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Kolumne Falk Jaeger

Typisch deutsch – typisch türkisch?

Kürzlich besichtigte ich in Begleitung des Projektleiters einen Neubau im Endstadium. Als geübtem Baustellengänger war ich mir keiner Gefahr bewusst, schließlich bin ich schon über so viele unterschiedliche Baustellen in verschiedensten Bauphasen geklettert wie kaum ein praktizierender Architekt. Ich hatte mich mit einem Helm ausgerüstet und ich wusste wo man hintreten darf und wo nicht (Stichwort Maurerfalle). Der Bürobau war fast fertig, der Innenausbau war im Gange.

Arbeitsschutz

Arbeitsschutz (Grafik: wolkdirekt.com)

Warum ich keine Arbeitsschutzschuhe trage, wurde ich plötzlich von einem – sichtlich vorbildlich und amtlich ausgerüsteten Herrn gefragt und, unter diesen Umständen verhältnismäßig freundlich, hinauskomplimentiert. Auch die eher kleinlaute Intervention des Projektleiters konnte den Arbeitsschutzbeauftragten nicht erweichen.

Meine spontane Reaktion würde ich im Nachhinein beschönigend mit „unwirsch“ charakterisieren. Worte wie „typisch deutsch“, „Paragrafenreiterei“ u. Ä. kamen mir noch leise grummelnd über die Lippen, bevor ich mich trollte.

Eine andere Geschichte: Am Flughafen Berlin Brandenburg BER wird seit zehn Jahren gebaut. 2011 sollte er erstmals fertig sein, dann war die Kanzlerin für Mai 2012 zur Eröffnung ein- und wieder ausgeladen. Seitdem wird er „immer fertiger“ (Hartmut Mehdorn). Und seitdem fliegen dort nur die Geschäftsführer, Mehdorn war einer von ihnen. Inzwischen sind mehrere angekündigte Eröffnungstermine verstrichen und die Verantwortlichen (aber nur die) rechnen mit August 2020. Von der Miesere war an dieser Stelle schon mehrmals die Rede.

BaustIstanbuls neues Flughafenterminal, Zustand Dezember 2017. Zehn Monate später ist Eröffnung.

Istanbuls neues Flughafenterminal, Zustand Dezember 2017. Zehn Monate später ist Eröffnung. (Google Earth)

Blick nach Istanbul (siehe auch “Deutsche Ingenieure sind die Besten“): Im Norden der Stadt wird seit drei Jahren am Airport gebaut. Am 26. Februar diesen Jahres, wie es der Zufall will der 64. Geburtstag eines gewissen Recep Tayyip Erdoğan, startete der erste Testflug – mit dem Jubilar an Bord. Am 29. Oktober, dem Nationalfeiertag, soll der Airport eröffnet werden. Wird eröffnet werden, muss es heißen, denn daran kann kein Zweifel bestehen.

Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Nun, den Arbeitsschutzbeauftragten gibt es dort nicht. Jedenfalls hat man den Eindruck. Nicht weniger als 31.000 Arbeiter sind auf der größten Baustelle Europas des künftig größten Flughafens der Welt beschäftigt. 27 Arbeiter sind dort schon zu Tode gekommen. Räumt das Arbeitsministerium ein. Gewerkschafter sprechen von drei bis vier Todesfällen – pro Woche, jedenfalls von Hunderten von Toten insgesamt. Angehörige, berichtet selbst die noch zugelassene Tageszeitung „Cumhuryet“, werden mit 90.000 Euro zum Schweigen verpflichtet.

Von verheerenden Zuständen wird berichtet. Manche Arbeiter aus Anatolien würden wie Sklaven gehalten. Die Fahrer von 1.500 oft verkehrsunsicheren Lastwagen sind zwölf Stunden täglich auf Achse, weil sie pro Zusatztour zwei Euro extra bekommen. Die Arbeitsbedingungen jedenfalls seien katastrophal und lebensgefährlich.

Da kommt einem der Gedanke: Könnte man nicht ein paar von unseren übereifrigen Arbeitsschutzbeauftragten an die Türken ausleihen?

Obwohl, auch am BER hat es vier Tote gegeben, abgestürzt, überrollt oder von der Baggerschaufel getroffen. Es heißt, sie haben gegen Sicherheitsvorschriften verstoßen. Lassen wir´s lieber beim Alten. Sonst bekommen wir türkische Verhältnisse und unsere geliebte Flughafendauerbaustelle wird bis zum Nationalfeiertag unversehens fertig. Doch holterdipolder Bauen, das weiß man, geht zulasten der Qualität. Und auf deutsche Wertarbeit verzichten, das geht ja garnicht!

Leserkommentare

  1. Kevin Tremmer | 27. März 2018

    Toller Artikel! Können Sie mir bzgl. der sog. Maurerfalle auf die Sprünge helfen?

  2. Falk Jaeger | 6. April 2018

    “Maurerfalle” nennt man ein überstehendes (Gerüst-)Brett. Wenn man drauftritt, fällt man in die Tiefe.

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Datum 28. Februar 2018
Autor Falk Jaeger
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