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Nachruf auf Joachim Scheer

Joachim Scheer

Am 21. August 2020 ist o. Univ.-Prof. em. Dr.-Ing. Dr.-Ing. E.h. Joachim Scheer friedlich entschlafen. Erfreulicherweise konnte er seine letzten Jahre ohne größere Erkrankungen verbringen. Wichtig war ihm immer die soziale Einbettung: in seine Familie – mit seiner Frau Hannelore, seinen zwei Söhnen und mittlerweile fünf Enkelkindern – sowie in seine verschiedenen Freundeskreise, dem Kreis der Kollegen samt Frauen aus Hannover und dem Kreis der Studienkollegen aus Darmstadt, mit denen er sich regelmäßig traf. Diese soziale Einbettung wurde durch den überraschenden Tod seiner Frau im Jahre 2002 dramatisch gestört. Da traf es sich, dass er sich mit einer Freundin seiner verstorbenen Frau anfreundete und mit ihr weitere 17 Jahre in Harmonie verbrachte.

Nach der ersten Phase des Umgewöhnens an die neue Situation ist er diese Aufgabe gezielt angegangen. Da war er ganz Scheer, so wie wir ihn alle kannten: „Wenn man eine Sache in die Hand nimmt, muss man sie sogleich bearbeiten und fertigmachen. Das ständige Hinlegen und Neuanfassen kostet zu viel Zeit und Mühe.“

Unsere gelegentlichen (Kontroll-)Anrufe, gerade zur Corona-Zeit, zeigten einen gesundheitlich gut aufgestellten Emeritus, der sich in seinem neuen Leben eingerichtet hatte. Er konnte es auch nicht lassen zu fachsimpeln, z. B., wenn man ihm einen interessanten Aufsatz über das gemailt hatte, was ihn in den letzten Jahren stark beschäftigt hatte: Schäden an Bauwerken, insbesondere an Brücken. Dazu hat er nach seiner Emeritierung zwei Bücher geschrieben, die im Verlag Ernst & Sohn erschienen sind. Da lag es auf der Hand, dass er brennend an neuen Erkenntnissen interessiert war, z. B. zum Einsturz der Brücke in Genua. Bei solchen Gelegenheiten zeigte sich in den Diskussionen, dass sein bei Kurt Klöppel – dem damaligen Doyen des deutschen Stahlbaus – geschultes Denken die Dinge immer noch sauber gliederte und analysierte. Uns hatte es schon als gerade promovierte Mitarbeiter geradezu begeistert, wie er Fachprobleme mit klarem Verstand – immer auf blitzsauberer, mechanischer Grundlage – analysierte und löste. Das war nicht überall der Standard!

Praktische Erfahrungen in ihrer ganzen Breite hat er im Anschluss an seine Promotion bei Klöppel in Darmstadt durch die Gründung des Ingenieurbüros ScheerWeihermüller gesammelt. Stellvertretend sei hier die Berechnung der Gerüste für die Umsetzung der Felsentempel von Abu Simbel in Ägypten genannt.

„Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.“ Dieses Zitat wird Immanuel Kant, aber auch Kurt Lewin zugeschrieben. Es hätte aber ebenso gut von Joachim Scheer stammen können. Praxis ohne Theorie war nichts für ihn. Da war er ganz bei Leonardo da Vinci, der angeblich gesagt hat: „Diejenigen, die meinen, Praxis ohne Theorie betreiben zu können, sind wie Seeleute, die ein Schiff ohne (Steuer-)Ruder und Kompass betreten und niemals wissen, wo sie ankommen.“ So war auch für ihn die Verbindung von Theorie und Praxis die Sprungfeder, die den konstruktiven Ingenieurbau voranbringen kann.

Reine Theorie ohne Nachprüfung in der Praxis war ihm genauso wesensfremd. Dies war wohl der wesentliche Grund für seinen Wechsel im Jahre 1976 von der Universität Hannover an das Institut für Stahlbau der TU Braunschweig, denn in Braunschweig stand ihm ein großes, gut eingerichtetes Labor zur Verfügung. Das Labor erwachte unter seiner Führung zu blühendem Leben. Großversuche mit Tausenden von Tonnen im großen Prüfgerüst oder in selbst entwickelten speziellen Prüfeinrichtungen und parallel dazu Versuche an kleineren Mustern und Bauteilen gehörten zum täglichen Leben im Labor.

