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Vermischtes

„Recycling sollte erst gar nicht stattfinden“

Deponien sind voll und Ressourcen werden langsam knapp. Trotzdem entwickeln wir uns immer stärker zu einer Wegwerfgesellschaft, auch bei Gebäuden. Wie sich das verhindern lässt und welche Rolle der Nachwuchs im Handwerk dabei spielt, erklärt Michael Halstenberg, Rechtsanwalt und Ministerialdirektor a.D. sowie Vorstandsmitglied bei der Initiative Deutschland baut! e.V..

Wegwerfen und wieder neu bauen

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Schon seit vielen Jahren ist das so. Bei einer Betrachtung von Gerätschaften, seien es Fernsehgeräte, Kaffeemaschinen oder Wäschetrockner, fällt schnell auf, dass eine Reparatur heutzutage nicht mehr überall möglich ist. Das Gegenteil ist der Fall: Die meisten Geräte sind so verbaut, dass Teile bei Beschädigung und Verschleiß gar nicht mehr ausgetauscht werden können. Und es gibt auch nicht mehr überall fachkundiges Personal, das solche Reparaturen durchführt.

Ein Abriss kann vermieden werden, wenn sorgfältig vorgeplant wurde. Auch die Baupolitik kann hier unterstützen. Beispielsweise, indem die Anforderungen in punkto Energie und Nachhaltigkeit bei sanierten Gebäuden sinken oder zum Teil auch wegfallen, wann immer ein Bestandsgebäude renoviert und weiter genutzt, statt abgerissen wird.

Ein Abriss kann vermieden werden, wenn sorgfältig vorgeplant wurde. Auch die Baupolitik kann hier unterstützen. Beispielsweise, indem die Anforderungen in punkto Energie und Nachhaltigkeit bei sanierten Gebäuden sinken oder zum Teil auch wegfallen, wann immer ein Bestandsgebäude renoviert und weiter genutzt, statt abgerissen wird. (Foto: Pixabay, Joenomias)

Das Abfallaufkommen von 417 Millionen Tonnen im Jahr 2018 mit einer überproportional großen Zunahme in den Sektoren Bau und Abbruch zeigt auf, dass die Wegwerfgesellschaft längst auch bei Gebäuden und Straßen angekommen ist. Allein im Straßen- und Tiefbau fallen jährlich rund 80 Prozent aller Abfälle an. Und das, obwohl die öffentlichen Auftraggeber bei Bund, Ländern und Kommunen seit mehr als zehn Jahren aktiv dazu aufgefordert werden, Recycling-Baustoffe – insbesondere bei Infrastrukturmaßnahmen – konsequent zu berücksichtigen.

Dass Wegwerfen und wieder neu bauen nicht unbedingt immer die beste Lösung ist, veranschaulicht die aktuell sehr schlechte Materialverfügbarkeit am Bau. Vor einigen Jahren noch unvorstellbar, heute Alltag. Holz oder auch Dämmmaterialien sind knapp geworden. Und gleichzeitig sind die Preise massiv angestiegen.

Die Komplexität des Recyclings

So, oder so. Recycling von Materialien aller Art ist in der Regel aufwändig und teuer. Damit eine erneute Nutzung eines Produkts oder eine Wiedernutzung überhaupt erst möglich werden, muss zunächst eine Vielzahl an Vorschriften befolgt werden. Ein Produkt einfach wiederverwenden? Geht gewöhnlich nicht, da jedes Teil, das nicht mehr gebraucht wird, im ersten Schritt als Abfall deklariert wird. Anschließend entsteht daraus ein neues Produkt. Es greifen also zunächst abfallrechtliche Bestimmungen und anschließend neue Vorschriften für das daraus entstandene Produkt. Die Prozesse sind stets komplex, da die Wiederverwendung von beispielsweise ausgebauten Beschlägen, Fenstern oder Türen stets umfassende Qualitätssicherungen erfordert, bevor sie in eine neue Nutzung überführt werden dürfen. Hinzu kommen Regularien für den Wasser- und Bodenbereich, die es nicht zulassen, Stoffe aller Art aus einem abgerissenen Gebäude erneut einzubauen.

Recycling beginnt in der Vorplanung

Wie also eine sinnvolle Wiederverwendung sicherstellen und auf optimale Weise recyceln? „Das beste Recycling ist das, das gar nicht erst stattfindet“, weiß Michael Halstenberg, Rechtsanwalt und Ministerialdirektor a. D.. Der Leiter des Verbands- und Kooperationsmanagements Bau bei der VHV Gruppe ist der Überzeugung, dass es entscheidend ist, ein Gebäude oder eine Straße bereits vor der Realisierung durchgängig recyclebar zu machen. Das setzt eine durchdachte Vorplanung voraus, die solche Nachhaltigkeitskriterien von vorn herein mit einschließt. Im Industriebaubereich gibt es solche Modelle oder auch beispielsweise bei Supermärkten. Bei derartigen Hallenbauten werden verstärkt Leichtbauteile verwendet, ähnlich einem Lego-System. Nicht so im klassischen Hausbau, in dem leider die allerwenigsten Materialien und Systeme reparatur- oder recyclingfähig sind. Aus preislichen Gründen wird heutzutage beispielsweise verstärkt geklebt statt verschraubt – analog zum Fernsehgerät oder zum Waschtrockner. Systeme, die sich durchgängig wiederverwenden lassen, wie etwa die Ziegelwände oder Holzböden bei rund 100 Jahre alten Gebäuden, werden heute in dieser Form kaum noch eingesetzt.

