inszenierteste Entwurf sein könnte. Und genau hier dürfte auch das Spannungsfeld des Diskurses um Sakralbau heute zu verorten sein. Viele zeitgenössische Architekten scheinen gemäß Böhm Vorbehalt zu haben, über das rein Funktionale hinaus zu planen, etwa größer zu bauen oder andere Materialien als (die klassischen Ingenieurbau-Materialien …) Stahl und Glas zu verwenden. „Mit dieser Haltung“, so Böhm, „kommt man nicht weit, wenn es um Sakralbau geht.“ Doch weiß Böhm zugleich auch, dass die Kunst des Architekten darin bestehe, „mit Widersprüchen zu arbeiten“.
Der schließlich „Religion und Stadt“ betitelte Band legt davon auf jeder seiner Seiten Zeugnis ab. Begriffe wie Transzendenz, Monumentalität, Symbolik, Geborgenheit durchziehen die Interviews als roten Faden, den jeder der Architekten mit anderen baulichen Lösungen knüpft. Besonders spannend wird das in dem Interview zum Berliner „House of One“, das „Nicht die Atheisten sind die größten Feinde des Projekts, sondern die Dogmatiker“ betitelt ist. In ihm bringt Wilfried Kühn eine bedenkenswerte Perspektive auf den Begriff der Monumentalität, die er gar für desiderabel hält. Das Gebäude müsse auffallen, weil es wichtig sei. Versuche man, Religion zu verstecken, so wie das im 19. Jh. mit Synagogen oder, wäre zu ergänzen, im Kulturkampf mit katholischen Kirchen geschah, habe man den ersten Schritt zur Privatisierung von Religion getan. Dass dieser Schritt just der in Richtung des heute grassierenden Fundamentalismus praktisch aller Religionen bedeuten kann, führt Kühn schlüssig vor Augen. Privatisiere man Religion, passiere, was in verschiedenen anderen Debatten zu beobachten sei: Politik und Religion entfremden sich voneinander. Dann habe „die Politik irgendwann keinen Zugriff mehr, und es etablieren sich unter dem Deckmantel der Religion Ersatzorte, an denen eine ganz eigene Politik entsteht.“ Müßig der Hinweis, dass derlei Überlegung nicht gegen die zentrale demokratische Errungenschaft der Trennung von Kirche und Staat votiert, aber vorführt, woher bestimmte Symptome in unseren Städten rühren könnten.
Natürlich hat Kühn damit keine „Lösung“ angegeben, aber doch die Gratwanderung umschrieben, von der alle in diesem spannenden Band beschriebenen Projekte künden. In Potsdam kam es unlängst zum Baustopp für die neue Synagoge, weil sie u. a. Teilen der dortigen jüdischen Gemeinde nicht repräsentativ genug ausgefallen ist. So hat der Architekt Jost Haberland etwa auf einen Davidstern an der Fassade verzichtet und in Leipzig fiel die St. Trinitatis Kirche den anliegenden Bewohnern zunächst als zu monumental und den Blick auf das Rathaus verstellend aus. Doch habe das Material der Fassade – Naturstein, alle Kritik an Monumentalität verstummen lassen. Mario Bota nennt diese Kirche „eines der geglücktesten Beispiele zeitgenössischen Kirchenbaus.“ Aber auch durch dieses Lob läuft ein Bruch, der die Komplexität der Gratwanderung zu illustrieren vermag.

St. Trinitatis, Leipzig; Schulz und Schulz Architekten, Leipzig; Altarrückwand

St. Trinitatis, Leipzig; Schulz und Schulz Architekten, Leipzig; Altarrückwand (Foto: © Simon Menges)

Ansgar Schulz räumt im Gespräch mit Wilfried Kühn ein, dass der Kirchhof der St. Trinitatis-Kirche in Leipzig deswegen so belebt sei, weil „die Öffnung des gesamten Grundstücks auf einer wichtigen Wegeverbindung der Stadt“ beruhe. In der Wettbewerbsauslobung für den Kirchbau sei der missionarische Aspekt sehr deutlich formuliert worden – nicht im Sinne von „bekehren“, aber von „neugierig machen“. Missionarisch bleibt das allemal – und so kann die Gratwanderung en passant schnell zum Absturz werden. Allerdings sagt derselbe Ansgar Schulz an anderer Stelle, es sei nicht erstrebenswert, zu wissen, wie eine Kirche auszusehen habe, „weil man dann den Fehler macht, Bilder über ein Projekt zu ziehen. Wenn man wüsste,“ meint Schulz, „wie eine Kirche aussieht, könnten wir nur noch über Bilder reden.“
Eben das tut dieser Band in für das Verhältnis von Religion und Stadt nicht grade günstigen Zeiten sehr prononciert nicht, sondern entlässt den Leser neben vielen erfreulich offenen Fragen mit der, was eigentlich zuerst dagewesen sei: die Abwanderung der Menschen aus den Kirchen oder die Banalisierung des Kirchbaus? Könnte man Architektur irgend zu viel Bedeutung und Einfluss auf unser Menschsein und -werden beimessen, dann sicher nicht mit dieser Frage.

Religion und Stadt, Hg. Ansgar und Benedikt Schulz, jovis Verlag, Berlin 2018, 95 Seiten, 39 farbige u. 22 s/w Abbildungen, 170 x 240 mm, Hardcover, 28,- €, ISBN 978 – 3 – 86859 546-8

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Datum 3. Oktober 2018
Autor Burkhard Talebitari
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