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Mit dem Fahrstuhl in die 240. Etage

Der Kingdom Tower bildet den Mittelpunkt der Kingdom City, eines neuen Stadtquartiers, das in Dschidda auf einem Areal von 5,3 km² entsteht.

Der Kingdom Tower bildet den Mittelpunkt der Kingdom City, eines neuen Stadtquartiers, das in Dschidda auf einem Areal von 5,3 km2 entsteht. (Grafik: JEC)

Der voraussichtlich bis 2019 fertiggestellte Kingdom Tower, der derzeit im saudi-arabischen Dschidda entsteht, wird als weltweit erstes Gebäude die magische Marke von einem Kilometer übertreffen und 1.007 m in den Himmel ragen. Der bisherige Rekordhalter, der Burj Khalifa in Dubai, kommt auf „nur“ 828 m. Ermöglicht wird die Höhe des Kingdom Towers nicht zuletzt durch eine bahnbrechende Innovation in der Aufzugtechnik.

Das Gebäude, mit dessen Bau 2013 begonnen wurde, wird auf 240 Etagen und über 500.000 m2 Geschossfläche Raum für Büros, Wohnungen, Einkaufszentren und ein Hotel bieten. Die weltweit höchste Aussichtsplattform in 630 m Höhe verspricht einen unvergleichlichen Ausblick. Das Gebäude ist das Herzstück des Bauvorhabens Kingdom City, eines neuen Stadtquartiers, das im Norden der Hafenstadt Dschidda auf einem Areal von 5,3 km2 entlang des Roten Meeres entsteht.

Der Architekt Adrian Smith hat den Kingdom Tower – ähnlich wie den Burj Khalifa in Dubai – als spiralförmige, nadelähnliche Konstruktion geplant. Das Gebäude besteht aus einem Kern und drei Flügeln, die sich nach oben kontinuierlich verjüngen. Der Y-förmige Grundriss und der dreieckige Kern machen das Gebäude widerstandsfähig gegen Verwindung. Eine Frage war jedoch nicht so einfach zu klären: Wie kann der Turm im Ganzen durch Aufzüge erschlossen werden?


Symbole für Wohlstand

Der voraussichtlich 2019 fertiggestellte Kingdom Tower wird 1.007 m in den Himmel ragen.

Der voraussichtlich 2019 fertiggestellte Kingdom Tower wird 1.007 m in den Himmel ragen. (Foto: Kone)

Ein kurzer Blick zurück: Wer im 19. Jahrhundert in der Stadt lebte, wohnte bevorzugt im ersten Stockwerk. In der Beletage gab es mehr Raum, höhere Decken, alles war großzügiger gestaltet. Heute sieht die Lage anders aus: Wer etwas auf sich hält, zieht ins oberste Stockwerk, wo er seinen Blick über die Dächer der Stadt schweifen lassen kann. Entscheidend für diese Entwicklung: die Erfindung der Fangvorrichtung für Aufzüge im Jahr 1853 durch Elisha Graves Otis. Dann kam der Stahlskelettbau, der es ermöglichte, viel weiter in die Höhe zu bauen. In den folgenden Jahrzehnten lieferten sich die Städte Chicago und New York ein Wettrennen um das höchste Gebäude der Welt.

Heute entstehen vor allem in Asien und dem Nahen Osten immer höhere Wolkenkratzer – wie in den Anfangstagen des Hochhausbaus symbolisieren diese Gebäude Wohlstand und bewerben die Städte, in denen sie stehen, als wichtige Zentren für Wirtschaft und Handel. Jahrzehntelang lag die Schallmauer im Hochhausbau jedoch bei einer Höhe von maximal ca. 500 m, da die maximale Förderhöhe, die ein einzelner Aufzug bewältigen kann, ebenfalls bei 500 m lag – jenseits dieser Marke wurde das Gewicht der Stahlseile zu groß.


Hoch hinaus mit neuer Technologie

Der KONE UltraRope besteht aus Kohlenstofffasersträngen und ist mit Polyurethan ummantelt. Dadurch ist das Tragmittel wesentlich leichter und zugleich robuster als ein konventionelles Stahlseil.

Der KONE UltraRope besteht aus Kohlenstofffasersträngen und ist mit Polyurethan ummantelt. Dadurch ist das Tragmittel wesentlich leichter und zugleich robuster als ein konventionelles Stahlseil. (Foto: Kone)

Zurück zum Kingdom Tower: Die Jeddah Economic Company, Projektentwickler und späterer Eigentümer des Gebäudes, entschied sich bei der Fördertechnik des Turms für KONE. Das finnische Unternehmen wird den Kingdom Tower mit 57 Aufzügen und acht Rolltreppen ausstatten, um das Gebäude vertikal zu erschließen. Zu diesen Anlagen zählen unter anderem sieben Doppeldeckeraufzüge, die die noch nie dagewesene Förderhöhe von 660 m erreichen. Die zweistöckigen Anlagen werden mit einer maximalen Geschwindigkeit von mehr als 10 m/s (36 km/h) zudem die weltweit schnellsten Anlagen dieses Typs sein.

