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Rezension, Vermischtes

Rezension: zu „Gaudí. Das vollständige Werk“ von Rainer Zerbst

Der ganze Gaudí

Cover Gaudí. Das Vollständige Werk

Als ginge das. Der ganze Antonio Gaudí i Cornet in einem Buch. Im Taschen-Verlag geht sogar die ganze Evolution des Web-Designs in einem Buch, von 1990 bis heute. Als schrie das Web-Design just nach dem Buche. Fast will es also scheinen, als feiere in diesem Verlag das Buch in Zeiten seines Niedergangs fröhliche Urständ.
Auch wenn es hier um das Werk Antonio Gaudís gehen soll, ist kurz vom Verlag zu sprechen, der mit dem Gesamtwerk dieses Architekten ein weiteres bibliophiles Wunderwerk vorlegt – ob man es nun in allen graphischen Aspekten für geschmacksecht hält oder nicht. Hierhin gehörte auch die Frage, ob der Umgang mit Gold in dem Band nicht etwas allzu opulent geriet, wo nicht gar zu zarter Ironie sich neigt, indem – besonders im fast 50seitigen, goldblättrigen Anhang – das Werk ins Ikonenhafte fast befördert. Schließlich könnte ein jeder freilich schon beim bloßen Blättern argumentieren, ohne ein gerüttelt Quäntchen Kitsch möcht’ es ja auch bei Gaudí nicht abgehen; und fast wäre man geneigt, zu schreiben, dass den Buchmachern die Gratwanderung zwischen Kitsch und Kunst ebenso perfekt gelang, wie in Gaudís Werk jene zwischen Jugendstil, Neogotik und … ja: und was?
Solch Fragen kann zum Gegenstand des Wunderdruckwerks überleiten, auch wenn nur ein Buch das Werk eines Architekten und sein Leben zum „Gegenstand“ machen kann, so als ginge das. Wie das geht, hier anzudeuten, fordert ein Wort zur Illustration des illustrativ schier umwerfenden Bandes. Über Architektur und Fotografie ist Intelligenteres geschrieben worden, als es diesen Zeilen versuchen könnten. Aber doch ist zu sagen, dass die Intensität der Fotografie, nicht zuletzt auch die makellose Druckqualität, einen mitten ins Werk des Meisters versetzt, als ginge das – um das Thema hier nochmals zu strapazieren. Wer – nur ein wahllos herausgesuchtes Beispiel zu nennen – die Doppelseite 190/191 des Bandes aufschlägt, steht mitten in der Krypta der Colonia Güell und sieht sogar noch ohne den immer plausibel informativen Bildkommentar, dass Gaudí den Altar der Krypta im Zentrum vorgesehen hatte, was die Gewölbestruktur überdeutlich verrät.
Der Leser läuft in einem solchen Band Gefahr, zum Bildbetrachter zu mutieren und schlimmer noch: es ist zu fragen, ob die visuelle Übermacht des Bandes, die das Lesen der Bilder schier nolens volens einfordert, den Band nicht gar noch lesenswerter macht. Und derlei Fragen führt zur für diese Zeilen letzten und eventuell entscheidenden Bild-Frage: Könnte ein solcher Band mit seiner atemberaubenden Prachtfotografie nicht in Zeiten des Bilderwahnwitzes, der visuellen Bildzerstörung durch Bilder-Omnipräsenz geeignet sein, die nötige – ja: Andacht beim Betrachten von Bildern einzufordern samt dem Changieren zwischen Lesen des Textes und dem der Bilder? Oder ist die Übermacht der Bilder hier doch eher erdrückend? Wer möchte das entscheiden …
Doch tritt der Text da schon ein wenig zurück, wiewohl er durchweg informativ, auch aufschlussreich, nur zuweilen in der Formulierung etwas betulich erscheint. Um zu erfahren, was die Architektur Gaudís dem sich zu seinen Schaffenszeiten breit machenden Jugendstil, auch mit William Morris und John Ruskin verbindet, mit Neogotik und Mittelalter-Nostalgie bis hin zu stark expressionistischer Beeinflussung, wie sie nicht nur die Fassade der Casa Milà als perfektem Stummfilmhintergrund verrät, all dies muss der architektonisch durchschnittlich Informierte in diesem Band nicht lesen. Auch nicht, was etwa Hundertwasser Gaudí alles verdankt. Das sind Gemeinplätze, die gleichwohl durch die atemberaubenden Fotografien transparenter, augenfälliger und einen schier anspringend werden.
Und zu den weiteren Vorzügen eines Buches über das Gesamtwerk eines Architekten wie Gaudí ist ganz gewiss zu zählen, dass er hier endlich nicht nur ewiger Schöpfer der Sagrada Familia ist, sondern in allen Facetten seines Werks bis etwa hin zum Möbeldesign, erleb- und erlesbar wird. Der Herausgeber mag deshalb den Titel des Bandes zwei Kuppeln des Palacio Güell vorbehalten und das Fantasy-Gewölbe der notorischen Kathedrale Barcelonas auf die Rückseite verbannt haben.
Zum Beschlusse dieser Hymne ein, zwei Worte nachdenklicherer Natur, die – nota bene – auch die Lektüre von Text und Bild dieses Bandes hervorrufen kann. Was wir an Funktionalismus und neuer Sachlichkeit Geschulten und vom grassierenden Rasterismus unserer Tage architekturästhetisch Malträtierten nicht erst seit Loos über jenes Ornament zu lernen gemeint haben, das einem Gaudí heilig und uns gemeinhin Verbrechen ist, wird bei Lektüre dieses Bandes seltsam relativ. Der Gedanke drängt sich auf, dass hier eine Architektur erschaffen wurde, die von der Pferdekutsche, nicht vom Auto aus – das ja im Spanischen sich noch wortgeschichtlich der Kutsche verdankt – wahrzunehmen war. Eine Architektur, die – gut gotisch – gelesen werden wollte und ob Pferdekutschentempo konnte, nur halt jenseits, nicht wie die gotische Kathedrale diesseits des gedruckten Buchstabens. Das wäre aber noch einer der geringeren Kommentare zur Aktualität von Gaudís Werk und dem hier von Taschen vorgelegten über es. Fragen wie die danach, wie Menschen in einer Welt lebten, die einzig aus Gaudís Architektur bestünde und viel mehr noch, was für Menschen wir wären, lebten wir in einer solchen ornamental verschmockten Wunderwelt, stellt der Band nicht. Schade findet das allenfalls, wer sich der Wucht der Bilder dieses Wunderbandes noch irgend den Text lesend zu entziehen vermag.

Rainer Zerbst: Gaudí. Das vollständige Werk
Hardcover, 25 x 34 cm, 368 Seiten, Taschen (Verlag)
2019, ISBN: 978-3-8365-6443-4, € 40,–

Leserkommentare

  1. Ulrich Hartmann | 17. Dezember 2019

    schon der Kommentar ist atemberaubend, wie atemlos muss erst das Buch machen…

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Datum 16. Dezember 2019
Autor b.t.
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