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Vermischtes

Weltweit einmaliges Krantechnikmuseum

Alte Baumaschinen als Museums-Exponate
Turmdrehkrane sind Dreh- und Angelpunkt einer Hochbaustelle und zugleich weithin sichtbares Symbol. Mit der Entwicklung der Turmdrehkrane wurde es möglich, die benötigten Baumaterialien in einem dreidimensionalen Raum zu befördern und diese an beinahe jedem erforderlichen und vom Kran erreichbaren Ort einer Baustelle aufzunehmen oder abzusetzen. Gleichzeitig erzielte man mit der Entwicklung des Turmdrehkrans auch eine ungemein sozial-humane Wirkung: Waren es bis zur Einführung der Turmdrehkrane vorwiegend die auf dem Bau arbeitenden Menschen, die die zum Teil zentnerschweren Baumaterialien nicht gerade gesundheitsförderlich per Hand oder auf Ihren Schultern bewegen mussten, so übernahm der Baukran diese Körper verschleißende Fördertätigkeit und schuf gleichzeitig neue berufliche Perspektiven. Solche Baukrane müssen nicht nur fachgerecht hergestellt, sondern auch gewissenhaft bedient werden. Gründe genug, dieser speziellen Baumaschine einen ihr gebührenden Platz in einem technischen Museum vorzusehen und ihre vielfältige Historie zu würdigen.

Turmdrehkrane als „herausragende“ Museumsstücke

Bild 1: Die beiden Museums „Ur“-Baukrane Kaiser TK B (Lizenzbau Brun) und Wolff F 45 EW (mit Glockenausleger)

Die beiden Museums-"Ur"-Baukrane Kaiser TK B (Lizenzbau Brun) und Wolff F 45 EW (mit Glockenausleger) (Moeller)

Seit der Übernahme der ersten Altbaumaschinen im Jahr 1994, zählt das Kran- und Baumaschinenmuseum mittlerweile über 160 interessante und konstruktiv wegweisende Baumaschinenexponate. Der eigentlich erste echte Turmdrehkran, eine Krankonstruktion, die im Jahr 1912 vom früher bedeutenden Maschinenbauunternehmen Kaiser & Schlaudecker (ab 1927 Umfirmierung in Maschinenfabrik Otto Kaiser KG) im Markt eingeführt wurde (Bild 1), und ein imposanter Vertreter der Anfang des 20. Jahrhunderts noch üblichen Dampfbagger, einem Menck & Hambrock, Typ M IV (Baujahr 1927), sind nur zwei stellvertretende Beispiele der musealen Highlights.
Auch frühe Maschinenexponate heute noch erfolgreich am Markt präsenter Baumaschinenhersteller gehören zu den wesentlichen Exponaten des Kran- und Baumaschinenmuseums. So sind mit einem Form 45 EW (Bild 1) auch ein „Ur-Gerät“ des Heilbronner Unternehmens WOLFFKRAN – einer obendrehenden Krankonstruktion, die gerade in diesem Jahr ihr 100-jähriges Jubiläum feiern kann – sowie mit einem TK 6, einer der ersten, vom heute größten deutschen Baumaschinenkonzern LIEBHERR entwickelten und gebauten Turmdrehkran, im musealen Bestand zu finden.

Die Besonderheit, die das Kran- und Baumaschinenmuseum weltweit einmalig macht, ist, dass in unserem Bestand eine große Anzahl veschiedenartiger Turmdrehkrane vorhanden ist. Das Museum dokumentiert mit seinen Baukran-Exponaten die gesamte technische Entwicklungsgeschichte dieser speziellen Baumaschine ab etwa 1910 bis 1980.

Somit kann man einen regelrechten „Spaziergang“ durch ein überaus interessantes Stück europäischer Technikgeschichte und Industriekultur unternehmen und dabei – neben den Baukranen – viele weitere, entwicklungstechnisch bedeutsame und epochentypische Baumaschinen besichtigen. Auch die Baumaschinentechnik der sogenannten „Wirtschaftswunderzeit“ kommt dabei nicht zu kurz und so kann man auch viele „Baumaschinengesichter“ erblicken, die vielen Menschen auch heute noch bekannt sind.

