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Vermischtes

Klaus Stiglat und Herbert Wippel: Doppeltes Jubiläum

Klaus Stiglat (links) und Herbert Wippel

Klaus Stiglat (links) und Herbert Wippel (Foto: privat)

Am 3. August bzw. am 15. Oktober konnten Klaus Stiglat und Herbert Wippel ihren 85. Geburtstag feiern. Die Lebenswege führten sie, den gebürtigen Ostpreußen Klaus Stiglat, den es nach dem Krieg mit seinen Eltern nach Südbaden verschlagen hatte und den Mannheimer Herbert Wippel, zusammen, als sie 1952, also vor 65 Jahren, das Studium des Bauingenieurwesens an der Technischen Hochschule in Karlsruhe aufnahmen und sich bei Vermessungsübungen näher kennengelernt hatten.

Die Stadt Karlsruhe ist auch nach Beendigung des Studiums ihr Lebensmittelpunkt geblieben. Am Institut ihres Lehrers Professor Fritz nahmen beide  eine wissenschaftliche Assistentenstelle an und widmeten sich der Lehre, im angeschlossenen  Ingenieurbüro ihres Chefs der Bearbeitung von Projekten, aber  auch der Forschung mit dem Ziel der eigenen Promotion. Kurz hintereinander wurden sie promoviert, Stiglat 1960 mit einer Arbeit über rechteckige und schiefe Platten mit Randversteifungen, Wippel 1961 mit einer grundlegenden Arbeit zur Berechnung von Verbundtragwerken aus Beton und Stahl. Den Anstoß zur ersten gemeinsamen  Veröffentlichung eines Fachaufsatzes in „Beton-und Stahlbetonbau“ 1959 gab die statisch-konstruktive Bearbeitung von über Eck an zwei benachbarten Rändern gelagerten Flügelwänden der Brückenwiderlager. Ziel des Beitrags war es,  die Ergebnisse von aufwändigen Auswertungen der theoretischen Grundlagen  für unterschiedliche geometrische Plattenparameter mit einer für das Bauen ausreichenden Genauigkeit in Tabellenform darzustellen. Noch während ihrer Zeit am Institut  beschlossen sie, diese Arbeit auf Platten mit den unterschiedlichsten Lagerungsbedingungen  auszuweiten.  In mühevoller Kleinarbeit entstand so die  vor mehr als 50 Jahren 1966 herausgegebene 1. Auflage des später  Sti-Wi genannten Plattenbuchs. Damit gelang es den beiden Verfassern, den planenden Bauingenieuren ein in der Handhabung einfaches Tabellenwerk für die  Dimensionierung von Plattensystemen  unterschiedlichster Art  zur Verfügung zu stellen.

Zuvor hatten sie bereits beschlossen, den Weg in die Selbständigkeit zu wagen und gründeten 1965 in einer Phase wirtschaftlicher Rezession zusammen mit ihren Studienfreunden Ernst Buchholz und Horst Weckesser die Keimzelle der Ingenieurgruppe Bauen mit Sitz in Karlsruhe. Der Büroname war mit Bedacht und Weitsicht gewählt: Im Begriff der Gruppe steckt einerseits das erforderliche gegenseitige Vertrauen als Basis für eine  auf Dauer angelegte Partnerschaft, der zum Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens notwendige Ehrgeiz des Einzelnen musste dabei stets den Erfolg des Ganzen im Auge behalten. Andererseits vereinfacht der gewählte Name die spätere Eingliederung weiterer Partner und die Nachfolge.

Bereits im Jahr 1968 erhielten Stiglat und Wippel auf  Grund nachgewiesener fachlicher Kompetenz und praktischer Erfahrung die Anerkennung als Prüfingenieure für Baustatik für die Fachrichtungen Massivbau und Metallbau. Das solide  Fundament, auf dem das Büro wachsen konnte, war damit gelegt. Die zunehmende Größe der Planungsaufgaben und die Ausweitung des Aktionsradius führten zur Gründung von Niederlassungen in Mannheim 1978, in Berlin 1991 und  2008 schließlich in Freiburg.

In den 1970er Jahren war der Sti-Wi zu einem der Standard-Handbücher für den täglichen Gebrauch in den Büros für den konstruktiven Ingenieurbau geworden. Im Vorwort zur  erweiterten 3. und letzten Auflage von 1981 gaben die Autoren ihrer Hoffnung Ausdruck, „dass das Buch eine gute Hilfe in der Arbeit des Alltags – trotz der weiter verbreiteten Rechenanlagen – bleiben und zum Erkennen des Tragverhaltens von Plattentragwerken beitragen möge“.  Ergänzungen erfuhr der Sti-Wi fortan mit dem Beitrag  „Massive Platten“ im Beton-Kalender, letztmals im Jahr 2000. Auch die Themen für weitere Fachaufsätze ergaben sich aus der täglichen Berufspraxis , seien es Stiglats vereinfachte Nachweise für das Kippen von Stahlbetonträgern bzw. einfache, am realen Verhalten weitgespannter Bauteile kalibrierte Formeln für die Langzeit-Biegeverformungen von Stahlbetonbauteilen oder Wippels Aufsatz über gekrümmte Balkenbrücken ohne Drillsteifigkeit. Die Intention aller ihrer fachlichen Beiträge war es, wissenschaftliche Theorien auf ihren Gehalt zu untersuchen und daraus einfach anwendbare Näherungslösungen zu entwickeln mit dem Ziel, den planenden Bauingenieuren mehr Zeit und mehr Freiraum zu schaffen für das oft vernachlässigte konstruktive Entwerfen. Der anschließenden statischen Berechnung sollte lediglich der Stellenwert der Kontrolle bzw. Bestätigung eines guten konstruktiven Entwurfs zukommen.

