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Gespräch

„Nicht immer ist Hightech das Maß der Dinge“

momentum sprach mit Christoph Lausch, Dipl.-Bauing. und Vertriebsleiter Zentraleuropa bei Harsco Infrastructure über die Rautennetzbauweise, frühe Formen der Nachhaltigkeit, die Entwicklungen in der Schalungstechnik, die These vom Innovationsstau und über Deutschlands Großprojekte

momentum: Herr Lausch, in der Geschichtsrubrik der Harsco-Seite stößt man in den Anfängen auf die Rautennetz GmbH …

Christoph Lausch

Christoph Lausch, Vertriebsleiter Zentraleuropa bei Harsco Infrasstructure (Foto: Babette Bargatzky)

Lausch: Die hat Herr Emil Mauritz Hünnebeck 1929 gegründet. Er hat sich zunächst mit der Herstellung von Drahtnetzen in – der von ihm so genannten „Rautennetzbauweise“ – befasst. Dabei ging er von der Überlegung aus, dass man beim Hallen- oder Zeltebau für die über die Bogenbinder zu ziehenden Planen oder Bleche ein Tragwerk benötigt. Und da hat er erkannt, dass so ein Rautennetz Dachlatten und Ähnliches sparen kann.

Also im Anfang war das Tragwerk …

Im Prinzip ja. Herr Hünnebeck hat sich zu Beginn, denn in die Schalung ist er ja eigentlich erst nach dem 2. Weltkrieg eingestiegen, mit Hallenbau und dabei auch mit einem Vorläufer der Trapezbleche beschäftigte. Bei der Überlegung, wie man eine Hallenverkleidung mit Stahlblechen macht, hat er letztere in einer gewissen Breite zu C-förmigen Profilen gefalzt und überlegt, wie man diese Bleche an der Fassade anbringt und auch abdichtet. Und da hat er mit der Stahllamelle (so hieß damals auch seine Firma), die ja schon einen Schritt weiter war – die Rautennetzbauweise war damit ja schon mehr oder weniger beendet – Bleche, die es noch nicht fertig gab, gekantet und dann dreieckige und rechteckig geschlitzte Profile über die Stöße geschoben.

Rein technikgeschichtlich gesehen ging es bei Herrn Hünnebeck mit der Rautennetzbauweise los, über die man übrigens kaum Informationen findet …

Ja, leider. Über die Stahllamelle findet man jedoch mehr Hinweise. Es gibt bei uns zwei Systeme, die aus Restender Stoßprofile gemacht worden sind. Herr Hünnebeck hatte aus der Zeit der Stahlhallen noch Profile – was man aus der damaligen Zeit heraus verstehen muss, in der Material teuer und Lohn günstig war. Das eine Profil war ein Rechteckprofil mit einem Schlitz drin, das man über die aufgekanteten Bleche rechts und links geschoben hat, um die Fuge zu dichten – als Verbinder quasi. Dasselbe Profil findet man bis heute in unserem ID 15 System.

Und dann das Schnellbaugerüst: Gegenüber dem heutigen Gerüstrohr hatte das übrigens weltweit erste Rahmengerüst einen dreieckigen Stiel.

Dieses lag als Überrest der Stahllamelle-Stoßprofile noch vor. Und da hat Herr Hünnebeck die Leute aus der Konstruktion geholt, und gesagt: „Das brauchen wir nicht mehr, macht mal was draus.“ Und das haben die gemacht. Wenn man so will, eigentlich eine frühe Form nachhaltigen Umgangs mit Rohstoffen…

… die wohl auch etwas mit der Zeit nach dem 2. Weltkrieg zu tun hatte…

Burkhard Talebitari und Christoph Lausch

Burkhard Talebitari und Christoph Lausch im Gespräch (Foto: Babette Bargatzky)

Ja, sicher hat man verwendet, was zur Verfügung stand. Herr Hünnebeck hat ganz klar gesehen, da liegt ein Land am Boden, da ist unheimlich viel aufzubauen. Was lag näher, als mit der Produktion von Stützen und entsprechenden Gerüsten anzufangen. Und auch damals schon war der Begriff „Qualität“ ganz, ganz wichtig. Herrn Hünnebecks Originaldefinition von Qualität – damals in den 50er Jahren so aktuell wie heute – lautet: Qualität ist immer eine gelungene Kombination aus Design, Wahl des Materials, Produktionsmethode und natürlich Produkt- und Qualitätskontrolle. Damit war Qualitätssicherheit und Wirtschaftlichkeit immer gegeben.

Ein Visionär der Nachhaltigkeit …

Ja, absolut. Und er hat für diese Werte gelebt, das zieht sich durch unser Unternehmen bis heute.

Steckt hinter all dem nicht fast die auch technikgeschichtlich spannende Frage, was die Schalungsentwicklung recht eigentlich vorantrieb und -treibt?

