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Sprache in der Ingenieurwissenschaft – wenn laxer Gebrauch zu Unverständnis führt

Vorlesung

Studenten in einer Vorlesung. (Foto: kasto/fotolia)

„Jeder sprachliche Ausdruck, den wir bilden, jeder Satz, den wir sagen, ist nur als Ausdruck, als Satz einer bestimmten Sprache verständlich“, schreibt Oswald Schwemmer in Kulturphilosophie: eine medientheoretische Grundlegung. Wie andere wissenschaftliche Bereiche, so hat auch das Bauingenieurwesen hat eine eigene Sprache, die im Detail nur dem Fachmenschen vertraut ist – oder vertraut sein sollte. Laut Professor Norbert Gebbeken und Dr. Markus Wetzel bedarf es eines neuen Bewusstseins darüber, wie wichtig eine präzise Sprache für das Verständnis von Fachaufsätzen, Normen und Gutachten ist. Die beiden Autoren haben alltägliche Beispiele für fachdidaktische Verwirrungen gesammelt.

Die Ingenieurwissenschaften werden zu den exakten Wissenschaften gezählt. Damit verbunden ist die Notwendigkeit der Verwendung einer präzisen Sprache und einer präzisen Fachdidaktik. Schaut man in Fachaufsätze, Lehrbücher, Normen oder Gutachten, bekommt man manchmal das Gefühl, dass es sich bei der (technischen) Sprache eher um eine babylonische Sprachenverwirrung handelt. Der folgende Bericht möchte anhand von Beispielen zeigen, dass eine einheitliche und präzise Fachdidaktik das Verstehen, das Verständnis, das Lernen und die unmissverständliche Kommunikation fördert.

Zum Beispiel:

Kriechen und Schwinden
In der DIN EN 1992-1-1:2011-01 (EC2) steht (Zitat):
3.1.4 Kriechen und Schwinden (1)P Kriechen und Schwinden des Betons hängen hauptsächlich von der Umgebungsfeuchte, den Bauteilabmessungen und der Betonzusammensetzung ab. Das Kriechen wird auch vom Grad der Erhärtung des Betons beim erstmaligen Aufbringen der Last sowie von der Dauer und der Größe der Beanspruchung beeinflusst. (Zitat Ende)

Diese Darstellung ist zunächst einmal verwirrend und mechanisch nicht korrekt. Kriechen und Schwinden sind mechanisch zwei völlig unterschiedliche Phänomene. So haben wir es im zweiten Semester in der Baumechanik gelernt. Kriechen ist die zeitabhängige Verformung unter konstanter Last. Schwinden ist die zeitabhängige Verkürzung bzw. Volumenverkleinerung des Betons (gilt natürlich auch für Holz), bedingt durch die Feuchtigkeitsabgabe und durch chemische Reaktionen während des Aushärtens. So wird es in der Mechanik gelehrt und so sollte es im Sinne einer präzisen Fachdidaktik auch im Massivbau dargestellt werden. Erst dann kann werkstoffspezifisch auf Besonderheiten eingegangen werden. Gemäß der Festigkeitslehre ist zu unterscheiden in „Kriechen und Relaxation“ einerseits sowie in „Schwinden und Quellen“ andererseits.

Weiter im Text des EC2 steht: (6) Die Gesamtschwinddehnung setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: der Trocknungsschwinddehnung und der autogenen Schwinddehnung.

Hier wird im Zusammenhang mit Schwinden von Dehnung geschrieben. Schwinden führt aber zu einer Verkürzung, also zu einer Stauchung, um in der Terminologie Dehnung und Stauchung zu bleiben. Quellen (Feuchtigkeitsaufnahme) führt zu einer „Dehnung“. Ergebnis: Die fachdidaktische Zusammenführung von Materialwissenschaft, Mechanik und Massivbau und die richtige Verwendung von Begrifflichkeiten, die zu richtigen gedanklichen Bildern führen, wäre äußerst wünschenswert, ja mehr noch, sie ist dringend erforderlich.

 

Den gesamten Beitrag mit weiteren Bespielen können Sie hier kostenfrei lesen.

 

 

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Datum 15. Dezember 2015
Autor Gebbeken, Norbert; Wetzel, Markus
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