Umnutzung statt Abriss und Neubau

Recycling findet dann gar nicht statt und auch die ganze damit verbundene Bürokratie entfällt komplett, wenn ein Gebäude ganz einfach umgenutzt werden kann. „Das sind Aspekte, die in der Städteplanung heutzutage entscheidend sind. Foto: Pixabay, Jens Junge

Recycling findet dann gar nicht statt und auch die ganze damit verbundene Bürokratie entfällt komplett, wenn ein Gebäude ganz einfach umgenutzt werden kann. „Das sind Aspekte, die in der Städteplanung heutzutage entscheidend sind. Foto: Pixabay, Jens Junge (Foto: Pixabay, Jens Junge)

Recycling findet dann gar nicht statt und die ganze damit verbundene Bürokratie entfällt komplett, wenn ein Gebäude ganz einfach umgenutzt werden kann. „Auch das sind Aspekte, die in der Städteplanung heute entscheidend sind“, erklärt der Experte. „Variable Systeme machen es möglich, den Rohbau zu erhalten. Es gilt, einen Abriss, wann immer möglich, zu vermeiden, denn dieser lässt das CO2-Schuldenkonto unmittelbar in die Höhe schießen.“

Doch wie lässt sich ein Abriss vermeiden, wenn nicht schon entsprechend sorgfältig vorgeplant wurde? Michael Halstenberg ist überzeugt, dass auch die Baupolitik hier unterstützen kann. Beispielsweise dadurch, dass die Anforderungen in punkto Energie und Nachhaltigkeit bei sanierten Gebäuden ganz einfach sinken oder zum Teil auch wegfallen, wenn statt eines Abrisses ein Bestandsgebäude renoviert und weiter genutzt wird.

Aber auch im Neubau kann man zusätzlich zu einer sorgfältigen, durchdachten Planung etwas tun. Hier sind eine Wertigkeit und Langlebigkeit der eingesetzten
Materialien wichtig. „Ein Produkt ist letztlich auch nur dann gut zu recyceln, wenn so genanntes „Downrecycling“ vermieden werden kann“, erklärt Halstenberg. Das bedeutet eine Wiederverwendung auf möglichst derselben Stufe und in gleicher Funktion.

Schlüsselposition des Handwerks

Entscheidend für eine ideale Weiterverwendung kompletter Gebäude ist natürlich auch das Personal, das in der Lage ist, die erforderlichen Reparaturen durchzuführen. Mehr Reparaturbetriebe bedeutet ein starker Fokus auf das Handwerk. Ein Bereich, der aktuell allerdings große Nachwuchsprobleme hat. Trotz in der Regel angemessener Arbeitszeiten und im Vergleich zu vielen anderen Ausbildungsberufen sehr guter Vergütung, die bereits in der Ausbildung beginnt, fehlen diesem Sektor massiv Nachwuchskräfte. Michael Halstenberg, der sich außerdem als Vorstandsmitglied bei der Initiative Deutschland baut! e.V. engagiert, betont, dass es unabdingbar wichtig ist, jungen Menschen im Handwerk insbesondere im Anschluss an die Ausbildung eine vielversprechende Zukunftsperspektive zu offerieren. Es ist wichtig, auf Work-Life Balance und auf eine, im Verhältnis zu vergleichbaren Tätigkeiten, angemessene Vergütung zu achten Entscheidend ist in diesen Berufen aber auch, dass alle Maßnahmen des Arbeits- und Gesundheitsschutzes umfassend genutzt werden, um einen möglichst langen Verbleibt innerhalb der Branche möglich zu machen. Nicht zuletzt muss das Image des Handwerks in Deutschland dringend gefördert werden, wofür sich der Experte im Rahmen der Initiative stark macht. „Auszubildende sind die besten Botschafter für eine Branche“, so Halstenberg abschließend. „Wenn wir eine Wegwerfgesellschaft bei Bauwerken vermeiden wollen, müssen wir unbedingt hier im Handwerk interessante Anreize für junge Menschen schaffen und sie auch so behandeln, wie sie das erwarten dürfen.“

 

 

 

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Datum 16. September 2021
Autor Deutschland baut! e.V.
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