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Rezension

Paris – Haussmann und der Kult des Schönen

Paris Haussmann, A Model’s Relevance, Edited by Benoît Jallon, Umberto Napolitano, and Franck Boutté. Photographs by Cyrille Weiner

Paris Haussmann, A Model’s Relevance, Edited by Benoît Jallon, Umberto Napolitano, and Franck Boutté. Photographs by Cyrille Weiner (Cover: Park Books)

Dichten konnte er auch. Ob besser als bauen, das ist vielleicht falsches Fragen, aber dessen Antwort bleibt, auch nach Lektüre dieser Rezension über die Neuauflage von „Paris Haussmann, Modèle de Ville / A Model’s Relevance“ , sicherlich jedem selbst überlassen.

In seinem Gedicht „Confession d’un lion devenu vieux“ schreibt Baron Haussmann: J’ai le culte du Beau, du Bien, des grandes choses, / De la belle nature inspirant le grand art, / Qu’il enchante l’oreille ou charme le regard; / Jai l’amour du printemps en fleurs: femmes et roses. (Ich hab’ den Kult des Schönen, des Guten, der Dinge groß, / von der schönen Natur große Kunst inspiriert, / dass er das Ohr charmiere oder das Sehen betöre; / Ich habe die Liebe zum Frühlingsblühn: Frauen und Rosen. (Baron Haussmann: Bekenntnis eines alt gewordenen Löwen (dt. vom Verf.)).

Für Walter Benjamin war Paris bekanntlich die Hauptstadt des 19. Jhs. Die These wäre – ebenso bekannt – ohne Georges-Eugène Baron Haussmann nicht formulierbar gewesen. Paris wurde durch seine Planung die Hauptstadt des Luxus und der Moden und der damals coolen Trends. Etwa dem der angewandten Entschleunigung durch das Ausführen von Schildkröten an Leinen, wie man in Benjamins Passagen-Werk zu Paris als Hauptstadt des 19. Jhs. lernen kann.

Hausmann und die Herausforderungen heutiger Städte

Typologische und morphologische Analyse, Primäre öffentliche Räume. Place Charles de Gaulle

Typologische und morphologische Analyse, Primäre öffentliche Räume. Place Charles de Gaulle (Quelle: © LAN)

In „Paris Haussmann“ von Benoit Jallon, Umberto Napolitano und Franck Boutté erfährt man darüber nichts. Das muss auch nicht, denn das so imposante wie laut Verlag begehrte, und deshalb nun in Neuauflage erscheinende Buch wendet sich an Architekten. Und es widmet sich der Frage, was an der Hausmannisierung von Paris für alle künftige Stadtplanung zu lernen sei. Der Band erschien zuerst 2017 (wie jetzt wieder zweisprachig in Französisch und Englisch) im Zusammenhang mit einer Ausstellung im Pavillon de l’Arsenal in Paris. Er beschäftigt sich in seinem vergleichsweise kurzen Essay-Teil mit der Haussmann’schen Transformation der Seine-Metropole im späten 19. Jh. Zum ersten Mal würden, heißt es in einer englischen Kurzrezension zur Neuerscheinung, „die Qualitäten des Haussmann-Modells herausgearbeitet, um zu zeigen, wie sie mit den Herausforderungen umgehen, denen sich heutige Städte stellen müssen.“ (dt. vom Verf.) Und in einer Rezension zur Erstausgabe 2017 heißt es, die drei Architekten folgten bei ihrer Untersuchung „der Systematik von Haussmann, die dieser bei der Neuordnung der französischen Hauptstadt anlegte: angefangen von einem Straßennetz in drei Hierarchie-Ebenen mit dem darunter liegenden Versorgungsnetz von Wasser, Gas und Metro über die unterschiedlich geformten Häuserblocks, die durch das Aufeinandertreffen von neuen und mittelalterlichen Straßen entstanden, bis hin zur Ausgestaltung der einzelnen Häuser und sogar Wohnungen.“ All diese Elemente, so die Rezensentin weiter, würden „u. a. auf ihren Beitrag hinsichtlich Effizienz, Flexibilität, Resilienz, Klimatauglichkeit, Lebensqualität und nicht zuletzt Identitäts- und Markenbildung der Stadt untersucht und mit anderen Städten bzw. aktuellen, auch explizit als nachhaltig geltenden Bauweisen verglichen.“ Hier kann zwar ein gewisser Pariser Nepotismus ausgemacht werden, wenn es weiter heißt, es überrasche nicht, „dass die drei Pariser Architekten die Stadt trotz Verkehrsinfarkt, Touristengedränge und problematischer Entsorgungssituation für sehr lebenswert und zukunftsfähig – z. B. für die Nachrüstung zur »smart city«“ hielten. Doch der für das Verständnis und die Crux des liebevoll ausgestatteten Bandes nächste Schritt in Sachen Überraschung wird hier nicht gegangen. Fotografien des berühmten Fotografen Cyrille Weiner, Lagepläne und Karten, Grundrisse und Schnitte, axonometrische Projektionen und verschiedenste, großzügig und gut erfassbare Grafiken zeichnen den Prachtband aus und machen ihn, wäre er denn nicht so großformatig, zum Vademecum eines jeden Architekten und Stadtplaners. Und genau hier möchte seine Crux und Gefahr liegen.

