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Im Ernst

Rechte Räume

Gibt es die denn – rechte Räume? Ist eine Polizeistation ein rechterer Raum als eine Jugendbegegnungsstätte oder ein Mahnmal? Oder sind das alles rechte Räume gegen rechte Träume jener Neonazis, die alljährlich am 20.4. nach Braunau pilgern? Die 16.700-Einwohner-Stadt am Inn ist ja nicht schuld daran, dass Hitler in ihr geboren wurde und diesbezügliche Witze mit ihrem Namen dürften alle schon gemacht sein.

Im Hitler-Geburtshaus, wie es als solches auf Google-Maps zu finden ist, soll Adolf Hitler nur kurze Zeit gelebt haben und ob er wirklich hier, oder in einem Nebenhaus geboren wurde, sei, darauf weist Gerhard Matzig in der „Süddeutschen“ vom 9.6. d.J. hin, unter Historikern strittig. Doch das kann nur für die neonazistischen Pilger eine Frage von Wichtigkeit sein, für Braunau und den Staat Österreich, dem das Haus seit 2017 gehört, geht es mehr um die Frage des rechten Raumes, oder vielmehr jetzt nicht mehr, denn nun wird das Geburtshaus des Diktators zur Polizeistation.

Der ehemalige Innenminister und ÖVP-Politiker Sobotka wollte das Gebäude 2016 noch abreißen lassen und nannte das, so Matzig, „die sauberste Lösung.“ Was immer man dort nach dem Abriss bauen wolle, so Sobotka damals, „eine Erinnerungsstätte sicher nicht.“

Das Büro Marte.Marte hat nun mit Projekt 1003 die Ausschreibung für den Umbau des Hauses zur Polizeistation gewonnen. Ein Mahnmal galt es laut Ausschreibung unter allen Umständen zu vermeiden. Man habe sich, zitiert Baunetz am 9.6. Stefan Marte, bei seinem Entwurf „nicht so sehr darauf fokussiert, die Umbauten aus dem Jahr 1938 rückgängig zu machen, als vielmehr darauf, das an historischen Details reiche Gebäude aus dem 17. Jahrhundert rückzubauen. Damit hob die Stunde der Architekten und die Frage nach dem rechten Raum an und Matzig richtet seinen Bericht in der Süddeutschen entsprechend darauf aus, dass „problematischer als die Umnutzung die Wettbewerbsauslobung“ sei: “Durch die äußerliche Umgestaltung des Bestandsgebäudes soll die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus beseitigt (…) werden.” Matzig folgert: Das gelte explizit für das “bejahende Gedenken an den Nationalsozialismus”, schließe aber unglücklicherweise auch das reflektierende Nachdenken über den Ort aus. Nicht nur die Erinnerung will man “beseitigen”, auch der Ort als Ort des Erinnerns werde “neutralisiert” und das gelingt dem Entwurf von Marte.Marte offenbar vorbildlich. (vgl. Baunetz 9.6.20) Die Presse hat dagegen Projekt 1008 von Kabe / Springer als heimlichen Publikumsliebling der Ausschreibungsausstellung erkannt. Der Entwurf schließt die Fenster des Gebäudes mit Beton, befüllt es mit Erde und will das Grundstück zu einem unbegehbaren Wäldchen verwandeln, während die Polizei sich in einem schlichten Holzgebäude dahinter befände. Der eine gewiss reizvolle Mahnmalform favorisierende Entwurf widersetzt sich offenkundig vehement den Vorgaben der Ausschreibung – und erhielt doch einen „verlegenen Sonderpreis“ (Matzig). Man könne, meint Jörg Springer zum Entwurf unter seiner Beteiligung „Geschichte nicht entsorgen“. Ob man sie aber „bewältigen“ kann, wie Matzig meint, dürfte eher banges Fragen bleiben.

Matzig schließt seine Betrachtungen mit einer Münchner Pointe. Die Mietwohnung Hitlers am Prinzregentenplatz sei gleich nach dem Krieg Polizeistation geworden. Da ist Geschichte fraglos entsorgt worden. Dass sie nicht bewältigt ist und werden kann, zeigt aber diese jüngste Debatte um Braunaus Problem mit seiner argen „Sehenswürdigkeit“ und dessen pragmatisch populistischer „Lösung“. Und weil das so ist und so bleiben wird, steht der Verfasser dieser Zeilen vor der heute leider illusorischen Frage, was denn gegen jene unberührte Baufälligkeit gesprochen hätte, die das Gebäude zu Zeiten ja einmal kennzeichnete. Antwort: Jawohl, der Mahnmalcharakter. Gegen ihn führt man jetzt eine Polizeistation ins Feld – als rechten Raum zur Geschichtsbewältigung? Mahn mal! Siehe Foto …

Alles Pusteblume?

Alles Pusteblume? (pxhere)

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