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Rezension

Metropolen(t)raum der Zukunft

BB 2070 – Magazin für Städtebau und urbanes Leben

BB 2070 – Magazin für Städtebau und urbanes Leben (Cover: Wasmuth & Zohlen Verlag)

Zu wohlfeil wäre es, geht es um Stadtplanung, mit Bertolt Brechts notorischer „Balade von der Unzulänglichkeit menschlichen Planens“ aus dem 3. Akt der Dreigroschenoper blankzuziehen. Das hätte auch einen Haken, denn das gute Stück kündet in Wahrheit nicht von des Planens Unzulänglichkeit, aber von der des „menschlichen Strebens“. Dass das famose Lied indes sehr wohl Zweifel an allem Planen explizit artikuliert, steht auf einem anderen Blatt und das könnte dasselbe sein, auf dem BB 2070, das „Magazin für Städtebau und urbanes Leben“ nicht steht, zumindest nicht mit seiner 6. Ausgabe 2020, dem „Städtebau-Manifest Berlin- Brandenburg“.

Das bloße Wort „Manifest“ hat ja eventuell seit 1846/47 und dem „Kommunistischen Manifest“ von Marx und Engels einen argen Beiklang. Doch ist das Wort an sich eher braver Herkunft, wo es als „manifestum“ von der Hand („manus“) herkommend, das „Handgreifliche“, „Offenbare“ meint, unter dem man laut Heyses Allgemeinem Fremdwörterbuch „eine öffentliche, behördliche oder landesherrliche Bekanntmachung, auch eine öffentliche Rechtfertigungsschrift“ verstand. Und damit kommen wir der Nr.6 von BB 2070 wohl schon näher.

Neuer Schwung

Das Editorial beschwört gleich in seinem ersten Satz „neuen Schwung“ für Berlin- Brandenburg, als wolle es an die drollige „Ruck-Rede“ eines ehemaligen Bundespräsidenten gemahnen. Und es könnte dieser Gestus sein, der sich einem nach Lektüre des gesamten Heftes für dessen Postulate, Argumente und Thesen aufdrängt – „öffentliche, behördliche … Bekanntmachung.“ Die im Heft versammelten Autoren gehören in ihrer Majorität etwelchen Behörden, Verbänden, Vereinen oder weiterführenden Bildungsinstitutionen an, die so etwas wie Lobbyarbeit für die Stadtplanung Berlins und Brandenburgs umzutreiben scheint. Nicht zuletzt deshalb dürfte ein über Zweifel an stadtplanerischer Kompetenz erhabener Gerwin Zohlen, immerhin unbehördlich bestallt, in seinem redaktionellen Editorial konstatieren, dass für die Lösungen eines Masterplans „erfolgreich geworben“ werden müsse, als sei Stadtplanung Zahnpasta. Immerhin spielt er die von ihm doch etwas mokant als „heute oft beschworen“ bezeichnete Planung von unten nicht gegen Große Pläne aus, die Berlin brauche, doch sind es die letzteren, für die zu werben, er wirbt. Und so liest man sich dann durch die Wunderwelt der Berlinischen Stadtplanungslobby und wird von gewisser Lektüre-Ermüdung doch eher zügig heimgesucht.

Nostalgie

Raus aus diesem Schema fällt ein das Heft gekonnt eröffnender Essay des Berliner Schriftstellers David Wagner, der seine in erlesenen Konjunktiven „Theoretische Runde durch Berlin“ genannten Überlegungen mit „Hätte zu Fuß gehen können“ überschreibt. Auf seiner wie von Lucius Burckhardts Promenadologie inspirierten – pandemisch bedingt – imaginären Stadtwanderung erkennt er neben seinen diversen

