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Kolumne Falk Jaeger

Schwarz und grau niemals bau‘

Schwarz ist keine Farbe. Meinte Isaac Newton, weil sie ihm bei seinen optischen Versuchen nicht untergekommen war. Weiß, so hatte er erkannt, entsteht als Summe aller Lichtfarben. Schwarz dann eben aus deren vollkommener Abwesenheit.

Prof. Dr. Falk Jaeger

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto: Geyr)

Architekten sehen das anders. Für viele von ihnen ist Schwarz die geile Farbe schlechthin. Weshalb sie, sorry für den Gemeinplatz, immer schwarze Klamotten tragen. Der Blick in den Kleiderschrank eines Architekten birgt für Normalos das Risiko von Depressionsattacken. Eine Erklärung dieser berufsspezifischen Negrophilie ist noch nicht gefunden worden. Der Schritt bis zur Nekrophilie ist nicht mehr weit – und die gilt ja als psychische Störung…

Zum Glück kommt es eher selten vor, dass Architekten diese Neigung wirklich ausleben können. Obwohl: Phaidon brachte jetzt ein Buch über 150 schwarze Häuser heraus und hat es damit sogar in SPIEGEL online geschafft (Stella Paul, Black: Architecture in Monochrome, Phaidon Verlag, 224 Seiten, 28,99 Euro). Beider Problem: unkritisch. „Schwarz ist stark, zeitlos, elegant“, schwärmt SPON, „es verleiht dem Gebäude eine fast mystische Ausstrahlung“. Die von Moorgeistern oder dem Hund von Baskerville vielleicht.

Wie man einen rabenschwarzen Containerbau für Obdachlose in Pamplona elegant finden kann, der auch noch den Bewohnern „ihre Würde“ verleihe, bleibt rätselhaft. Im Zweifel befrage man die Bewohner selbst und wird bestimmt ehrliche Meinungen zu hören bekommen. „Die schönsten Schwarzbauten“ sind eben selten schön, sondern meist deprimierend. Wer schon einmal ein Hotel von Jean Nouvel bewohnt hat, weiß, wovon ich rede. Mein Rat (es könnte ja mal eine Kontaktlinse runterfallen): Eine starke Taschenlampe mitnehmen, denn das hauseigene Licht wird vom Interieur so gnadenlos verschluckt, als seien die gefräßigen Vakuum-Sauger aus dem Film Yellow Submarine in der Nähe.

Dass man auf den Färöern im elften Jahrhundert die Häuser geteert hat, mag nachvollziehbar sein. Vielleicht auch, wenn Gert Wingårdh sein Müritzeum in Waren, ein Naturkundemuseum, mit einer Holzfassade versieht, die zum Wetterschutz außen verkohlt ist. Eine vollkommen schwarze Betonvilla wie jene in Madrid jedoch, deren Inneneinrichtung auch noch „farblich angepasst“ ist, kann man nur als Angriff auf die psychische Unversehrtheit der Bewohner verstehen. Wenn ein Halbwüchsiger plötzlich sein Zimmer schwarz duster streicht und nur noch schwarzes Zeug trägt, machen sich die Eltern ja auch Sorgen, zurecht. Vermutlich war der Architekt der Villa vom Psychiaterverband gesponsert worden. Aber vielleicht ging es bei der Publikation nicht ganz mit rechten Dingen zu, denn sooo ofenrohrschwarz kann selbst ein mit Ruß eingefärbter Beton nicht sein, bzw. nicht bleiben.

Apropos Beton. Der andere Teil der Architektenschaft liebt Sichtbeton. Auch diese sonderbare Vorliebe bleibt letztlich unerklärlich, assoziiert doch der normale Mensch Beton mit Bunker oder zumindest mit Tiefbau, Wasserbau, Kanalbau, Tunnelbau, jedenfalls nicht mit Wohnzimmer. In Freiburg steht eine in Architektenkreisen viel gepriesene Betonkirche, schroff, fleckig, schrundig, deren Anblick die Gläubigen in Scharen in die Arme der spätbarocken Gegenreformation treibt. Architekten preisen gerne die Patina, die der Beton ansetze, doch diese Patina ist wie Zwölftonmusik, die 99 von 100 Menschen in die Flucht treibt.

Es gibt Architekten, die dem Beton einfach Farbpigmente beigeben. Dyckerhoff Weiß mag ja schon eine Alternative sein, aber wenn David Chipperfield und Alexander Schwarz ihren beigen Beton anmischen, der wie Sandstein oder Travertin aussieht, haben sie schon gewonnen. Die Herzen der Besucher, Bewohner, Nutzer, Passanten nämlich, für die Betongrau (nach Schwarz) die zweithässlichste Farbe für Häuser ist.

Was, außer dem etwas höheren Preis, hindert Bauherren und Architekten eigentlich daran, auf farbigen Beton zu setzen? Wäre die Akzeptanz der Bevölkerung nicht ein den Mehraufwand lohnendes Ziel?

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Datum 6. November 2017
Autor Falk Jaeger
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