Nach den Einstürzen mehrerer Brücken mit ausgesteiften, stählernen Hohlkästen um das Jahr 1970 entwarf er ein nationales Forschungsprogramm, in dem fast alle größeren Stahlbau-Institute Deutschlands beteiligt waren, um die Beulprobleme ausgesteifter Platten besser beschreiben zu können. Im Labor wurden dazu komplizierte Prüfeinrichtungen geschaffen, um z. B. das Beulen gedrückter, ausgesteifter Platten mit Schubeintrag an den Längsrändern experimentell studieren zu können.

Für seine Leistungen in der Wissenschaft wurde ihm im Jahre 1994 die Ehrendoktorwürde der Technischen Universität München verliehen.

Wie bemerkt, war Joachim Scheer jemand, der versuchte, den oft gesehenen Gegensatz zwischen Praxis und Theorie aufzuheben oder die Übergangsprobleme zu beseitigen. Seine „Beulwerte ausgesteifter Rechteckplatten“, erschienen 1960, sind dafür ein früher Beleg.

So überrascht es nicht, dass ihm ebenfalls im Jahre 1994 für seine Leistungen in Praxis und Wissenschaft die Auszeichnung des Deutschen Stahlbaus verliehen wurde.

Dabei forderte er viel von sich und von anderen, das haben die gemerkt, die mit ihm eng zusammengearbeitet haben, sei es bei Forschungsarbeiten im Institut oder z. B. in Fachausschüssen. Joachim Scheer war der Leiter der Normenausschüsse DIN 18800 Teil 1 (Stahlbauten) und DIN 18800 Teil 3 (Plattenbeulen) und trieb deren Entstehung zielstrebig voran. Seine Mitarbeiter genossen einen großen Freiraum bei ihrer Arbeit. Er nannte es das „Prinzip der langen Leine“. Bemerkenswert war in diesem Kontext seine Art, Verantwortung zu delegieren. Sein Gedankenmodell war die Situation, er sei abwesend, aber es muss rasch ohne ihn eine Entscheidung gefällt werden. Für solche Situationen erfand er, in Übernahme von Kant, den Scheer’schen Kategorischen Imperativ: Handle in Institutsangelegenheiten stets so, dass die Maxime deines Handelns zu den Grundlagen der Scheer’schen Prinzipien passt. Was aber waren seine Prinzipien?

  1. Beachten von Regeln und Gesetzen – nicht unbedingt selbstverständlich an Unis
  2. Sorgfältiges Arbeiten im Großen wie im Detail und nicht in der Mitte aufgeben (vgl. Herausgeberschaft Bauingenieur!)
  3. Tatkräftiges, energisches Vorantreiben eigener und fremder Arbeiten und der dazu eingesetzte effiziente und enorm fleißige Arbeitsstil
  4. Verantwortlich ist man nicht nur für das, was man tut, sondern auch für das, was man nicht tut
  5. Prinzip der Freiheit der Mitarbeiter und sein Kategorischer Imperativ

Es verwundert nicht, dass Joachim Scheer bei solchen Eigenschaften ein  gefragter Mann für viele Aufgaben war:

  • Vorsitzender und natürlich auch Mitarbeiter zahlreicher Fachvereinigungen und Normungs-Komitees
  • Spiritus rector der Stahlbaunormenreihe DIN 18 800, ein wichtiger Schritt ins Neuland!
  • Mitglied des Deutschen Ausschusses für Stahlbau – der wissenschaftlichen Vereinigung des deutschen Stahlbaus
  • Mitglied der Braunschweigisch-Wissenschaftlichen-Gesellschaft (BWG), einer wissenschaftlichen Akademie
  • Langjähriger und erfolgreicher Herausgeber der Zeitschrift Bauingenieur
  • Prüfingenieur bei so herausragenden Objekten wie z. B. der Messehalle 2 in Hannover, zahlreichen Brücken und Masten bzw. Türmen

Alle, die das Vergnügen hatten, mit ihm zusammenzuarbeiten, trauern sehr um ihn. Sie haben ihm viel zu verdanken, er hat allen viel gegeben. Das wird gut erfasst durch den Aphorismus des indischen Dichters und Philosophen Tagore:

Leuchtende Tage…
Weine nicht, dass sie vorüber,
Lächle, dass sie gewesen.

Prof. Udo Peil (Braunschweig)
Prof. Hartmut Pasternak (Cottbus) Prof. Ioannis Vayas (Athen)

Leserkommentare

  1. Karl-Eugen Kurrer | 20. Oktober 2020

    Gratulation an Udo Peil, Hartmut Pasternak und Ioannis Vayas zu diesem Nachruf auf Joachim Scheer!

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Datum 20. Oktober 2020
Autor Prof. Udo Peil, Prof. Hartmut Pasternak & Prof. Ioannis Vayas
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