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Rezension

Um einen Posener für den Ingenieurbau bittend

Katrin Voermanek, Typisch Posener, Jovis Verlag GmbH, Berlin 2019, Broschur 14 x 23 cm, 152 Seiten, 16 einfarb. Abb. ISBN 978-3-86859-593-2, 18,- €

Katrin Voermanek, Typisch Posener, Jovis Verlag GmbH, Berlin 2019, Broschur 14 x 23 cm, 152 Seiten, 16 einfarb. Abb. ISBN 978-3-86859-593-2, 18,- € (Jovis Verlag GmbH)

Keiner hat so erfolgreich nicht gebaut wie er. Diese Rezension von Katrin Voermaneks „Typisch Posener!“ beginnt mit dem letzten Satz des Buches. Der Satz ist kein Bonmot. Er stammt von dem Posener-Studenten und späteren Architekturtheorie-Professor der TU Berlin Fritz Neumeyer. Und er markiert die Überlegung, von der dieser Text ausgeht. Ob es eventuell heutigem Bauen, insonderheit heutigem Ingenieurbau, helfen könnte, einen zu haben, der so erfolgreich nicht baute und so innig wie liebevoll das Bauen kritisierte, wie Julius Posener das bis 1996 tat. Denn an Kritik – wie allenthalben – fehlt es auch in Ingenieurbau und Architektur; und fehlte es doch nicht an ihr, dann allemal an solcher wie der Poseners, das zeigt Voermaneks mit Posener-Zitaten gespicktes Buch überdeutlich.

Misserfolg ist zuweilen größerer Erfolg. Ob das für den Menschen Posener zutrifft, wäre anmaßendes Entscheiden. Für die Kritik am bundesrepublikanischen Bauen zwischen 1961 und 1996 stimmt es allemal. Am Tag des Mauerbaus kehrte der aus bürgerlich-jüdischem Hause in Groß-Lichterfelde stammende Julius Posener aus dem Exil – das ihn zunächst in Paris, sodann in Palästina und nach dem Zweiten Weltkrieg in London und Kuala Lumpur sah – nach Berlin zurück, wo er Professor für Baugeschichte an der heutigen UdK wurde. Posener hatte Architektur bei Hans Poelzig an der TH Berlin-Charlottenburg (der heutigen TU) studiert und zeitweise im Büro Erich Mendelsohns gearbeitet. Aber das einzige nach seinem Entwurf realisierte Haus, entrang Erich Mendelsohn den Seufzer „Mein armer Junge.“ Das mag der Seufzer gewesen sein, der Poseners eigenen Zweifeln an seiner Qualifikation zum Architekten den Weg in die Architekturkritik wies. Und dabei bediente er sich sogleich gewisser Kategeorien, die, darauf weist Voermanek zutreffend hin, heutigen ästhetischen Betrachtungen – besonders auch des Ingenieurbaus – nur zu guttäten. Einem von Heinrich Tessenow 1930 in der Sophie-Charlotte-Straße erbauten Haus attestiert Posener etwa „große Richtigkeit“, die uns Heutigen, wenn überhaupt noch Kategorie, dann allenfalls maximal relative sein kann.

Man sagt Posener nach, und Voermanek tut das auch, er sei mit seiner Vorliebe für die Landhausarchitektur seiner großbürgerlich vorstädtischen Kindheit nie ganz entronnen. Seine frühe Vorliebe für die Wohnhäuser von Hermann Muthesius mag davon künden, sein späterer Einsatz für das Kino Babylon oder gegen das ICC und das Berliner Stadtschloss ganz gewiss nicht.

 

Erhalt wider Ostmoderne mit Goldrand

Posener wendet sich am 3.11.1983 in einem Schreiben an den damaligen Landeskonservator Berlins mit dem Anliegen, doch vom Einsatz der niedersächsischen Dachpfannen für eine neue Dacheindeckung von Muthesius’ Haus Mohrbutter abzusehen. Seien die Dachpfannen doch graubraun im Ton und in der Form von den ursprünglich grauen Dachpfannen stark unterschieden.

Unabhängig davon, dass Posener schlussendlich den Dachpfannenstreit via Denkmalschutz für das Haus Mohrbutter gewann, zeigt sich hier schon das Spannungsfeld der Kritik Poseners zwischen eventuell leicht fragwürdig restaurativen Tendenzen wie hier und ganz sicher engagiert substanzerhaltenden Tendenzen wie im Falle des fast verlorenen Kampfes um den Erhalt des Babylon-Kinos etwa, bei dem es mit Voermaneks Worten zu „vorne Poelzig, hinten Ostmoderne mit Goldrand“ kam, einer Erhaltungslösung, die Posener garantiert nicht gefallen hätte, wie Voermanek mit gutem Recht schließt.