Doch wie ist diese Förderhöhe überhaupt möglich? Für den Antrieb der sieben Doppeldeckerkabinen werden keine herkömmlichen Stahlseile mehr verwendet, sondern der von KONE Mitte 2013 vorgestellte UltraRope – ein Tragmittel, das aus Kohlenstofffasersträngen besteht, die mit Polyurethan ummantelt sind. Der UltraRope ist damit deutlich leichter als ein Stahlseil – bei gleicher Zugfestigkeit wiegt er 80 Prozent weniger. Hinzu kommt, dass der UltraRope äußerst verschleiß- und abriebfest ist und seine Lebensdauer etwa das Doppelte eines konventionellen Stahlseils beträgt, zudem entfällt die Schmierung.

Durch das geringe Gewicht des UltraRope vermindert sich die zu bewegende Gesamtmasse des Aufzugs erheblich. Dadurch kommt es zu deutlichen Energieeinsparungen im Betrieb.

Durch das geringe Gewicht des UltraRope vermindert sich die zu bewegende Gesamtmasse des Aufzugs erheblich. Dadurch kommt es zu deutlichen Energieeinsparungen im Betrieb. (Foto: Kone)

Durch das geringere Gewicht vermindert sich die zu bewegende Gesamtmasse des Aufzugs erheblich – auch das Gegengewicht kann leichter ausgeführt werden. Das führt zu deutlichen Energieeinsparungen im Betrieb. Und schafft die Voraussetzung, die maximal mögliche Förderhöhe eines Aufzugs von bislang 500 m auf etwa 1.000 m zu verdoppeln. Bislang scheiterte dies, wie oben beschrieben, am Eigengewicht der Stahlseile. Das ist auch der Grund, weshalb Nutzer des Burj Khalifa in rund 500 m Höhe umsteigen müssen.


Kürzere Standzeiten durch Kohlefasern

Hochhäuser können durch die dynamischen Wirkungen des Windes zu Schwingungen angeregt werden. Im Kingdom Tower werden windbedingte Biege- und Torsionsschwingungen durch den Y-förmigen Grundriss minimiert – vollständig eliminieren lassen sie sich indes nicht.

Die Eigenfrequenz von Hochhäusern liegt typischerweise sehr nah bei der von Stahlseilen. Bei starken Winden führt dies dazu, dass sich die Schwingungen aufaddieren, was zu einer hohen Resonanz führt – die Stahlseile beginnen zu „schlackern“. Hochhausaufzüge werden in solchen Fällen oft temporär außer Betrieb gesetzt – nicht, weil die Technik streiken könnte, sondern weil die Fahrten alles andere als angenehm wären. Dieses Problem wird im Kingdom Tower durch den UltraRope gelöst: Da Kohlefasern auf völlig anderen Frequenzen resonieren als Stahl, reduzieren sich auch die Standzeiten der Aufzüge.


Zukünftige Gestaltung von Hochhäusern

Die Bedeutung des UltraRope reicht weit über die Aufzugs- und Rolltreppenbranche hinaus. Ein Beleg dafür ist die Auszeichnung mit dem Innovations Award 2013 des Council of Tall Buildings ans Urban Habitat, einer in Chicago ansässigen Organisation, die die weltweit führende Anlaufstelle für Architekten und Planer ist, wenn es um den Entwurf, Bau und Betrieb von Hochhäusern und künftiger Städte geht.

Die Jury ehrte den UltraRope als eine wegweisende Innovation, die die Gestaltungsmöglichkeiten der nächsten Wolkenkratzer-Generation deutlich erweitert. Der Kingdom Tower läutet dabei eine neue Ära im Hochhausbau ein. Denn High-Riser liegen – nicht zuletzt aufgrund der weltweiten Urbanisierung – im Trend. In diesem Zuge stellt der UltraRope eine Wende in der Aufzugtechnologie dar, nicht nur, weil er größere Förderhöhen ermöglicht, sondern auch aufgrund seiner höheren Energie- und Materialeffizienz.

 

 

Leserkommentare

  1. Joerg | 16. Januar 2018

    Wie werden die Kabinen energie- und datentechnisch angeschlossen?
    Werden hier noch “Hängekabel” verwendet?

  2. Flavio | 11. Juni 2019

    Ich sag nur Induktion……..

    • es | 12. Juni 2019

      Möchten Sie sich dazu detailierter äußern?

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Datum 15. September 2015
Autor KONE GmbH
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