Die digitale Revolution mit fast grenzenlosen Speicherkapazitäten und die Entwicklung  leistungsfähiger und einfach anwendbarer Software haben dafür gesorgt, dass Fachbeiträge der geschilderten Art und die bewährten Handbücher  kaum noch aus dem Bücherschrank geholt werden. Inzwischen werden auch einfache Plattensysteme mit FE-Programmen bearbeitet.  Allerdings ist festzustellen, dass  in den FE-Rechenprogrammen enthaltene Voraussetzungen und Grenzen nicht immer beachtet und falsche Ergebnisse kritiklos übernommen werden. Dies liegt daran, dass Näherungsberechnungen und Ingenieurverstand heute nicht mehr so trainiert werden, wie es unsere Seniorpartner gelehrt haben.

Die Partner der Ingenieurgruppe Bauen haben sich immer  auch engagiert in berufsständischen Gremien, in Normungs-und in Fachausschüssen. Herbert Wippels Wirken war dabei eher nach innen gerichtet. Er brachte über  mehr als drei Jahrzehnte seine Erfahrung aus der Planung vieler schadensfreier Bauwerke in  den statisch-konstruktiven Ausschuss der Landesvereinigung Baden-Württemberg  der Prüfingenieure ein, gehörte über viele Jahre dem Ausschuss für die Zulassung von Prüfingenieuren an und tat viel für die Sicherstellung des hohen Niveaus der bautechnischen Prüfung.

Klaus Stiglat machte sich schon als junger Freiberufler in Wort und Schrift „als Mahner und Anwalt des Berufsstandes“, einen Namen, wie es Fritz Wenzel bereits vor 25 Jahren  treffend formulierte. Die  großen Leistungen und den Wagemut der frühen Bauingenieure  zu würdigen und die Erinnerung daran wach zu halten, war ihm genauso wichtig wie die Forderung an die heutigen Ingenieure, mehr Präsenz in der Öffentlichkeit und mehr Selbstbewusstsein, aber auch mehr Kreativität in die  gemeinsame Planungsarbeit mit den Architekten einzubringen. Vor fast 30 Jahren vermittelte er dem Verlag Ernst & Sohn die wegweisende Idee, zur Würdigung der Leistungen der heutigen Ingenieure einen Ingenieurbau-Preis zu stiften. In seinen 24 Jahren als Schriftleiter von „Beton-und Stahlbetonbau“ sorgte er für ein hohes Niveau seiner Zeitschrift und  in seinen Leitartikeln  „In eigener Sache“ nahm er immer wieder kritisch Stellung zu aktuellen Themen, seien es Fehlentwicklungen in der Politik, der Berufsausbildung, der ausufernden Normung oder der zunehmenden kritiklosen Computergläubigkeit. Veredelt waren diese Beiträge oft durch eine Fülle von hintergründigen, meist satirischen Zeichnungen, die er in den Ferien am Atlantik oder sonstwo geschaffen und auch in Buchform gefasst hat. Seine Bücher, z. B. „Brücken am Weg“ und „Ingenieure und ihr Werk“ bzw. Aufsätze  wie beispielsweise über die Geschichte der Schwebefähren sind Dokumente der Hochachtung vor den  historischen Leistungen der frühen Bauingenieure.

Diese Hochachtung zeigt sich auch in seinem vorläufig letzten Buch „Bücher sind Brücken“. Seine Gedanken bei der kürzlichen Übergabe der privaten Bibliothek mit 1 500 vor allem historischen Fachbüchern, vornehmlich zum Brückenbau, an das Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) verbindet Klaus Stiglat darin mit einem Gang durch die Geschichte des Bauens und der jeweiligen  zeitgenössischen Literatur zum Bauwesen.

Für sein hohes ehrenamtliches Engagement und seinen fortwährenden Einsatz für die Verbesserung des Erscheinungsbilds der Bauingenieure in der Gesellschaft erhielt Stiglat 1998 das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Nach einem erfüllten und erfolgreichen Berufsleben  haben die Gründer der Ingenieurgruppe Bauen am Ende einer Übergangsphase  im Jahr 2001 die Führung  des Büros den jüngeren Partnern übergeben und zogen sich  aus dem Berufsalltag zurück. Ihren „Ruhestand“ leben die Jubilare unterschiedlich: Klaus Stiglat verbringt jetzt  mehr Zeit am Atlantik in Frankreich, macht  etwas kürzere Spaziergänge, liest viel, zeichnet und schreibt. Herbert Wippel, feinsinniger Kunstfreund, geht oft in Ausstellungen,  macht  eher kürzere Reisen und kümmert sich um seine Gesundheit. Ins Konzert gehen sie zusammen und regelmäßig treffen sich die älteren Partner zum Frühstück.

Das Büro, das sie vor 52 Jahren mitgegründet haben, ist auf mehr als 200 angestellte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen, es muss anders geführt werden als früher, das ursprüngliche Selbstverständnis der Gruppe hat sich aber verstärkt und strahlt  auf alle Angestellten aus, die Selbstverpflichtung, Planungsleistungen hoher Qualität abzuliefern, ist geblieben.

Wir, die inzwischen Älteren, wünschen den Jubilaren im Namen aller Partner der Ingenieurgruppe Bauen  noch viele gute Jahre.

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Datum 29. November 2017
Autor Josef Steiner, Dietmar H. Maier, Josef Seiler
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