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Kolumne Falk Jaeger

Nachhaltigkeit bleibt das Gebot der Zeit

Abfällige Bemerkungen über Nachhaltigkeit sind derzeit wohlfeil. Öfter wird der Begriff negativ konnotiert. Er gilt als Modewort, als Totschlagsargument, Gummibegriff, es heißt, er werde vielfach missbraucht und eigentlich wisse niemand mehr, was er eigentlich beinhaltet. Er ist in aller Munde und hat dennoch ein miserables Image. Warum eigentlich? Sicher, der Begriff hatte ursprünglich eine eng begrenzte Bedeutung. Je mehr in den Archiven gekramt wird, desto mehr „erste Nennungen“ treten zutage, aber wohl mehrheitlich aus der Forstwirtschaft, wo er eine Nutzung der Wälder bedeutet, die sich auf deren Nachwuchskapazität beschränkt. Doch scheint mir nicht viel gegen eine Verallgemeinerung des anschaulichen und universell brauchbaren Begriffs auf dem gesamten Gebiet der Ökologie und darüberhinaus zu sprechen. Das ist ein völlig normaler Vorgang in der Sprachentwicklung.

Prof. Dr. Falk Jaeger

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto: Geyr)

Die Dringlichkeit der Auseinandersetzung mit dem Thema hat wohl vor allem mit dem Informationsstand der Gesellschaft einerseits und der Bevölkerungsdichte, also den Lebensumständen andererseits zu tun. Im amerikanischen Mittelwesten zum Beispiel kann von beiden nicht die Rede sein. Nur so ist das Phänomen der Coal-Runners zu erklären. Das sind Pickups, die aus ihrem ofenrohrdicken Auspuff um die Wette schwarze Wolken in die Luft pusten wie weiland die BR 50 in Doppeltraktion bei Reichenbach im Vogtland. Wer am meisten rußt und stinkt, hat gewonnen. Was bei den Dampfrössern der DDR-Reichsbahn freilich inkauf genommener Kollateraleffekt war, ist bei den Coal-Rollers kindliche Trotzreaktion: Luftverschmutzung und Klimawandel haben wir hier nicht.

Auch hierzulande gibt es Menschen mit Trotzreaktion. Manche Architekten, vornehmlich älteren Semesters, haben wenig Neigung, sich mit grauer Energie, Wärmedurchgangskoeffizienten und Energiebilanzen auseinanderzusetzen. Aber es gibt auch jüngere Baukünstler, deren parametrische Entwurfsmethoden mit den Öko-Tools schwer zu verlinken sind und die das Bauen lieber sein lassen, als ihre hippen, in den Medien herumschwirrenden Blobs der rauen Wirklichkeit und den ätzenden Bauvorschriften auszusetzen.

Die Avantgardisten empfinden die Anforderungen der Nachhaltigkeit als Zumutung, als spießig, als nerv- und fantasietötend. Wolf Prix von Coop Himmelb(l)au erklärte mir schon vor Jahren auf die Frage, wie er es mit der Energiebilanz seiner Bauten halte sichtbar genervt: „Ganz einfach. Ich mache oben ein elektronisches Billboard an die Fassade und mit den Werbeeinnahmen zahl´ ich die Stromrechnung“.

Wie konnte der unschuldige Begriff „Nachhaltigkeit“ nur so in Verruf geraten? Wer „Nachhaltigkeit nervt“ googelt, erzielt 112.000 Treffer! Kaum einer, der ihn verwendet, vergisst sich dafür zu prophylaktisch entschuldigen: „Nachhaltigkeit ist ja ein inflationärer verwendeter Begriff geworden“, heißt es dann, oder: „man kann es nicht mehr hören, aber…“. Ja aber man kommt nicht ohne den Begriff aus, denn er scheint zwar sehr vieles zu beinhalten, aber je nachdem, in welchem Zusammenhang man ihn verwendet, versteht jeder, was gemeint ist. Prima, was will der Sprachjongleur mehr? Ob Wärmedämmung aus Erdöl oder aus Altpapier, Fisch aus Aquaponik-Kultur oder Fleisch pupsender Rinder, Ski- oder Wanderurlaub, Fairtrade oder Kinderarbeit, fast intuitiv kleben wir das Label auf das richtige Produkt. Warum dann der Unmut?

Vielleicht liegt es am mangelnden Sex-Appeal des altväterlich klingenden Begriffs. Wenn nicht als Mode, so doch als Trend wird er durchaus empfunden. Und Trends sind uns als kurzlebig (nicht nachhaltig) suspekt. Ist Nachhaltigkeit also nicht nachhaltig? Der Begriff möglicherweise, aber der Inhalt schon. Denn was spricht dagegen, die Welt zu erhalten und die Zukunft der Menschheit zu sichern? Nachhaltigkeit ist ja nicht lustfeindlich, hat nicht unbedingt etwas mit Verzicht zu tun (wenn man vom Verzicht auf den infantilen Coal-Roller-Spaß absieht), sondern mit vernünftigem, bewusstem Umgang mit Ressourcen, Mensch und Tier.

Nachhaltigkeit ist eine normative Anforderung an jedes menschliche Handeln. Dahinter einen erhobenen Zeigefinger zu sehen und sich reflexhaft gegen die moralische Instanz zu wehren, ist naiv und albern.

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Datum 8. Januar 2018
Autor Falk Jaeger
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