Über Poseners Engagement für die Dachpfannen des Hauses Mohrbutter lässt sich ein plausibles Wort des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy setzen, demzufolge das Identische in seiner eigenen Rückkehr von vornherein seine Identität verliere. Die Dachpfannenproblematik führt uns in nuce den tagesaktuellen Bereich des „Fake“ vor Augen, dem sich Architektur maximal spektakulär in den 1980er-Jahren beim „Wiederaufbau“ der Frankfurter Ostzeile verschrieb und der sein einstweiliges Ende in der viel absurder „Wiederaufbau“ genannten Errichtung des Berliner Stadtschlosses noch nicht erreicht haben dürfte.

En passant zeigt sich in diesem Spannungsfeld aber auch Voermaneks kluge Auswahl der neun Häusergeschichten. Sie strukturiert nicht nur das Buch, sondern vermag das Spektrum von Poseners Arbeit widerzuspiegeln. Es reicht von Muthesisus’ Haus Cramer als Vorort-Villa in Berlin Dahlem bis zum ICC.

 

Richtigkeit und gelassen-epische Beziehung

Ersteres stellt so etwas wie die Initiation für Poseners kritische Arbeit dar. Die Treppe im Haus Cramer lässt ihn etwa erkennen, dass, „was Architekten wie Muthesius für reiche Leute gebaut haben, bereits Verwirklichung einer Bewegung war, die zwischen dem Menschen und seiner Umwelt eine gelassen-epische Beziehung herstellen wollte.“ Darum, so Posener, sei es ihm wichtiger, solche Häuser denn barocke Schlösser zu erhalten.

„Richtigkeit“ und „gelassen-epische Beziehung“ sind der Duft aus alter Märchenzeit, greift Posener in seine Schreibmaschinentasten für eine ICC-Kritik. Zu diesem fallen ihm bewundernswerte Invektiven ein, wie die vom Staubsauger, „den wir bislang nicht für Architektur gehalten“ hätten. Doch geht sein kritischer Impetus weit darüber hinaus, wenn er konstatiert, das ICC sage konstruktiv nichts mehr aus und es demgegenüber mit modernen Konstruktionen von Kenzo Tange, Frei Otto, ja selbst Mies noch vergleicht. So gerinnt ihm das ICC als „Fortsetzung des Wilhelminismus mit baulichen Mitteln“ zum „monströsen Zeichen eines Wirtschaftswachstums ohne Inhalt, Ziel, Sinn“.

 

Gesinnung des Profitdenkens

Mit derlei monströsen Zeichen, so geht der Verdacht des Autors dieser Zeilen, haben wir unsere Städte vollgebaut. Hieß es in Mitscherlichs „Thesen zur Stadt der Zukunft“ noch, die „Bautradition, die Hegemanns ‘Steinernes Berlin’ hervorbrachte, oder die beliebigen scheußlichen Straßen für die ‘kleinen Leute’, wie sie von 1880 bis 1914 entstanden, ist ungebrochen. Technischer Fortschritt“ schreibt Mitscherlich 1966, „hat vieles handlicher gemacht. Die Gesinnung des Profitdenkens ist kaum gewichen.“ Mitscherlichs „kaum gewichen“ mutet heute zum Wenigsten drollig an, wenn wir in unseren Innenstädten vor durchgängig gerasterter Investmentarchitektur mit der bangen Frage stehen, was daran noch gebauter Lebensraum sein möchte.

Und die „gelassen-epische Beziehung“, wenn sie denn noch Gelassenes, geschweige denn Episches hat, erzählt allenfalls noch vom Primat des Funktionalen im Zeitalter digitalisierten Bauens, vom technischen Fortschritt, in dem das Funktionieren eines Bauprojektes, seine effiziente Abwicklung, gebaute Lebenswelt zu funktionaler Umwelt kondensiert – mit allen von Alexander Mitscherlich schon vor 60 Jahren minutiös beschriebenen, psychosozialen Implikationen als Folge daraus. Und wenn nicht hier, wo dann zeigte sich die Relevanz eines Poseners für den Ingenieurbau?