Neoklassisch und in Pseudo-Renaissance verliebt

Anlageobjekt in Pseudo-Renaissance-verliebter Fassadenpracht, 3, Rue de la Paix

Anlageobjekt in Pseudo-Renaissance-verliebter Fassadenpracht, 3, Rue de la Paix (Quelle: © LAN)

Die drei Pariser Architekten haben vermittels bestimmter Programme das Straßennetz nach Haussmann und dessen Effizienz vermessen und eindrücklich zur Darstellung gebracht und gehen dabei auch ausführlich auf die für eine solche Stadt erstaunlich günstige Fußläufigkeit ein. Auch der klimatischen Effizienz der von Haussmann favorisierten Gebäudetypen wird nachgegangen und ein gesonderter Essay (S. 26 f) singt das so zutreffende wie hohe Lied der Blockbebauung nicht nur in Sachen Akustik und Belichtung. Bedenklicher stimmt dann den aufmerksamen Leser schon der Immeuble / The Building betitelte Essay (S. 36 f) der einhergehend mit den liebevoll abgebildeten Fassadendetails im opulenten Abbildungsteil des Bandes zeigt, was neoklassisch und in Pseudo-Renaissance verliebt an Haussmanns Gebäudetypen ist. Nur dass er damit eben auch versinnbildlicht, was schier nur noch als Chuzpe bezeichnet werden kann am Versuch, derlei Ornament-Schmock auch nur von Ferne zur neo-klassizistischen – quer durchs Land bei nicht wenigen Neubauten zu gewahrenden – Nachahmung zu empfehlen. Hier passt der Band also etwas nahtlos in den uninspirierten Zeitgeist des ästhetisch so grassierenden wie ratlosen Neo-Historismus. Ja fast ließe sich wähnen, das Unriskante eines solch kostenintensiven verlegerischen Projektes verdanke sich just dem obwaltenden Zeitgeist als Ungeist der Neo-Gründerzeit.

Gegensatz von Boulevard und Barrikade

Doch damit wäre der so verantwortungslosen wie apolitischen Flucht ins Effiziente, Nachhaltige und Ästhetische des Versuchs, die Haussmannisierung Paris’ auf ihren Vorbildcharakter abzuklopfen, leider noch nicht genüge getan. Dies zu belegen, und das macht vielleicht das Spannende am Zeitpunkt des Erscheinens dieser Neuauflage aus, braucht es keine hausbacken linken Diskurse von anno Ende 60 des 20. Jhs. Diese führten in Sachen Hausmann gern Walter Benjamins Wort von „Haussmann oder die Barrikaden“ an. David Jordan hat in: “Die Neuerschaffung von Paris, Baron Haussmann und seine Stadt” schon mit allem historischen Recht darauf verwiesen, dass die populäre These von den für Kontrolle und Polizei- oder Militäraufmärsche strategisch wichtigen Boulevards durch den Verlauf des Kommune-Aufstands von 1871 widerlegt werde. „Wäre“ meint Jordan, „der Gegensatz von Boulevard und Barrikade tatsächlich so zwingend, dann hätte es eigentlich zu den Pariser Ereignissen von 1871 gar nicht kommen dürfen.“

