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Historie

L’Encyclopédie de Diderot

1784 schrieb Immanuel Kant seine kurze geschichtsphilosophische Studie „Was ist Aufklärung?“. Dort hat er die Aufklärung als „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ definiert: „Aufklärung besteht im Gebrauch des eigenen Verstandes, wozu es der Freiheit bedarf, von seiner Vernunft öffentlich Gebrauch zu machen“. Aber die gesellschaftlichen Verhältnisse in fast allen europäischen Staaten waren noch so beschaffen, dass die besten Köpfe der Aufklärung philosophisch um diese Freiheit ringen mussten. So wurde das 18. Jahrhundert zum Jahrhundert der Aufklärung, welche die herrschenden Gedanken des Absolutismus auf allen Gebieten des geistig-kulturellen Lebens vom „Heiligenschein göttlicher Weihe“ (Marx) entkleidete und sie als Gedanken der herrschenden gesellschaftlichen Kräfte entlarvte.

Konzentierter Ausdruck dieser bürgerlichen Emanzipationsbewegung bildete die 1751-1780 erschienene „Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers“ zu Deutsch: „Enzyklopädie oder vernünftiges Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Handwerke“. Die „Encyclopédie“ wurde von Denis Diderot (1713-1784) und Jean le Rond d’Alembert (1717-1783) herausgegeben. Zu ihren Autoren gehörten neben Diderot und D’Alembert beispielsweise Voltaire, Rousseau, Montesquieu, Buffon, Quesnay Turgot und Condorcet. Intellektuelles Gravitationszentrum der Encyclopédie war der materialistische Philosoph und Schriftsteller Diderot.

Denis Diderot (1713-1784)

Bild 1: Denis Diderot (1713-1784) – Terrakotta-Büste von Jean-Antoine Houdon (Hanser Verlag)

Denis Diderot wurde am 5. Oktober 1713 in Langres als Sohn eines Messerschmieds geboren. Nachdem er die Jesuitenschule seiner Geburtsstadt absolviert hatte, kam er 1728 nach Paris, wo er seine Studien an einem jansenitischen Kolleg fortführte. 1747 nahm er das Angebot des geschäftstüchtigen Verlegers André Le Breton (1708-1779) an, ein zweibändiges englisches Wörterbuch zu übersetzen. Doch statt der Übersetzung entwarf der sich zum selbständigen philosophischen Denker entwickelnde Diderot das Konzept einer neuen, umfassenden Enzyklopädie, deren Ziel es ist, „die über die Oberfläche der Erde verstreuten Erkenntnisse zu sammeln, daraus den Menschen, die mit uns leben, das allgemeine System darzulegen und es den Menschen, die nach uns kommen, zu überliefern“. 1750 publizierte Diderot den vielbeachteten Prospekt zur Enzyklopädie, in dem er in glänzender Diktion Plan und Ziel dieses Jahrhundertwerks porträtierte. Die 1. Auflage (Bild 2) sollte erst 30 Jahre später mit 35 Foliobänden vollständig vorliegen. Die 21 Text-, 12 Tafel- und 2 Registrierbände enthalten 72000 Artikel und 2800 Kupferstiche. Mit 30000 verkauften Exemplaren avancierte die „Encyclopédie“ wohl zum größten Bucherfolg des 18. Jahrhunderts. Während das Pariser Verlegerquartett sein eingesetztes Kapital verdoppeln konnte, erhielt Diderot nur ein geringes Honorar. Dafür leistete er den Hauptteil der redaktionellen und schriftstellerischen Arbeit, focht mit der Zensur Grabenkämpfe aus, erlebte Beschlagnahmungen durch die Polizei und war wüsten ideologischen Attacken religiöser Dunkelmänner ausgesetzt.

