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Kolumne Falk Jaeger

Sobek Rufer in der Wüste

NEST, Stuttgart, Architekten: Werner Sobek Group GmbH

NEST, Stuttgart, Architekten: Werner Sobek Group GmbH (© Zooey Braun, Stuttgart)

Wo die Defizite liegen, woran unsere Umwelt krankt, was zu tun wäre, welcher einigermaßen aufgeweckte Zeitgenosse könnte sich nicht darüber umfänglich auslassen. Aber warum gelingt es nicht, das Ruder entscheidend herumzureißen? Wahrscheinlich könnte man für zehn Prozent der globalen Rüstungsausgaben mit Wiederaufforstungsprorammen das Weltklima retten.
Beim Atomausstieg ist die Wende in Deutschland gelungen, wenn auch spät; mit den Hinterlassenschaften werden wir noch viel Freude haben. Aber es gibt Exportchancen. Waren wir früher Weltmarktführer bei Kohle-Transportbändern, so haben wir entscheidenden Vorsprung im Know-How des Abbaus stillgelegter Kernkraftwerke. Die Energiewende ist auch in die Gänge gekommen, wenn auch zu zögerlich. Dabei weiß jeder, dass grüne Energietechnik der Exportschlager der Zukunft sein wird.
Am zähesten verläuft die Entwicklung freilich beim Bauen. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass die Bauindustrie 35 Prozent der CO2-Emissionen und 50 Prozent des Mülls erzeugt, sowie 60 Prozent der Ressourcen verbraucht. Sogar der Sand fürs Betonieren wird knapp. Wir können nicht mehr so besinnungslos weiterbauen.

Wohnhaus R128, Stuttgart, Werner Sobek Design

Wohnhaus R128, Stuttgart, Werner Sobek Design (© Zooey Braun, Stuttgart)

Rufer in der Umweltwüste gibt es genug. Der Ingenieur Werner Sobek zieht mit seinen Vorträgen von einem Kongress zum nächsten und wird nicht müde, diese Zusammenhänge schonungslos offenzulegen. Schon vor 20 Jahren hat er mit seinem Haus R 128 den Weg vorgezeichnet, wie die Architektur der Zukunft sein sollte bzw. muss: Nullenergiebilanz, ressourcensparend, leicht, rasch montierbar, komplett demontierbar und vollständig sortenrein recycelbar. Weitere Experimentalbauten folgten mit der Tendenz, die umweltschonenden Materialien und Techniken serientauglich zu machen, zum Beispiel das „aktivhaus“-Programm, ein System seriellen, modularen Wohnungsbaus. Sobek propagiert die „Vision Triple Zero“, d.h., null Primärenergieverbrauch, null CO2-Emmissionen, null Baustoffmüll nach Abriss durch vollständige Rückführung in die Materialkreisläufe.

Building d(emountable), Bürogebäude von cepezed Architekten Delft. Südansicht und Erdgeschoss

Building d(emountable), Bürogebäude von cepezed Architekten Delft. Südansicht und Erdgeschoss (Foto: Lucas van der Wee, cepezed)

Der Gesetzgeber hat sich des Problems bei der Automobilproduktion angenommen und schreibt inzwischen vor, wie Autos zu konstruieren sind, damit sie beim Abwracken sortenrein recycelt werden können. Warum hat er nicht schon längst ein Auge auf das Bauen?
Was normal sein sollte, wird in der Fachpresse als Errungenschaft gefeiert: Die niederländischen Architekten cepezed, schon länger in dieser Mission unterwegs, haben in Delft ein schickes, gläsernes Bürogebäude gebaut, das als volldemontierbar bezeichnet wird und entweder restmüllfrei verwertet oder sogar an anderer Stelle wiederaufgebaut werden kann. Für sich selbst natürlich, denn Bauherren sind für ein solches, sicher etwas teureres Gebäude schwer zu kriegen. Das Cradle to cradle-Prinzip mag gesellschaftlich hochinteressant sein, den Bauherrn interessiert das Nachleben nicht und auf den Müll Karren ist allemal billiger als sich um die Second hand-Verwertung zu kümmern.

Werner Sobek

Werner Sobek (© A.T.Schaefer, Stuttgart)

Niemanden wird überraschen, dass umweltgerechtes Verhalten auch in diesem Fall nur über den Geldbeutel der Akteure erreicht werden kann. So ist also wieder einmal das Gemeinwesen, sprich der Staat gefordert, der zielführende Verordnungen erlassen muss, der Zementproduktion verteuern und Holzverwendung begünstigen muss. Der einschlägige Forschungen und Entwicklungen fördern muss, der letztlich dafür sorgen muss, dass gesellschaftlich vernünftiges Handeln auch wirtschaftlich vernünftig wird. Werner Sobek geht schon ganz gebeugt, so oft und heftig wird ihm auf die Schultern geklopft, seine Preis- und Urkundensammlung kann es mit mittleren Fußballclubs aufnehmen. Aber man sollt ihn einfach mal zum Bau- und Umweltminister machen, vielleicht würde sich dann etwas tun.

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Datum 1. Mai 2020
Autor Falk Jaeger
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