momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Kolumne Falk Jaeger

Sensationelle Entdeckung: Supermärkte und Parkplätze!

Baustelle für den Wohnungsbau auf dem Gelände vom ehemaligen RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) in Potsdam

Baustelle für den Wohnungsbau auf dem Gelände vom ehemaligen RAW (Reichsbahnausbesserungswerk) in Potsdam (Foto: B. W. Schneider)

„Studie sieht großes Potential für Wohnungsbau auf Dächern – 2,3 bis 2,7 Millionen Wohnungen könnten laut einer Studie der Technischen Universität Darmstadt durch Verdichtung der Städte entstehen,“ titelte die Badische Zeitung am 27. Januar 2019 anlässlich der Vorstellung einer Untersuchung der TU Darmstadt im Auftrag eines Bündnisses von Wohnungs- und Bauverbänden. Alle Medien berichteten aufgeregt über die grundstürzenden Erkenntnisse des umtriebigen Professors Dr. Karsten Tichelmann und seines Teams. Die Fernsehsender fanden das Thema sexy, die ZEIT, auch der Stern blickte den Wissenschaftler über die Schulter, denn die „haben sich Luftbilder der Metropolen angeschaut und nach Platz für Wohnungen gesucht“. Donnerwetter! Google Earth, darauf muss man erstmal kommen! Sie haben Supermärkte und Parkplätze „entdeckt“, Fabrikhallendächer und Parkhäuser. Und jede Menge Wohnungsbauten der 1950er- und 60er-Jahre, die man allesamt aufstocken könnte.
Doch merkwürdig: Schon vor zwei Jahren hatten das Pestel-Institut Hannover und das Darmstädter TU-Fachgebiet Tragwerksentwicklung ebenjenes Prof. Tichelmann eine „Deutschland-Studie 2015“ veröffentlicht mit dem Fazit: „1,5 Mio neue Wohnungen durch Dachaufstockungen möglich“.

Hat man das damals übersehen?
Mitnichten. Nachverdichtung war schon zuvor in aller Fachleute Munde gewesen, weil es ja angesichts des Wohnraummangels und gleichzeitig der rasanten Verstädterung auf der Hand liegt und Gebot der Stunde ist.

Die Darmstädter haben nochmals alle Vorteile aufgelistet: kein zusätzliches Bauland, keine weitere Bodenversiegelung, Nutzung vorhandener Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur und somit Minimierung der Grundstücks- und Erschließungskosten. Und, wie wunderbar: „Bei einer Aufstockung lässt sich im darunter liegenden Geschoss der Energiebedarf bis zur Hälfte reduzieren.“ (Kein redliches Argument, denn man kann auch das Dach dämmen, und das nach oben gewanderte neue Dach hat schließlich auch Energiebedarf).
Das Wohnbaupotenzial durch Aufstockung und Dachgeschossausbau ist jedenfalls seit Jahren virulent und ist zum Beispiel durch den Berliner Senat quantifiziert worden. Und was die Supermärkte betrifft, hat Aldi im vergangenen Jahr bereits die Absicht bekundet, auf zahlreichen eingeschossigen Filialen Wohnhäuser zu bauen. Aufstockung war und ist Thema vieler Seminare und Uni-Entwürfe. Bürohausum- und aufbauten, „Dörfchen“ auf Parkhausdächern, Baulückenschließungen und Plattenbauaufstockungen sind ausgiebig publiziert worden.
Inzwischen brennt das Thema Wohnraumknappheit, und Tichelmanns Studie mit den eindrucksvollen Zahlen findet den Weg in die Publikumsmedien, das ist verständlich. Und hat sein Gutes, denn mit dem Hype gewinnt das Thema an politischem Gewicht und an Dringlichkeit. Die Politik ist gefragt, auf Landesebene wegen der Baugesetzgebung wie auf kommunaler Ebene wegen der Baugenehmigungspraxis. Aufstockung und Nachverdichtung ist nämlich kein Selbstläufer wie das Bauen auf der grünen Wiese, sondern ein mühevolles Geschäft, und zwar in jedem Einzelfall.

Schrägaufzug an Wohnungsneubau

Schrägaufzug an Wohnungsneubau (Foto: Stefan Merkle)

Deshalb gießt auch die Bundesarchitektenkammer Wasser in den Wein. Einfach Stockwerke auf alte Flachbauten packen gehe in der Regel nicht. Flache Supermärkte müsse man abreißen und an ihrer und der großen Parkplätze Stelle gänzlich neu bauen. Bei anderen Gebäuden müssen Statik, Brandschutz und Fluchtwege individuell entwickelt werden. Manches Aufstockungsprojekt auf Gewerbebauten kommt durch das das Erschließungsproblem Treppe und separater Aufzug zu Fall, denn man kann die Dachwohnungen nicht über ein Bürotreppenhaus zugänglich machen.

Wer Tichelmanns Visionen attraktiv findet und in großem Stil angehen will, muss also Basisarbeit leisten. Diverse Bauvorschriften müssen gelockert werden. Technische Lösungen müssen gesucht werden. Und nicht zum Schluss gilt es auf politischer Ebene, in der Wohnbevölkerung ein positives Bewusstsein zu entwickeln. Denn fast jedes einzelne dieser Projekte muss mühsam und zeitraubend, teils gerichtlich gegen Anwohnerwiderstand und Besitzstandswahrermentalität durchgesetzt werden. Für Nachverdichtung ist jeder, nur nicht vor und über seiner Wohnungstür.

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 5. März 2019
Autor es
Schlagwörter , ,
Teilen facebook | twitter | Google+

...