Dokumentierte Entwicklungsgeschichte der Baukrantechnik

Die ersten für Baustelleneinsätze entwickelten Turmdrehkrane waren noch relativ schwere, langwierig und aufwendig zu montierende Geräte. Sie hatten meist ein sogenanntes, gleisgebundenes Kranportal, auf das die eigentliche Krankonstruktion aufgebaut war. Ein Vorteil dieser schweren Kranportale war, dass Hindernisse zwischen den Gleisen, wie die früheren Fuhrwerke oder zwischen den Gleisen gelagerte Baumaterialien, mit Höhen von bis zu 3 m, überfahren werden konnten.

Die ersten Baukrane waren Konstruktionen, die optisch an alte Telegraphen- oder Lichtmaste erinnern, wie es im Buch “Turmdrehkrane – 100 Jahre auf Baustellen in aller Welt” (Bergerhoff, Keßel, Meyer / Podszun-Verlag) nachzulesen ist. Über dem Portalunterwagen war ein simpler, aus Eisenwinkeln bestehender Turm, unterhalb dessen Spitze ein noch relativ kurzer, starrer und nur durch das Hubwerk in seiner Ausladung veränderlicher Ausleger angelenkt war. Als frühe Hersteller, um etwa 1910, sind hier das ehemalige Unternehmen Heinrich Rieche aus Kassel sowie das Unternehmen Carl Peschke (Pekazett – heute KSD Kransysteme) aus Zweibrücken zu nennen. Diese beiden Kranfabrikate waren in der Regel noch Einmotoren-Turmdrehkrane.

Der erste „große Wurf“ gelang dem Unternehmen Kaiser & Schlaudecker (später Otto Kaiser KG) mit der Entwicklung eines Baukrans, bei dem bis zu drei Arbeitsbewegungen gleichzeitig ausgeführt werden konnten: Hub-, Schwenk- und Fahrbewegung. Die ersten Kaiser-Krane kamen im Jahr 1912 auf den Markt und erfreuten sich recht schnell einer großen Beliebtheit. Diese Geräte hatten oberhalb des Kranportals ein geschlossenes Maschinenhaus, das gleichzeitig Führerstand war. Der Kranturm ging durch das Maschinenhaus hindurch und konnte oberhalb dieses Maschinenhauses durch  Einsetzen von 6-m-Turmstücken in begrenztem Maße für die erforderliche Bauhöhe ausgerüstet werden. Am abgekröpften Ende des Kranturms wurde ein Ausleger in sogenannter Biegebalkenbauweise angelenkt. Wie der Name schon sagt, wurden diese Ausleger vorwiegend auf Biegung beansprucht, während der spätere Nadelausleger die Zug- und Druckkräfte in den Kranturm ableitete.
Das Verstellen dieses Biegebalkenauslegers erfolgte ebenfalls durch den direkt unter die Auslegerspitze gefahrenen Lasthaken und das anschließend weitere Betätigen des Hubwerks. Bei dieser Auslegerverstellung senkte sich ein am hinteren, kurzen Ende des Auslegers befestigtes Gestänge nach unten und konnte vom Maschinisten im Maschinenhaus manuell verriegelt werden.

Eine weitere, wegweisende Kranentwicklung war ein Gerät, das im darauffolgenden Jahr 1913 von dem Heilbronner Unternehmen Julius Wolff, heute WOLFFKRAN, auf der Leipziger Messe der Fachwelt präsentiert wurde. Dies war der erste echte Obendreherkran! Bei dieser Krankonstruktion war über die Turmspitze eines starren, nicht drehbaren Kranturms eine zweite Spitze quasi drübergestülpt, die sich mit einem Druckrollenring am Kranturm abstützte und um diesen herum mittels eines dort platzierten Drehwerkes allseitig und unbegrenzt drehen konnte. An zwei sich gegenüberliegenden Positionen befanden sich entsprechende Laschen, an denen auf der einen Seite der Kranausleger, der bereits die Form eines Nadelauslegers aufwies, und auf der gegenüberliegenden Seite, nur wenige Jahre nach den ersten Geräten dieser WOLFFKRANE, ein Gegenausleger montiert werden konnten. Wegen der zuvor beschriebenen Gestaltung wurde diese Bauform auch als Glockenausleger bezeichnet.