Sicherlich immer größere Schaleinheiten, einfache Bedienung und Logistik auf der Baustelle und natürlich Sicherheit und Effizienz. Z. B. die Stundenleistung einer Mischmaschine, die es damals noch auf der Baustelle gab. Heute gibt es Pumpen, die sich in den letzten 10 Jahren von der Förderleistung her gigantisch entwickelt haben. Also viel schnellere Steiggeschwindigkeiten des Betons in der Schalung und damit verbunden ein viel höherer Betondruck, was auch ein wichtiges Kriterium bei der Entwicklung unseres Harsco Platinum 100 war. Der Beton gelangt heute mit ungleich mehr Druck in die Schalung. Dem müssen wir gerecht werden.

 

Themenwechsel: Von im Ausland arbeitenden Ingenieuren hört man zuweilen, dass Sicherheitsstandards, Logistik und Ähnliches dort so entwickelt seien, dass viele deutsche Baustellen sich da eine Scheibe abschneiden könnten …

Durchaus. Es gibt Länder wie Frankreich, die höhere Sicherheitsstandards haben als wir. Es gibt aber auch Länder, da ist die Sicherheit noch nicht so wichtig …

Aber Sie haben auch schon auf ausländischen Baustellen hier und da technisch etwas gelernt?

Wenn Sie mit offenen Augen über eine Baustelle gehen, dann sehen Sie – ob nun im In- oder im Ausland – fast überall irgendein Detail, von dem Sie lernen können. Also ein Beispiel: Wenn Sie heute auf eine Fundamentplatte schauen, dann ist die oft nicht ganz glatt, die hat gewisse Unebenheiten …

… wobei die Tafeln ja doch schon sehr genau sind …

Christoph Lausch

Christoph Lausch (Foto: Babette Bargatzky)

… ja, die Tafeln durchaus. Dennoch bilden sich fast immer ganz leichte Fugen dort, wo die Schalung auf der Fundamentplatte aufsteht. Das gilt für jede Schalung. Und jetzt gibt es verschiedene Möglichkeiten: Entweder man lässt das einfach so, dann läuft beim Betonieren anfangs ein bisschen Schlempe raus mit dem Resultat der typischen Betonnester oder ein bisschen rauerer Oberflächen. Um das zu vermeiden, gibt es verschiedene Möglichkeiten: Früher, als auf der Baustelle noch viel gesägt wurde, hat man einfach Sägespäne vorgestreut oder darunter gefegt, die sich mit der Betonschlempe verbunden haben, wodurch die Fuge abgedichtet wurde.

 

Ein sichtlich simpler und effektiver Trick …

Heute sprüht man oft Montageschaum zwischen jede Fuge. So sehen dann auch die Schalungen hinterher aus, mit zusätzlichem Reinigungsaufwand.

Dann aber zeigte man mir einmal eine Methode, bei der man einfach nur Sand nimmt und ansonsten wie bei den Sägespänen verfährt. Das ist ein ganz einfaches, probates Mittel, und das sind kleine Dinge, die mich eigentlich immer begeistern; Nicht immer ist Hightech das Maß der Dinge, sondern wir bauen ja historisch gesehen schon eine ganze Weile. Und viele alte Tugenden gehen manchmal verloren, weil alle meinen, es gebe nur noch Hightech-Systeme. Dabei macht es manchmal die Kombination von modernen und ganz einfachen Dingen. Das ist das, was mich fasziniert.

 

Herr Lausch, wenn man Vertriebsleiter für Mitteleuropa ist, schielt man dann nicht womöglich neidisch auf die dynamischen Märkte außerhalb Europas?

Natürlich ist Deutschland ein entwickelter Markt, aber immer auch eine Herausforderung als Triebfeder für neue Ideen, von denen dann andere Länder mit anderen Entwicklungsstufen profitieren können.

Das hat z.B. jemand wie Werner Sobek unlängst in einem Interview anders dargestellt, in dem er Deutschland aufgrund überzogener Vorschriften und Normierungen einen absoluten Innovationsstau attestiert. Das geht soweit, dass er Sloterdeijk zitiert, der die letzten Jahrzehnte als gesamtgesellschaftlichen Verlust bezeichnet habe und den sieht Sobek auch in der Baubranche …

Na gut, wenn ich vom Planungsbüro komme, gibt es natürlich viele Regeln und immer neue Euronormen, Eurocodes und Beschränkungen. Da mag das bis zu einem gewissen Grad für mich nachvollziehbar sein. Ich persönlich kann das aber so nicht empfinden. Sicherlich arbeiten wir hier schon auf einem relativ hohen Niveau, weil wir – getrieben durch die Lohnkosten – an der Effizienz unserer Systeme arbeiten müssen. Heute befinden wir uns mehr in der Detailarbeit.