Freilich wäre der mutmaßlich wohlfeile linke Einwand damit nicht ganz abgefrühstückt, wenn man mit Jordan an die schweren Cholera-Epedemien mit Zehntausenden Todesopfern denkt, die die Stadt 1832 und 49 heimsuchten. Nun wurden die ästhetischen, verkehrstechnischen und ebenso die strategischen Argumente ob der Hinweise auf die Notwendigkeit verbesserter Hygiene aktualisiert und die verknäulten Argumentationen mithin schwer durchschaubar. Jordan weist hier auch darauf hin, dass damals die Arbeiterviertel zugleich als hygienisch verseucht und politisch unzuverlässig galten, sich aber Spekulanten auch ausmalten, was sich nach der Sanierung und Gentrifizierung solcher Viertel für Grundstückspreise und Mieten erzielen ließen. Auch Republikaner, sonst gegen alle kaiserlichen Vorhaben, hätten damals eine radikale Stadterneuerung gefordert, und Haussmann habe selbst von der Opposition Beifall erhalten.

Hohelied der Blockbebauung, 42, Rue du Louvre

Hohelied der Blockbebauung, 42, Rue du Louvre (Quelle: © LAN)

Das machte Georges-Eugène Baron Haussmann, dem – so Jordan – Karriere-Beamten und bereitwilligen Vollstrecker der ehrgeizigen Image-Pläne von Napoléon III. den Weg frei und den für das Kunstwerk Paris, die schöne Stadt, den „culte du Beau, du Bien, des grandes choses“. Paris galt im 18. Jh. gegenüber jenem Bordeaux und dessen geometrisch schönem Stadt-Layout als hässlich, in dem Haussmann lange Jahre Präfekt gewesen war. Als Bürger des wissenschaftlichen Zeitalters, heißt es in einer FAZ-Rezension bei Erscheinen von Jordans Buch, habe Haussmann es für eine Pflicht gehalten, Gesetze zu entdecken. Just jene Gesetze, die Jallon, Napolitano und Boutté auf 260 Seiten Text und Abbildung durchdeklinieren, ohne auf ihre geistesgeschichtlichen und stadtplanungspolitischen Implikationen irgend zu verweisen.

Schönheit der Gesetzmäßigen

Der Ornamentkatalog. Geländer-, Tür-, Fries- und Balkon-Ornamente

Der Ornamentkatalog. Geländer-, Tür-, Fries- und Balkon-Ornamente (Quelle: © LAN)

Gesetzmäßiges war für Haussmann schön, und wenn es sich tausendmal wiederholte, worauf die Autoren in Sachen Gebäudetypologie wiederum ohne allen gesellschaftlichen Kontext eingehen. Für den Philosophen Kierkegaard will der glückliche Mensch die Wiederholung. Wären demgemäß die Pariser ob ihres Haussmannisierten Stadtbildes glücklich? Womöglich würden dies die Pariser Autoren von Paris Hausmann gar nicht ganz von der Hand weisen … Wiederholung, heißt es in der erwähnten Rezension, habe für Hausmann niemals monoton sein können. Das sei sein Glaube und Paris sein Credo gewesen. Er habe „die Stadt umgestaltet, um die Schönheit des Gleichförmigen zu beweisen.“ So symbolisiere Haussmanns Paris Wissenschaft und Technik, Rationalität und Fortschritt, Aufklärung und Vernunft, Handwerk und Luxus, mit einem Wort: Frankreich.

Nur dass die Wiederholung eines „alt gewordenen Löwen“, (den die FAZ-Rezension zu Jordans Buch einen „wütenden, dickfelligen Eber“ nennt), sich eben doch nicht nur als monoton, aber brisant gefährlich für allen künftigen architektonischen Diskurs erweisen dürfte. Gegen sie gälte es, auf die zum wenigsten theoretischen Barrikaden zu gehen.

 

Cover:

Cover (Park Books)

Paris Haussmann, A Model’s Relevance
Edited by Benoît Jallon, Umberto Napolitano, and Franck Boutté. Photographs by Cyrille Weiner
Park Books, ISBN 978-3-03860-219-4

Text in Französisch und English
SFR 59,00 / GBP 42,00 / US$ 55,00 / € 48,00

 

 

 

 

 

 

 

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