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Kolumne Falk Jaeger

St. Petersburg oder Kampala

Falk Jaeger kann mit Städterankings nicht viel anfangen

Wiener Ringstraße: Opernring bei der Staatsoper Richtung Westen

Wiener Ringstraße: Opernring bei der Staatsoper Richtung Westen (Foto: Gugerell (CC-Zero))

Wien, habe ich jetzt in einem Ranking gelernt, ist die Stadt mit der weltweit besten Lebensqualität. Was für ein Quatsch. Ich lebe in Berlin (Platz 13) und möchte hier nicht weg, jedenfalls nicht nach Wien (zu viele Wiener), oder ins zweitplatzierte Zürich (zu teuer, zu engstirnig) oder ins drittplatzierte(!) Auckland (zu weit ab vom Schuss). Zugegeben, ich war noch nie in Auckland, auch nicht in Vancouver (Platz 5) oder Sydney (Platz 10).
Urheber der Studie ist die Frankfurter Beraterfirma Mercer, die sich wahrlich hohe Ziele setzt und der es an Selbstbewusstsein nicht zu mangeln scheint: „Wir von Mercer helfen dabei, die Gesundheit, den Wohlstand und die Leistungsfähigkeit von mehr als 110 Millionen Menschen auf der ganzen Welt zu steigern.“ Respekt! Die Chefs tragen Titel wie „People Officer“ und „President, Wealth“. Letztlich gehören sie zu Marsh & Mclennan, New York, eine Firma übrigens, die durch 9/11 300 Mitarbeiter verloren hat.
Warum erstellen die so ein aufwändiges Ranking? „Die Daten sollen Regierungen und internationalen Unternehmen bei der Entsendung von Mitarbeitern ins Ausland dienen“, heißt es. Deshalb untersucht und bewertet die Berateragentur die Lebensqualität von Expatriates in 231 Großstädten. Fragt man Mercer nach den Kriterien, so bekommt man erschöpfend Auskunft. 39 Kriterien habe man analysiert, unter anderem politische, soziale, wirtschaftliche und umweltorientierte Aspekte. Hinzu kommen Faktoren wie Gesundheit und Bildungsangebote. Wie die Luft ist, wie die Müllentsorgung funktioniert und wie stabil die politische Lage zu sehen ist.
Was dabei herauskommt, mag von statistischem Interesse sein, ist aber, davon bin ich überzeugt, in nahezu jedem Einzelfall nicht relevant.
Der eine liebt die russische Seele und findet sich in Moskau mit Rang 167 wieder. Der andere mag asiatisches Getriebe und fühlt sich trotz Rang 132 in Bangkok wohl. Paris, Barcelona, Madrid und Rom zählen zu den beliebtesten Reisezielen und sind (vielleicht gerade deshalb?) nur auf Rang 39, 43, 49 und 57 gelandet. Aber man erkundige sich mal unter Journalisten nach den begehrtesten Auslandskorrespondentenplätzen!

Eine Stadt

Eine Stadt (lorempixel.com)

Sehnsuchtsorte wie Miami (64) oder Nassau auf den Bahamas (111) rangieren auf hinteren Plätzen. Aber auch Städte mit bekannt hohem Lebensstandard wie Luxembourg (18), Hamburg (19), Helsinki (32) oder Mailand (42) gehören nicht zu den Spitzenreitern. Kairo (178) vor Beirut (181) findet man ebenso überraschend wie St. Petersburg auf Platz 173, weit abgeschlagen hinter Skopje, Dakar oder Kampala!
Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand lieber nach Uganda als nach St. Petersburg ziehen würde. Als Architekturfan würde ich ganz Afrika ohnehin aus dem Gesichtsfeld streichen, aber auch Ozeanien wäre diesbezüglich rasch abgehakt.
Auch innerhalb der Städte gibt es enorme Unterschiede. Während man sich in Kopenhagen im gesamten Stadtgebiet wohlfühlen kann, kann man das für Slummetropolen wie Mumbai oder Lagos nun wirklich nicht behaupten, aber selbst dort gibt es Stadtviertel, in denen es sich für einen mitteleuropäischen Expert angenehm leben und arbeiten lässt.

Städteranking ist so fragwürdig wie Universitätsranking – an jeder einzelnen Uni gibt es tolle Professoren und Nieten, anregende Lehrstühle und Routinebetriebe und eine super Philosophie nützt mir nichts, wenn ich Bauingenieurwesen studiere.
Offenbar ist die Gewichtung der einzelnen Kriterien des Städterankings nicht so ganz nachvollziehbar. Andererseits würde eine Korrektur auch nicht viel bringen, angesichts der individuellen Vorlieben jeder einzelnen Zielperson der Untersuchung.
Als Lösung böte sich ein interaktives Ranking an, bei dem jeder Interessent die 39 Kriterien nach eigenem Gutdünken gewichten kann. So ergäbe sich für kulturell und architektonisch interessierte Nutzer eine völlig andere Rangfolge als für spaß- und freizeitorientierte Freaks, für Familien mit Sicherheits- und Schulbildungsbedürfnissen eine andere als für Alleinlebende und Abenteuerlustige, für Natur- und Treckingfreunde eine andere als für Sonnenanbeter, die gerne am Strand braten. Und vielleicht auch für Ingenieure eine andere als für Architekten…

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Datum 6. April 2018
Autor Falk Jaeger
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