Krane von Otto Kaiser, in der zuvor beschriebenen Bauform, wurden mit einigen Veränderungen bis etwa 1940 gebaut, während der recht weit verbreitete “Wolffkran” noch bis etwa Mitte der 1950er Jahre gebaut wurde. In den letzten Fertigungsjahren wurde für diese “Wolffkrane” auch ein zusätzliches Auslegerverstellwerk angeboten.
Nicht unerwähnt bleiben sollte die Tatsache, dass für solche frühen WOLFFKRANE bereits im Jahr 1928, binnen kürzester Zeit, ein in horizontaler Lage abgespannter Ausleger mit selbstgetriebener Laufkatze entwickelt wurde. Dies war für ein Bauprojekt in Lyon (F). Der ausführende Bauunternehmer bestellte seinerzeit vier solcher Wolffkrane mit Laufkatzausleger.
Arthur Loeb, der Konstrukteur dieser speziellen Wolffkran-Bauform, flüchtete im Jahr 1933 aus Deutschland nach Lyon. Dort kam er mit Edmond Weitz in Kontakt, der die Ateliers Gebr. Weitz betrieb. Ein neues Team war  entstanden und daraus die früher ebenfalls weithin bekannten Weitz-Krane. Bereits ab den 1940er Jahren wurde eine neue Reihe obendrehender Laufkatzkrane unter dem Firmennamen C.A.C.L. J. Weitz präsentiert.

Bild 2: Museumskran Liebherr TK 6

Bild 2: Museumskran Liebherr TK 6 (Baujahr 1950) kurz vor Übernahme als Museumsexponat (Foto: Dirk P. Moeller)

Die Eisen- bzw. Stahlkonstruktionen der frühen Krankonstruktionen wurden bis Ende der 1940er Jahre noch warm miteinander vernietet. Ab etwa dieser Zeit waren die Entwicklungen im Bereich der Schweißtechnik so weit fortgeschritten, dass die Kranbauer die Stahlkonstruktionen ihrer Krane im Schweißverfahren fertigten. Einer der Vorreiter war der damals ebenfalls innovative Konstrukteur Pierre Pingon.

Im Jahr 1949 entwickelte der heute weithin bekannte Baumeister Dr. Ing. (hc) Hans Liebherr aus dem schwäbischen Kirchdorf einen schnell  montier- und transportierbaren Baukran und legte damit den Grundstein für seinen bemerkenswerten Weltkonzern.
Seine ersten Krane waren recht einfache Biegebalkenauslegerkrane ohne Auslegerverstellwerk (Bild 2), die aufgrund bereits früher Serienfertigung auch für kleinere Bauunternehmen erschwinglich waren.
Eine Weiterentwicklung dieser ersten LIEBHERR-Krane, die mit einem Rohrmastturm ausgeführt wurde, konnte mit zusätzlichem Auslegerverstellwerk angeboten werden. Aber auch sonst setzte LIEBHERR ab 1950 Akzente. Ab 1952 brachte LIEBHERR untendrehende Baukrane auf den Markt, bei denen der bisherige Biegebalkenausleger durch einen unterhalb der Turmspitze angeordneten Nadelausleger ersetzt wurde.

Bild 3: Museumskran Liebherr F 14 A (Bj. 1955)

Bild 3: Museumskran Liebherr F 14 A (Bj. 1955) mit Polypunterwagen und Teleskopturm während zweier Baustelleneinsätze im Jahr 1957 (Dirk P. Moeller)

Ein wahrer Geniestreich gelang im Jahr 1955 mit der Entwicklung und Vorstellung der beiden neuen Krantypen F 14 A und F 25 A. Es waren dies die ersten Krane mit sogenanntem Polypunterwagen (auch Spreizholmunterwagen genannt) und teleskopierbarem Kranturm (Bild 3). Mit dieser Konstruktion konnte die Transportbreite und auch -länge der Krane begrenzt werden. Beide Merkmale sind bis heute noch häufig angewendete Standards in Entwicklung und Bau bestimmter Kranarten. Auch wurden ab Mitte der 1950er Jahre immer größer werdende Krane konstruiert, um den Bedarf für entsprechend hohe Bauwerke zu decken.