Lieblingsstädten, die allesamt Fußgängerstädte sind, Berlin als eher fußgängerunfreundlich – insonderheit rund um den Alex. Er benennt Bausünden wie die Alexa-Mall als Bausünden, die sie sind; wünscht sich aber am Rosenthaler Platz, der sehr zutreffend für ihn schon lange keiner mehr ist, das Rosenthaler Tor mit seinem Friderizianischen Rokoko zurück, das, wie er ebenfalls mit gutem Recht anmerkt, „schon im 19. Jh. als Verkehrshindernis galt und abgerissen wurde. Leider“. (S.9) Das dürfte nicht viel mehr als die schlechte alte Nostalgie sein, die Stadtplanung spätestens – in den 80ern des 20. Jhs. – seit der Frankfurter Römerberg-Zeile infizierte. – Leider … Und leider kommt Wagner dann auch bei der berechtigten Frage, ob die Stadtplaner des 19. Jhs. mit ihren breiten Straßen und Gehwegen bereits das Auto gedacht hätten, wieder nur auf die alte, nicht unstrittige, historisch brüchige Pariser Haussmann-These Walter Benjamins. So habe auch James Hobrecht als Lehre aus dem 1848 Revolutionsjahr die Straßen in den Barrikadenbau erschwerender Breite angelegt. (siehe dazu Paris/Hausmann auf dieser Seite). Wobei ihm sogleich wieder zuzustimmen ist, wenn er das Fehlen von Gedenktafeln für die im März 1848 am Rosenthaler Tor errichteten Barrikaden beklagt. Und erst recht zuzustimmen ist ihm, wo er auf den Konnex aus Pandemie und erzwungenermaßen draußen stattfindendem Stadtleben verweist. Dieses sieht er mit allem Recht der Welt als „ganz gewaltig gestört“ durch die noch immer fahrlässig Straßen genannten, länglichen Parkplätze mit Randbebauung, für die mehr als Steh- denn Fahrzeuge verwendeten Autos.

Mensch im Mittelpunkt

Nach diesem lesenswerten Essay wird es eher behördlich, dogmatisch und ermattend im Heft. Drollig etwa mutet an, wenn Prof. Wolf R. Eisenkraut, Emeritus der TU Dresden, den „zeitbedingt, aber verhängnisvollen Irrtum“ der „autogerechten Stadt“ gegen denselben einer „fahrradgerechten Stadt“ ausspielt, so als lärmten, stänken, verpesteten Fahrräder die Luft und ruinierten sie die Straßen als Lebensraum ähnlich wie Autos. Das zu monieren ist unterdessen schon deshalb keine grüne Partei Ideologie mehr, als diese Partei ja längst automobilen Frieden schloss und ihre Funktionäre bloß marketingmäßig noch auf Fahrradsätteln vorführt. Es ist auch deshalb äußerst fragwürdig, weil der Autor als Quintessenz und ulkige Pointe seiner auto- wie fahrradgerechten Antithese ein Berlin als „Menschenstadt“ (S.11) einfordert, so als könnten die Menschen der Stadt der nun auch noch
pandemisch begünstigten, neoliberalen Deregulierung ausgerechnet in der Stadt- Bau-Planung entgehen.

Lobend hervorgehoben werden kann dann noch Andreas Rosts „Fototagebuch“ vom Berliner Stadtraum in pandemischen Zeiten. Eindrucksvolle, tendenziell nachtmarartige S/W-Fotos, deren Abwesenheit von Menschen unübersehbar die Lockdown-Ära thematisieren, ohne dem wohlwollenden Betrachte zu verraten, weshalb sie nicht auch in prä-pandemischen Tagen hätten entstehen können. Sodann findet sich vereinzelt durchaus Bedenkenswertes, nicht selten arg domestiziertes und zuweilen eher verrätselndes Gedankengut auf den 80 Seiten des Heftes.