 

Das ICC ein Repräsentant seiner Zeit

„Gelassen-epische“ Beziehung? Posener war nicht nur der Landhaus-Freund, für den ihn viele hielten. Jene Beziehung ist für ihn ganz und gar kein Gegensatz zu moderner Architektur. Von der Berliner Staatsbibliothek heißt es bei ihm, sobald man das Gebäude betrete, fühle man sich entspannt, entlastet, man atme ruhiger, man gehe langsamer. Er schrieb das 1964. Von seinem eher restaurativen Kampf um die Dachpfannen an Muthesisus’ Haus Mohrbutter hielt ihn das noch 1983 nicht ab. Wäre nicht seine Bewunderung für Scharouns Bauen, seine wohlwollend kritische Haltung zu Mies’ Nationalgalerie oder Mendelsohns Schaubühne (als auch ein fast verlorener Erhaltungskampf), könnte man seine Sorge um die Landhausarchitektur für Eskapismus vor allem modernen Bauen halten und als Ausdruck einer Bestätigung des Versagens aller modernen Architektur. Das freilich haben die Frankfurter Ostzeile wie das Berliner „Stadtschloss“ schon besser übernommen. Und Posener müsste, da ist Katrin Voermanek zuzustimmen, sich heute wohl auch für den Erhalt des ICCs einsetzen, insofern es längst Repräsentant seiner Zeit sei und nicht einfach aus dem Stadtbild verschwinden dürfe. Sein diesbezügliches Credo hat Posener, der alle medialen Kanäle seiner Zeit architekturkritisch bespielte, 1976 in der FAZ formuliert: „Erhalten ist umwidmen, erhalten ist verändern.“

 

Abgesang

In einem 1993 bei Ernst & Sohn erschienenen, vom Förderverein Berliner Stadtschloss herausgegebenen Katalog „Das Schloss, eine Ausstellung über die Mitte Berlins“ formuliert Posener unter der Überschrift „Das Schloss wieder aufbauen“ das, was er „schwere Zweifel“ nennt. Dass man das Schloss anno ’50 gesprengt habe, sei eine Barbarei und bleibe eine solche. „Man hat es aber gesprengt“, so Posener, „und unsere Frage ist, ob man das ungeschehen machen kann.“ – Das Schloss, oder was man dafür hält, steht heute in Berlins Mitte, bildet „wieder“ den seit 1918 toten Abschluss der Linden, den es, wenn überhaupt je, mit Posener als „städtebaulicher Zufall“ gebildet hatte. Posener rät also in einer Publikation des Fördervereins Berliner Schlossbau von einem Wiederaufbau ab. Und sein Rat ist so wohlfeil wie weise: „Man lasse sich Zeit.“ Er denkt an etwas „Lebendigeres als das alte verlassene Kaiserschloss.“ Wir wüssten nur noch nicht recht, was das sein solle. „lassen wir uns Zeit. Und verbauen wir unsere Chancen nicht mit einer Wiederholung des alten Erinnerungsbaus, der schon 1918 nichts anderes mehr gewesen war als eine Erinnerungsbau. Würde man ihn wiederaufbauen, würde man der künftigen Geschichte der Stadt Berlin keinen guten Dienst leisten.“

Man hat den „Erinnerungsbau“ aber nicht wiederaufgebaut. Man hat noch nicht einmal die von vornherein verlorene Identität des Rückgekehrten gebaut, aber ein pseudohistorisches Unikum, das der in dieser Hinsicht lange Jahre führenden Frankfurter Ostzeile den Rang abläuft. – Im selben Katalog beschäftigt sich Wolfgang Pehnt in dem Aufsatz „Dagegen, aus Respekt“ mit den allermeisten Argumenten der Wiederaufbau-Freunde und -Gegner. Sie zeugen ihm von „irritierender Gleichgültigkeit gegenüber dem unumkehrbaren, in jedem seiner einzelnen Momente einmaligen Ablauf von Handlungen, Konstellationen und Konflikten, der da Geschichte heißt.“ Geschichte ist, wenn sie denn noch ist, Ergebnis ablaufender Zeit. Wo man sie sich wider Poseners Rat nicht ließ, hat man sich der Geschichte baulich benommen.

„Schade, schade, schade, schade Berlin 33“ – Posener würde heute sehr wahrscheinlich, was Udo Lindenberg einst in „Rudi Ratlos“ sang, nicht nur angesichts des sogenannten Stadtschlosses ratlos singen – mit dem Zusatz (19)18 und (20)20, aber passen würde er nicht …

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Datum 17. Februar 2020
Autor b.t.
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