 

Burkhard Talebitari und Christoph Lausch

Burkhard Talebitari und Christoph Lausch im Gespräch (Foto: Babette Bargatzky)

Also ein gewisses Kleinklein, das Herr Sobek mit Stillstand verwechselt?

Kleinklein nicht nur … Wenn ich mal zurückdenke: Vor 35-40 Jahren ging es ja quasi von der Holzschalung, dem Brett, dem Nagel, dem Kantholz und dem Draht in die Schalungssysteme hinein. Heute gibt es Großelementsysteme mit signifikant weniger Lohnaufwand als früher, mit weniger Ankern, ohne verlorene Hüllrohre und mit ganz wenigen Zubehörteilen. Es wurde also ein ganz erheblicher Rationalisierungsschritt getan. Und es gibt noch immer viele interessante Details, mit denen wir uns beschäftigen können und die immer noch einen guten Effekt auf einfacheres, sichereres oder eben auch schnelleres, besseres Arbeiten haben. Insofern kann ich die Meinung nicht ganz teilen, dass da in den letzten Jahrzehnten ein Stillstand zu verzeichnen sei.

 

Es sei halt nur weniger spektakulär?

Wir müssen uns über eine Seite natürlich bewusst sein: Es hat sicher große Schübe gegeben in den 80er Jahren und Anfang der 90er. Das hat damit zu tun, dass ganz generell immer mehr an die Grenzwerte der Materialien gerechnet werden konnte, was vorher nicht ganz so gut möglich war. Und jetzt sind manche Dinge von der werkstofftechnischen Seite her an eine gewisse Grenze gelangt.

 

Und jetzt müsste man in ganz neue Werkstoffe einsteigen …

Wozu wir grundsätzlich bereit sind … Werkstoffe, die leichter sind und dennoch mehr tragen können … Nur steht das – heute wenigstens – noch in keinem attraktiven Preis-Leistungs-Verhältnis. Wenn das einmal anders ist, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass so etwas auch wieder zusätzliche Schübe bewirken kann. Wir haben uns in den letzten drei Jahren etwa mit unserer Harsco Platinum 100 sehr viele Gedanken darum gemacht, was wir da so alles reinbauen können – und sind letztlich werkstofftechnisch wieder bei einer Stahlvariante gelandet, allerdings diesmal mit einer Kunststoffschalung … Aber da sieht man schon, dass man noch Dinge optimieren kann, wenngleich die pfiffigen Ideen aus einer anderen Richtung kommen. Die kommen nicht aus den Werkstoffen, sondern aus den Lohnkostenvorteilen …

 

Womit wir noch mal bei der These vom Innovationsstau wären …

Lassen Sie es mich einmal so fassen: Gerade wenn Sie aus dem Ausland wiederkommen und mal eine Zeit Pause gemacht haben vom deutschen Markt, dann haben Sie am Anfang durchaus das Gefühl, dass alles ein bisschen stehengeblieben ist. Das ist mir auch so gegangen. Aber wenn man dann näher hin schaut, sieht man schon, dass sich doch eine ganze Menge getan hat, es ist nur nicht ganz so offensichtlich …

Zum Beschluss eine – fast schon – Standardfrage: Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für das derzeitige Scheitern von Großprojekten?

Mein Eindruck ist heute, dass die Steuerer der Bauabläufe schon zuweilen zwischen verschiedenen Interessen zerrieben werden. Interessen, die sich teils aus politischen Forderungen ableiten, oder teils aus der Erwartungshaltung mancher Aufsichtsräte, die nicht so bauaffin sind und manchmal sicherlich auch  z.B. Fertigstellungstermine wünschen, die nichts mit der Realität zu tun haben.

Ich glaube sicherlich, dass es heute schwierig ist, solche Großbauvorhaben zu managen, weil nicht nur das Bauvorhaben selbst komplex ist, sondern auch die Randbedingungen komplex sind.

Könnte es auch am Managen überhaupt liegen? Das ist ja auch bei der Deutschen Bahn so ein Argument. Da sitzen jetzt überwiegend Manager, die von außerhalb – sehr gern aus der Luftfahrtindustrie – kommen und keine Eigengewächse, die wirklich das Handwerk von der Pike auf kennen.

Das will ich nicht komplett ausschließen. Diese Bauvorhaben sind halt äußerst komplex und immer mehr Teilbereiche werden an verschiedene Planungsgruppen vergeben, die primär ihren Bereich betrachten. Also die berühmte Schnittstellenproblematik …

Traurig ist dabei, dass die Publikumsmedien, obgleich wir sehr, sehr gute Planer in Deutschland haben, diese Großprojektproblematik zwar berechtigterweise anprangern, jedoch nicht zur besseren Lösung beitragen. Das kratzt unser Image an, kostet aber auch den Steuerzahler viel Geld …

Herr Lausch, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Das Gespräch führte Burkhard Talebitari.

 

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Datum 9. Oktober 2013
Autor Burkhard Talebitari
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