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Vermischtes

Le Corbusier – der heimliche Fotograf

Charles-Édouard Jeanneret-Gris, besser bekannt als „Le Corbusier“, zählt fraglos zu den einflussreichsten, zugleich wohl auch umstrittensten Architekten des vergangenen Jahrhunderts.

Karlsbrücke Richtung Schloss, Prag - Mai 1911 (Foto: Lars Müller Publishing)

Wer einerseits Wunderwerke wie die ewige Chapelle Notre-Dame-du-Haut de Ronchamp schuf, andererseits aber auch Vater der Wohnmaschinen-Idee ist, die, als Unité d’Habitation unweit des Berliner Olympiastadions von ihm verwirklicht, bis heute eher verwundert zu beäugen ist, muss schon ein recht komplex gestrickter Charakter als Baukünstler gewesen sein.

In Tim Bentons „LC Foto – Le Corbusier Secret Photographer“ kann man nun den Meister auch als Fotografen kennenlernen, und damit eine so bislang nicht gekannte Facette seines Charakters studieren.

Er maß der Fotografie nie großen Wert bei – und kaufte sich 1907 seine erste Kamera. Zwei weitere folgten bis 1917 mit dem Resultat von hunderten Aufnahmen, nicht wenige davon in hoher technischer und ästhetischer Qualität. Benton dokumentiert diese Phase mit drei diesen Kameras gewidmeten Kapiteln, die sehr aufschlussreich mit Tagebuchnotaten des damals noch Jeanneret heißenden Künstlers gespickt sind – die Frühphase des geheimen Fotografen. Die Betrachtung auch nur der Fotos, die er mit seiner dritten Kamera (the „Brownie Kodak“) in Rom aufnahm, ist dazu angetan, in beinahe ehrfürchtiges Staunen über den fotografischen Maler Le Corbusier zu verfallen.

Bilder aus einer Filmsequenz zum Luftschiff „Graf Zeppelin“, mit dem Le Corbusier flog. (Foto: Lars Müller Publishing)

Doch der Fotografieverächter trieb es bunter noch, indem er 1936 eine Siemens B 16 mm Filmkamera erwarb – ihr ist das Hauptkapitel des Bandes „Le Corbusier, the Cinema, and Cinematographic Photography 1936-38“ gewidmet. Mit seiner 16 mm-Kamera realisierte er 120 Filmsequenzen und fast 6.000 Fotos, die den privaten Le Corbusier mit Aufnahmen von Familie und Freunden genauso zeigen, wie den großen Reisenden, Welterkunder – mit Fotos u. a. aus einem Monat in Brasilien, von einer Atlantiküberquerung auf der SS Conte Biancamano (14. – 27. August 1936), einem Hafen am Mittelmeer (Villefranche) oder den faszinierenden Fotos eines Algerienaufenthaltes im April und Mai 1938.

Fußabdrücke im Sand - September 1936 (Foto: Lars Müller Publishing)

Das durchweg kenntnisreich geschriebene und spannend zu lesende Buch beschließt eine Zusammenfassung des Autors, in der er auf die Frage, wie wir Le Corbusiers Fotos kategorisieren könnten, antwortet: In einem Sinne sei seine gesamte Fotoarbeit von 1906 bis 1938 ein Fehler gewesen. Warum sie also so ernst nehmen und sie in einen so stattlichen Band bei Lars Müller Publishers versammeln? Benton nennt dafür u.a. Argumente biographischer Natur.

Le Corbusiers frühe Fotoarbeiten gäben, so der Autor, faszinierende Einblicke in die Psyche des jungen Künstlers. Wohl wahr. Sie geben aber auch Einblicke in die Frühzeit der Fotografie als solche, die, von Le Corbusier damals als Kunst gewiss nicht anerkannt, schon das Genre der Architekturfotografie ausgebildet hatte. Da war der junge Jeanneret also durchaus Kind seiner Zeit.

Schweizer Jura nahe La Chaux-de-Fonds - 1906-1910 (Foto: Lars Müller Publishing)

Wie der gesamte, rundum empfehlenswerte Band unterdessen zeigt, sind hier auch einzigarte Einsichten in Le Corbusiers visuelles Imaginationsvermögen, seine sich ändernden Ansichten zur Natur und zu neuen Materialien in den 1930er-Jahren wie auch zu seiner Fortschritts-Skepsis zu gewinnen. Er war eben der fotografierende Fotografie-Verächter wie der Architekt der Berliner Wohnmaschine, wie der Kapelle von Ronchamp – zugleich.

Weitere Informationen:

Lars Müller Publishers

 

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Datum 16. September 2013
Autor Burkhard Talebitari
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