Flächenverbrauch vermeiden

Interessant und vom Ansatz her nur zu unterstützen ist Jörg-Andreas Krügers (Präsident des NABU e.V.) schon im Titel seines Aufsatzes formulierte These: „Warum wir den Flächenverbrauch vermeiden müssen.“ Wo europaweit jährlich eine Fläche von der Größe Berlins bebaut werde, ständen ihr laut Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) 1,94 Millionen leerstehende Wohnungen 2019 gegenüber. Und das bei einem Nachverdichtungs-Potenzial von 2,3 bis 2,7 Millionen Wohnungen, die gemäß einer TU Darmstadt-Studie im Bestand errichtet werden könnten; wobei das Nähere und Essentiellere dazu bereits in Daniel Fuhrhops „Verbietet das Bauen“ (oekom-Verlag 2015) oder auf dessen gleichnamigem Blog (www.verbietet-das-bauen.de) wenig reißerisch nachzulesen ist. Hinzuweisen wäre hier auch auf den famosen, bei Park Books unlängst erschienenen Band „Boden für alle“ (Rezension demnächst hier). Immerhin und dankenswerterweise geht Krüger auch auf den  Zusammenhang aus Höhe der versiegelten Fläche und Erderwärmung ein. (S. 22)

Wir Bürger

Fehlen darf in einem solchen Berliner Stadtplanung gewidmeten Heft unterdessen natürlich keinesfalls der für Berliner Stadtplanung maßgeblich verhängnisvolle Förderverein Berliner Schloss e.V. mit dessen Geschäftsführer Wilhelm von Boddien. Der ruft schwerst nostalgisch gepolt zum Kampf gegen das Nein des Berliner Senats zu Neptunbrunnen und Rossbändigern auf. Haben „wir Bürger es doch trotzdem geschafft. Wir konnten die Schlossgegner“ nicht nur „besser einschätzen als sie uns, wir waren“ sehr wohl und historisch mopsfidel „immer auch einen Schritt weiter als sie.“ Und: „So gewannen wir die einflussreicheren Freunde.“ (S.27) Da ist Stadtplanungslobby ganz bei sich und ultra-orthodoxer Historizismus aus Misstrauen in die Zukunft eigenen Tuns und vor allem Lassens angesagt. Boddien beklagt in diesem Zusammenhang nonchalant die Zersplitterung der Bürgerinitiativen, ohne dem Umstand Tribut zu zollen, dass der Bürger – und erst in seiner pandemisch bedingten ökonomischen Schwächung – längst soziologisches Auslaufmodell ist.

E-Maseratis

Damit wäre, um dem zweiten B im Zeitschriften-Titel gerecht zu werden, auf die planerische Situation in Brandenburg einzugehen, die Autor Thomas Heilmann (Bundestagsabgeordneter für Berlin Steglitz Zehlendorf und Mitglied im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) in seinem Aufsatz „Kleine Revolution“ als die denkbar erfolgreichste feiert. Werde doch, wer in Berlin ein gelungenes öffentliches Projekt suche, erst in Brandenburg fündig, wo man „gleich neben dem Pannenflughafen BER“ (S.35) Tesla finde. Die binnen zwei Jahren entstehende „Gigafactory“ werde einmal mehr Autos als – wie auch anders? – heute in Wolfsburg produzieren. Geglückter ist Stadtplanung kaum mehr vorstellbar, wo rund um Tesla auch noch die Grundstückspreise explodieren, wenn sie, dem Gott der Makler sei’s geklagt, auch noch fern von Münchner Niveau sind. Wer dermaleinst dann keine anderen Sorgen hat, als sich einen der Elektro-Maseratis auf die länglichen Parkstreifen neben deren Randbebauung zu stellen, ist offenbar ungeschicktes Fragen, wo Heilmann mit 30 Bundestagsabgeordneten und 35 Experten in „Neustaat“ aufgeschrieben hat, wie der Staat auf allen Ebenen wieder besser funktionieren kann. (ebd.)