In Ländern wie Frankreich, Italien und Skandinavien wurden schon früher Kransysteme mit Laufkatzausleger entwickelt und gebaut, während man in Deutschland vorrangig Kransysteme mit Verstellauslegern konstruierte. Zwar gab es auch in Deutschland ab etwa 1954 vereinzelte Kranentwicklungen mit Laufkatzauslegern, hier sind als „Vorreiter“ die Firmen Friedr. Schwing und Hilgers zu nennen, diese Krankonstruktionen setzten sich aber erst und durch den zunehmenden, ausländischen  Wettbewerbsdruck ab etwa 1970 durch.

„Wer soll das bezahlen…“

Eine derartige Museumsidee und -initiative benötigt natürlich entsprechende Mittel. So heißt es in einem Liedtext für das Museumsprojekt sehr trefflich „Wer soll das bezahlen? Wer hat soviel Geld? …“
Die Finanzierung der Anschaffungs- und Transportkosten wurde in der Vergangenheit hauptsächlich von den einzelnen Initiatoren, bzw. in geringem Umfang durch einzelne Mitglieder oder den Förderverein geleistet. So konnte die Vervollständigung des „Kran- und Baumaschinenmuseums“ verständlicherweise meist nur in kleineren Schritten erfolgen. Sieht man einmal von einer Unterstützung bei den Transportkosten von einem der größeren Museumskrane im Jahr 1999 durch den früheren Kranhersteller Peiner AG ab, sowie jeweils einer einmaligen finanziellen Zuwendung zweier großer Baukonzerne, einem Schweizer Bauunternehmer und zweier Schweizer Sägereibetreiber erhielt diese interessante und in dieser Form weltweit einzigartige Museumsinitiative bisher keine finanzielle Unterstützung – geschweige von Seiten der Baumaschinenhersteller, obwohl deren jeweiligen Firmenhistorien anhand der vorhandenen Baumaschinenexponate in gewisser Weise ebenfalls dokumentiert und damit für die Nachwelt erhalten werden!

Bild 4: Übersicht aus dem Kran- und Baumaschinenmuseum im Jahr 2007

Bild 4: Übersicht aus dem Kran- und Baumaschinenmuseum im Jahr 2007 (Foto: Dirk P. Moeller)

Trotz dieser bislang verhaltenen Unterstützung ist es dem Museums- und Förderverein „AG Kran- und Baumaschinenmuseum e.V.“ erfreulicherweise gelungen zahlreiche wegweisende Baumaschinenkonstruktionen sowie auch einige besondere Raritäten zu retten.

 

Literatur, Veröffentlichungen und andere Informationsquellen

•    Faszination Baumaschinen – Krantechnik von der Antike bis zur Neuzeit. Autoren: Oliver Bachmann, Heinz-Herbert Cohrs, Tim Whiteman. (Giesel-Verlag)
•    Turmdrehkrane – 100 Jahre auf den Baustellen in aller Welt. Autoren: Stefan Bergerhoff, Heinz-Gert Keßel und Pius Meyer (Podszun-Verlag)
•    Liebherr – Kräne und mehr Autor: Frank Brunecker (Museum Biberach)
•    Wolffkran – Zwischen Himmel und Erde (Wolffkran GmbH)
•    Kran- und Baumaschinenmuseum: Von der Idee zur Wirklichkeit. Autor Dirk P. Moeller (Stahlbau 82, 2013, H. 4, S. 302-308)

Kontakt

Museum
Kran- und Baumaschinenmuseum
Im Stock 11
96179 Rattelsdorf
(Standort 1)
Museumspark Baustoffindustrie
Fachbereich Kran- und Baumaschinenmuseum
Heinitzstr. 47
15562 Rüdersdorf bei Berlin
(Standort 2)

www.baumaschinenmuseum.eu

Ein wesentlich umfassender Fachbericht ist in der Zeitschrift Stahlbau, Heft 4/2013, Seite 302-308, erschienen. In diesem Artikel wird auch die Idee und Initiative für das Kran- und Baumaschinenmuseum eingehend beschrieben.

Datum 16. Mai 2013
Autor Dirk P. Moeller
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