Erste Seite der Encyclopédie

Bild 2: Erste Seite des ersten Bandes der Encyclopédie mit dem Artikel über den Buchstaben „A“ (1751) (Hanser Verlag )

Für die „Encyclopédie“ verfasste Diderot tausende Artikel zur Geschichte der Philosophie, den Künsten und der Technik. Da bei Diderot noch wissenschaftlich-technischer und gesellschaftlicher Fortschritt zusammenfallen, sieht er in der Wissenschaft und Technik einen bedeutenden Hebel des Bürgertums, die gesellschaftlichen Zustände des Ancien Régimes zu ändern: „Wir suchen beide, den Handwerker und den Philosophen, gleichermaßen zu interessieren“, notierte Diderot im Prospekt zur „Encyclopédie“ und schlussfolgerte: „Erweisen wir endlich den technischen Künsten die Gerechtigkeit, die ihnen gebührt (…). Lehren wir die Handwerker und Techniker, besser von sich zu denken, das ist das einzige Mittel, um von ihnen vollkommenere Erzeugnisse zu erlangen“. Diderot und seine Mitstreiter gehen in Frankreichs Werkstätten und Manufakturen und lassen den erreichten Stand der Technisierung der Produktion in prunkvolle Kupfertafeln stechen. Die in der „Encyclopédie“ zum Ausdruck kommende Wertschätzung der Technik und ihrer Schöpfer förderte das Selbstbewusstsein des Bürgertums, ohne das die Französische Revolution nicht jene Schubkraft entwickelt hätte, welche die feudale Gesellschaft in Europa endgültig ins Abseits drängte. Die Erkenntnis der produktiven Potenz und Organisation des Bündnisses zwischen Wissenschaft, Technik und Industrie und ihrer Funktionalisierung durch das revolutionäre Bürgertum in Gestalt der École Polytechnique (1794) führte dort und an den Écoles d’Applications im 19. Jahrhundert zur Herausbildung der Technischen Mechanik und der Baustatik.

Die Enzyklopädie sei „Archiv und Antizipation“, schlussfolgerte Hans Jörg Sandkühler aus der Definition Diderots aus dessen Artikel „Encyclopédie“ in der „Encyclopédie“; sie ist nicht bloße Summe katalogisierten Wissens, sondern immer auch ein normatives Programm. Anhand von fünf Fallbeispielen aus der Technischen Mechanik und der Baustatik wird im Buch „The History of the Theory of Structures“ die Metamorphose der Antizipation im Sinne Sandkühlers als Konstituent der klassischen Technikwissenschaften aufgewiesen:

Gerstners „Handbuch der Mechanik“ (1831-1834), s. Abschn. 3.2.2

Weisbachs „Lehrbuch der Ingenieur- und Maschinen-Mechanik“ (1850-1863), s. Abschn. 3.2.3

Rankines “Manual of Applied Mechanics und Manual of Civil Engineering” (1858 u. 1862), s. Abschn. 3.2.4

Föppls „Vorlesungen über technische Mechanik“ (1897-1900), s. Abschn. 3.2.5

– und das „Handbuch der Ingenieurwissenschaften“ (1886-1890), s. Abschn. 3.2.6

So vollendete sich das Enzyklopädische eines Diderot im System der klassischen Technikwissenschaften.

Mit dem am 30.7.1784 in Paris verstorbenen Diderot „ist die materialistische Orientierung der Spätaufklärung entschieden worden“ (Werner Krauss).

Bildquellen:

Bild 1: Philipp Blom: Böse Philosophen, München: Carl Hanser Verlag 2010, S. 299.

Bild 2: Philipp Blom: Böse Philosophen, München: Carl Hanser Verlag 2010, S. 82.

Literatur:

Blom, Philipp: Böse Philosophen. München: Carl Hanser Verlag 2010.

Kant, Immanuel: Was ist Aufklärung? Berlinische Monatsschrift, Dez. 1784, S. 481-494.

Kurrer, Karl-Eugen: The History of the Theory of Structures. From Arch Analysis to Computational Mechanics. Berlin: Ernst & Sohn 2008, S. 157-185.

Sandkühler, Hans Jörg: Enzyklopädie, Krise des Wissens, Emanzipation. In: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Band 1, hrsgn. v. H. J. Sandkühler, S. 746-757. Hamburg: Felix Meiner 1990.

Autor dieses Beitrages:

Dr.-Ing. Karl-Eugen Kurrer, Wilhelm Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Rotherstr. 21, 10245 Berlin

Chefredakteur „Stahlbau“, Editor-in-chief „Steel Construction – Design and Research

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Datum 23. Oktober 2013
Autor Karl-Eugen Kurrer
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