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Einen Besuch wert

Schaukelbrücke im Park an der Ilm in Weimar

Druckgraphik der Weimarer Schaukelbrücke um 1833

Druckgraphik der Weimarer Schaukelbrücke um 1833 (H. Steiner © Klassik Stiftung Weimar)

Im Jahre 1833 baute der großherzogliche Hofbaumeister Steiner in Weimar eine Hängebrücke mit rund 14 Metern Spannweite über die Ilm, welche landläufig „Schaukelbrücke“ genannt wird. Das Tragsystem der Hängebrücke ist wesentlich bestimmt von den geschmiedeten Stahlzugbändern aus Puddeleisen. Seitlich zur hölzernen Lauffläche sind eine obere und untere Zugbandebenen angeordnet, die auf den Pylonköpfen über gleitende Kettenglieder umgelenkt werden. Die Zugbänder verlaufen schräg nach unten hinter die Pylone und werden an Schwerlastblöcken und Kleinbohrpfählen in der Erde rückverankert. Die Zugbänder sind mit geschmiedeten Knotenpunkten über Bolzen gelenkig miteinander verbunden. An den Gelenken sind Hänger befestigt, um die hölzerne Laufebenen aufzunehmen. Die Laufebene des Überbaus ist als Trägerrost mit Bohlenbelag ausgebildet. Die Pylone und Widerlager sind auf einer gerammten Holzpfahlebene gegründet. Seit 1998 ist die Brücke Teil des UNESCO Weltkulturerbes im Ensemble „Klassisches Weimar“.

Hoch auflösende Messungen zeigten, dass sprödes Versagen der vorgeschädigten Kettenaugen nicht zu erwarten ist

Hoch auflösende Messungen zeigten, dass sprödes Versagen der vorgeschädigten Kettenaugen nicht zu erwarten ist (Alexander Burzik / MKP)

Nach Hochwasserschäden war eine Instandsetzung erforderlich. Die Standsicherheit konnte nach den gängigen Normen nicht nachgewiesen werden. Eine moderne Rekonstruktion mit Ersatz der Originalbauteile wurde diskutiert, hätte aber der denkmalpflegerischen Zielsetzung entgegengestanden. Als Lösung wurde ein experimenteller Nachweis der Tragfähigkeit konzipiert. Nach Ausbau und Reinigung der Kettenglieder wurden Risse sichtbar. Mit einem speziellen Versuchsstand und passender Messtechnik konnte zerstörungsfrei und ohne bleibende Verformungen gezeigt werden, dass die erforderlichen Kräfte durch die historischen Kettenglieder unter Einhaltung einer Grenzdehnung von 0,2 Prozent aufgenommen werden können.

Historische Kettenglieder in originaler Anordnung wieder eingebaut

Historische Kettenglieder in originaler Anordnung wieder eingebaut (Alexander Burzik / MKP)

Nach Prüfung und anschließender Konservierung nach ISO 12944-5 konnten die alten Eisenteile in originaler Anordnung wieder eingebaut werden. Oliver Hahn, für die Gesamtplanung verantwortlicher Geschäftsführer bei MKP, ist heute überzeugt: „Experimentelle Nachweismethoden bieten großes Potenzial für den Erhalt historischer Konstruktionen“. Auch das historische Geländer konnte mit einer standortspezifischen Gefährdungsbeurteilung durch zwei zusätzliche Bänder den heutigen Erfordernissen angepasst und damit erhalten werden.

 

 

Kettenglieder, Hänger und Geländer nach der Restaurierung

Kettenglieder, Hänger und Geländer nach der Restaurierung (Alexander Burzik / MKP)

Die sanierte Schaukelbrücke im Park an der Ilm in Weimar ist einen Besuch wert, weil hier mit experimentellen Nachweisen überdurchschnittlich viel Originalsubstanz erhalten und restauriert wurde und dafür 2018 erstmals ein Baudenkmal den Deutschen Brückenbaupreis gewinnen konnte. Und nebenbei: die Schaukelbrücke ist wie Goethes Gartenhaus ein Sinnbild der Weimarer Klassik im wunderbaren Park an der Ilm.

Schaukelbrücke im Park an der Ilm in Weimar
Nähe Belvederer Allee 24, 99425 Weimar
www.klassik-stiftung.de/einrichtungen/schloesser-und-gaerten/park-an-der-ilm

Die neue alte Schaukelbrücke Weimar

Die neue alte Schaukelbrücke Weimar (Alexander Burzik / MKP)

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Datum 27. März 2019
Autor Bernhard Hauke
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