Neustart mit Neustaat

Was Neustaat diesseits mattestem Wortspiel an Neustart verspricht, muss unter dessen weniger ungeschicktes, als offenes bis banges Fragen bleiben, wo Heilmann abschließend von einer „kleinen Revolution“ kündet und das „gemeinsame Potenzial“ und ein schwer auffindbares „Wir“ beschwört, das „unser Land auf eine neue Stufe“ hebe. (ebd.) Aber ähnlich Erfolgreiches hat auch Berlin in Neulichterfelde zu bieten, wo Klaus Grothe, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Grothe Gruppe dem zahlungskräftigen Bürger mit Grothes Partner Toyota die Tesla-Alternative ermöglicht. Und das nicht als isolierte, aber mit dem Energiemanagement des 2.500 Wohnungen-Quartiers verzahnte Elektromobilität. (S. 52) Auch Stephan Allner fordert (sic!) die „Stadt als Lebensraum“ und „den Lebensraum als wertvolles Gut“ (S. 54) zu begreifen. Als GF der Wohnkompanie Berlin lässt er die ehemalige Reemtsma- Zigarettenfabrik an der Mecklenburgischen Straße bis 2027 in ein Gewerbehofquartier samt Urban Farming verwandeln und nennt das ganze allen schon entwaffnenden Ernstes „Go West“.

Hauptstadtrolle ernst nehmen

Das das Heft beschließende Städtebau-Manifest mit dem Titel „Unvollendete Metropole“ stellt maßen des Tenors einiger hier kurz umrissener Beiträge denn auch durchweg Forderungen von einer Zahmheit, die das Wort „Manifest“ (s. o.) denn doch etwas überdimensioniert erscheinen lassen möchte. Um wenigstens einige vorzustellen: Den Siedlungsstern zum Strahlen bringen (künftige bauliche Entwicklung auf die Strahlen des Siedlungssterns konzentrieren); Zentren aller Art stärken (ein länderübergreifendes Zentren-Programm entwickeln); Sozial und funktional vielfältige Wohnviertel erhalten und schaffen (energetische Sanierung als größte Herausforderung (und WDVS-Profitmaximierung)) oder aber: Die Hauptstadtrolle ernst nehmen (endlich die aktive Hauptstadtpolitik, die schon bei Gründung Groß-Berlins 1920 vernachlässigt worden sei) (alles S. 73 ff) Bertolt Brecht bekehrte sich bekanntlich eine gewisse Zeit nach Verfassen der eingangs erwähnten Ballade zum Marxismus, der ihm zum Sinn der Geschichte gerann. Er schrieb dann schier fromme Gesänge auf die Partei und deren allmächtigste Allmacht. Gar mancher konnten damals mit seiner Unzulänglichkeits-
Ballade sehr viel mehr anfangen und zu seinem Lebensende ging es Brecht, der sich als DDR-Bürger zur Sicherheit immer zwei Pässe und ein Penthouse am Charlottenburger Kaiser-Damm gehalten hatte, dann auch wieder so. Das war der Dichter und der Politiker Bertolt Brecht. Sieht man von David Wagners theoretischem Spaziergang durch Berlin ab, hätte der Nr. 6 von BB 2070 weniger Politik und mehr Dichtung sehr gut und besser getan. Und die Stadtplanung? Die „heute oft beschworene“ von unten? Wo doch die Bürgerinitiativen so „zersplittert“ sind … Der Masterplan von oben? Dass so alternativ zu fragen, falsches Fragen ist, ist stadtplanerischer Theorie nicht erst seit gestern bekannt. Dafür braucht’s auch nicht Brechts „Gehen tun sie beide nicht“ – auch wenn der famose Vers immerhin vor einem Masterplan warnte.

 

 

 

 

 

BB 2070 – Magazin für Städtebau und urbanes Leben, Nr. 6, ISBN: 978 3 8030 22110, Wasmuth & Zohlen Verlag Berlin, 6,- €

 

 

 

 

 

 

 

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