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Vermischtes

Reiner Fluss – reine Fotografie

Cover Fotoband "Rheinbrücken / Rhine Bridges"

Cover Fotoband "Rheinbrücken / Rhine Bridges" (Foto: Thomas Riehle)

Dass er ein reiner Fluss ist, der Rhein, vielleicht sogar der reinste, verrät der Blick ins etymologische Wörterbuch. „Rhein“, mittelhochdeutsch „Rin“ (frz. Rhin, niederl. Rijn) geht auf ein vorgermanisch (illyrisches?) Wort „Reinos“ zurück und meint „Fluss, Strom“. Das Wort Rinnsal mag bis heute Zeugnis davon ablegen. Und als Rinnsal fängt bekanntlich auch der Rhein an, in den Schweizer Alpen Graubündens.

Der kurze Ausflug in die Wortgeschichte vermag zu der Pointe dieses von den mehr als 250 Rheinbrücken 100 fotografisch präsentierenden Buches überzuleiten: Das erste „farbenprächtige“ Schwarzweißfoto zeigt ein über das Rinnsal Vorderrhein bei Tschamut gelegtes Brett, das letzte den auf die Wassermassen der Rheinmündung ausgelegten Haringvlietdamm im niederländischen Haringvliet – Damm, Sperrwerk und Straßenbrücke zugleich, mit 17 doppelseitigen Sperrtoren und einer Schleuse, 4.500 m lang und von 1955 – 1971 erbaut.

Wären Grautöne Farben, wären die Anführungsstriche um das Wort „farbenprächtig“ überflüssig, was zu der Frage überleitet, wie ein Band mit durchweg großartigen Schwarzweißfotos denn eigentlich zu rezensieren sei. Diese zu beantworten, kommen wir wieder auf das Wort „rein“. Es sind reine Fotografien in des Wortes wahrstem Sinne, die der Fotograf Tomas Riehle hier ohne alle motivischen Mätzchen und spektakulären Perspektiven bietet. Und zeigten sie sich nicht einer realistisch bis naturalistisch zu nennenden Ästhetik verpflichtet, könnte man sie beinahe Ingenieurfotografie nennen. Das ist schließlich, wo „Realismus“ als etwas „die Sache Betreffendes“ zu übersetzen wäre, so abwegig nicht.

Roland Barthes, einer der großen philosophischen Fotografie-Theoretiker des 20. Jhs. nannte Fotografien „Namen augenblicklicher Dingkonfigurationen, deren irreversibel vergangenes Dagewesen sein sie zum Erscheinen“ brächten. Früher im 20. Jh., bei Siegfried Kracauer findet sich die nämliche Sichtweise, indem er dem Foto das Vermögen attestiert, „vorüber gleitendes materielles Leben festzuhalten. Leben in seiner vergänglichsten Form.“

Vielleicht hilft es beim Betrachten dieser Fotos von insgesamt doch nicht allzu schnell vergänglichen Dingen wie Brücken, sich diese Sichtweise der Fotografie zu eigen zu machen, wenn man sie in ihrer künstlerischen Bedeutung würdigen möchte. Riehle bietet hier alles andere als Momentaufnahmen von Brücken, doch sieht man jedem einzelnen Foto das Warten auf und das Suchen nach dem richtigen Moment und dem richtigen Standort für die Aufnahme an, der der Betrachtung das nötige Momentum zum Weiterdenken über Ästhetik und Konstruktion einer jeden Brücke – vom Brett bis zur 2004 in Strasbourg eingeweihten Passerelle des Deux Rives. Gottfried Knapp, der dem Fotoband einen einleitenden Essay spendiert hat, verweist mit Recht darauf, dass alle in diesem Band porträtierten Rheinbrücken eine individuelle Beschreibung verdient hätten – und auch wieder zu Unrecht insofern, als die Fotos diese Aufgabe an einem nicht geringen Teil wortlos zu übernehmen vermögen. Müsse er sich aber für eine entscheiden, wäre es besagte Fußgängerbrücke von Marc Mimram, die seit ihrer Entstehung schon oft als Symbol für das zusammenwachsende Europa herhalten musste.

So wirft dieser fabelhafte Band noch ein Licht auf einen schwer zu übersehenden Subtext dieser Fotos vom zuweilen ums Haar ins Transzendente changierenden Verbindungswerk aller geglückten Brückenkonstruktion. Dafür hätte es freilich, einziger – und verschmerzbarer – Wermutstropfen eines nur zu empfehlenden Bandes, nicht der gar zu wohlfeilen Klappentext-Lyrik rund um „religare“ und „Pontifex maximums“ bedurft.

 

Thomas Riehle, Rheinbrücken / Rhine Bridges
Mit einem Essay von Gottfried Knapp, Edition Axel Menge
264 S. mit 235 Abb., 380 x 260 mm, fest geb., deutsch / englisch, ISBN 978-3-936681-74-1, 86.00 €

 

 

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Datum 13. Januar 2016
Autor Burkhard Talebitari
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