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Vermischtes

Überbau des Unterbaus

Eine Rezension zu Dirk van Laaks „Alles im Fluss“

Dirk van Laak „Alles im Fluss“

Dirk van Laak „Alles im Fluss“ (Verlag S. Fischer)

Ein gutes Buch. Kein gutes Buch. Ersteres meint den Inhalt, letzteres die Sprache des Buches. Dirk van Laaks „Alles im Fluss“ ist spannend zu lesen für alle interessierten Menschen und für die, die sich mit Infrastruktur konstruktiv und baulich befassen. Leider ist Dirk van Laaks „Alles im Fluss“ aber nicht flüssig geschrieben. – Dass Form und Inhalt schlecht zu trennen sind, lernen wir möglichst schon in der Schule. Und so hat der Leser mit dem Buch seine Freuden und Nöte.
Einerseits Freuden, weil es sich auf rundum interessante Weise eines Themas annimmt, das hierzulande erst in den letzten Jahren in die Wahrnehmung der Historiker geriet. Infrastrukturgeschichte, in USA eher schon ein gängiges Sujet, hat in Deutschland mit Dirk van Laak einen beachtenswerten und namhaften Vertreter. Andererseits Nöte, da van Laak sich leider nicht die Zeit nahm, kürzer und dichter zu schreiben. Dass dies eine allgemeine Tendenz in der neueren Geschichtsschreibung sein könnte, macht es nicht besser. Und fragen möchte sich der geneigte Leser, was den Autor zur Nominalisierung des ewigen Heraklit-Wortes veranlasste. Wo aus panta rhei, dem „alles fließt“, ein „Alles im Fluss“ wird, ist man geneigt, Infrastruktur beispielsweise nur im Rhein oder der Spree zu suchen. Es sei denn, die Nominalstruktur wollte andeuten, dass Infrastrukturen heute für das einstehen, was die Philosophie als die statische Dynamik unseres Gesellschaftssystems erkennt und das Nominale dann das Statische des dynamischen Fließens betont.
Kenntnis- und detailreich entwickelt van Laak sein Material. Vom Kanalbau in England, als erster in diesem Buch beschriebenen Infrastruktur bis zum derzeitigen stand des Netzes.
Laut Karl Marx’ notorischem Wort wiederholt sich Geschichte bekanntlich das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Wer dieses Buch gelesen hat, sieht, wie viele Tragödien und Farcen sich in der Geschichte der Infrastrukturen ereignet haben. Es ist das immer gleiche Muster bei der Einführung einer jeden neuen Infrastruktur: Gegner, Verfechter, schier manische politische Hoffnungen, schier ebenso manisches Warnen und Unken, Kampf zwischen beiden Fraktionen und schließliche Gewöhnung.
Wussten Sie etwa, dass militante Gegner der frühen Automobilisten Stahlseile über Straßen spannten und die noch kutschenähnlichen Vehikel mit Steinen beschmissen, weil sie nur laut und stinkend waren, aber nach Auffassung der Steinewerfer nichts konnten, was die Pferdekutsche oder von Pferden gezogene Straßenbahn schon konnte? Heute sterben auf den Straßen der Welt täglich rund 2750 Menschen im Autoverkehr, während ein Flugzeugabsturz mit 100 Toten mediales Großereignis ist. Drastischer lässt sich Gewöhnung schwer illustrieren.
Ungemein aufschlussreich auch die politischen Hoffnungen, die sich an die jeweils grade einzuführende Infrastruktur knüpften. Marx und Engels fröhnten ernstlich der Auffassung, mit dem Eisenbahnnetz breche der Weltfriede aus. Tatsächlich erlaubte der zunächst dampfgetriebene Schienenverkehr Frauen erstmals alleiniges Reisen und leistete so einen nicht gering zu schätzenden Beitrag zur Emanzipation. Auch ganze Länder rückten näher zusammen und innernationale Identitäten verschoben sich, indem Bretonen etwa durch Bahnanschluss Franzosen wurden. Statt Weltfriede aber endeten diese neuen Infrastrukturen unterdessen bekanntlich in Weltkriegen. Und es erscheint auch nicht abwegig, den Gedanken der politischen Hoffnungen in die Gegenwart und deren messianische Heilserwartungen bezüglich alternativer Energien und smartem Bauen weiterzuspinnen.
Doch lernt man vieles mehr in „Alles im Fluss“, beinahe auf jeder schlecht geschriebenen Seite.
So weiß van Laak sein Material sehr wohl auch soziologisch zu deuten, indem er etwa auf kolonialgeschichtliche Zusammenhänge verweist. Die sieht er mit gutem Recht darin, dass die in sogenannten Drittweltländern von der ersten Welt eingeführten Infrastrukturen erstere nicht nur an den machtpolitischen Tropf bringen, sondern letzteren zynischerweise noch die Ideologie der postkolonialen Diskurse erlauben.
Bei all den inspirierenden und sehr wohl zum Weiterdenken verlockenden Informationen ist es bedauerlich, dass kein Lektorat dem Autor seinen letzten Satz strich, demzufolge es „spannend sein werde, zu beobachten, wie die Geschichte der Infrastrukturen weitergeht.“ Schade eigentlich.
Bedauerlicher freilich noch, dass es dem Autor auf keiner Seite beifiel, dem Wort „Infrastruktur“ und seiner Geschichte nachzugehen. Noch in Johann Christian August Heyses Allgemeinem Fremdwörterbuch von 1922 findet das Wort sich nicht, noch nicht einmal dessen Vorsilbe „infra“. Auch die 6. 1966 erschienene Auflage des klassischen deutschen Wörterbuchs von Hermann Paul kennt Wort und Vorsilbe nicht. Erst im Fremdwörter-Duden unserer Tage wird man zumindest definitorisch fündig: „Infrastruktur: „notwendiger wirtschaftlicher und organisatorischer Unterbau einer hochentwickelten Wirtschaft.“ – Auf 368 Seiten lernen wir in „Alles im Fluss“ eine Unmenge vom Überbau des Unterbaus unserer Gesellschaft. Man nehme und lese selbst.

Dirk van Laak, Alles im Fluss, Frankfurt/M. 2018, S. Fischer-Verlag, Hardcover
Preis: € (D) 26,00 | € (A) 26,80
Umfang: 368 Seiten
Format: 22,0 x 14,8 x 2,9 cm
ISBN: 978-3-10-397352-5

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Datum 19. März 2019
Autor Burkhard Talebitari
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