momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
BIM - Building Information Modeling, Gespräch

„Von den erfolgreichen Projekten wird zu wenig gesprochen…“

momentum sprach am Rande der BAUMA mit Harald Ziebula, Regionsleiter Zentraleuropa (Doka Gruppe), über Produktpiraterie, die Bedeutung der Dienstleistung und des europäischen Marktes, über Probleme mit Großprojekten im Lande, über BIM und über schnellere Pferde …

momentum:
Der Slogan von Doka lautet: „Wegweisend. Mehr als Lösungen“. – „Wegweisend“, das gibt in einer Welt der Orientierungslosigkeit etwas an die Hand und „Mehr als Lösungen“, das klingt ja fast schon philosophisch, wo die Philosophie, besonders die kritische, ja weiß, dass es noch ein bisschen mehr als nur Lösungen gibt. Doch dürfte das ja für Sie an erster Stelle für den Servicegedanken stehen …

Harald Ziebula

Harald Ziebula, Regionsleiter Zentraleuropa der DOKA Gruppe (DOKA)

Ziebula:
„Wegweisend“, das verkörpert den Doka-Markenkern und das, was wir gegenüber unseren Kunden erreichen wollen. Die Qualität der Schalung ist wichtig, doch die Dienstleistung, die Schnelligkeit und Flexibilität wird zunehmend wichtiger. Aber es reflektiert ebenso den Mehrwert, weil Lösungen nur dann, wenn sie sich möglichst in eingesparten Lohnkosten ausdrücken, oder in zuverlässiger Projektabwicklung, heute wettbewerbsfähig sind. Das „Mehr als Lösungen“ bezieht sich also vor allem auf das wirkliche Verstehen dessen, was der Kunde will.

momentum:
Bei der Kundenorientierung fällt mir immer Henry Fords Wort ein: “If I had asked people what they wanted, they would have said faster horses.”

Ziebula:
Natürlich kann Kundenorientierung auch falsch Verstandenes darstellen. Angefangen von Ingenieuren, die natürlich primär die technischen Lösungen sehen, bis hin zum Berater, der vielleicht meint, das jeweils letzte Projekt sei einfach kopierbar. Im Prinzip heißt Kundenorientierung, wirklich zuhören können – also das Projekt zu verstehen, Bedarf und Bedürfnisse weit über die eigentliche Schalung hinaus zu „durch-schauen“. Durch das Bauwerk, durch die Bedürfnisse schauen, eben den Durchblick haben… Und das nicht nur projekt-, sondern umfeldbezogen, also nicht nur kurzfristig für das Projekt, sondern auch langfristig im Hinblick auf die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen.

momentum:
Auf Ihrer Pressekonferenz hieß es, Dienstleistungen machten derzeit ca. 20 % des Umsatzes aus …

Ziebula:
Ja. Ich selber hätte das noch vor einiger Zeit so nicht für möglich gehalten. Das geht, wenn man in der Lage ist, den wirklichen Wert einer Dienstleistung zu verstehen, dem Kunden den Nutzen darzustellen, also den rechenbaren Wert.

momentum:
Audi wirbt ja bis heute mit „Vorsprung durch Technik“. Die Frage wäre, ob das bei der technischen Angleichung der Produkte noch geht. Andere Fahrzeuge bringen einen auch von A nach B. Setzen Sie also auch deshalb sehr stark auf den Dienstleistungsgedanken, weil in der Technik nicht mehr viel Vorsprung geht?

Ziebula:
(lacht) Also zunächst mal hat sich der Slogan offensichtlich gut eingeprägt. Aber wir setzen auf die gute Qualität unseres Produkts und darauf, diesen hohen Standard zu behalten. Ohne das geht es gar nicht.

momentum:
Aber das hat der Wettbewerb auch …

Ziebula:
Eben. „Vorsprung durch Technik“ würde man jedem zuverlässig fahrenden Auto unterstellen. Diese Themen gleichen sich heute durchaus immer mehr. Gute Qualität alleine wäre nicht mehr wettbewerbsdifferenzierend genug. Differenzierung findet heute auf anderen Ebenen statt, vor allem in der Schalung, in einem Mietgeschäft, in einem stark Bauwerke-individualisierten, projektbezogenen Geschäft. Deshalb das Thema Dienstleistung …

Harald Ziebula und Burkhard Talebitari-Tewes im Gespräch

Harald Ziebula und Burkhard Talebitari-Tewes im Gespräch (DOKA)

momentum:
Kommen wir zum Thema Produktpiraterie, einem Thema, bei dem als erstes Land immer gleich die VR China genannt wird …

Ziebula:
… in einer globalen Welt wird kopiert. Zunächst mal ist das eine positive Nachricht, (lacht) weil nur gute Produkte kopiert werden.

momentum:
Klar. Wenn Chinesen Ihre Schalung kopieren, mag das mit deren kulturellen Implikationen eine Ehrung sein und für Sie eigentlich ein USP. Doch wird ja auch vor Ihrer Haustür kopiert, und das dürfte jetzt nicht mehr die klassische, asiatische Kopierkultur sein …

Ziebula:
Da komme ich wieder auf die Dienstleistung: Was uns am meisten vor Kopien jeglicher Art schützt, sind die Dienstleistungen unseres Geschäfts. Denn der erfolgreiche Einsatz von Schalung in komplexen Bauwerken, muss – vor allem in der Miete und in einem projektbezogenen Geschäft – geplant, kundengerecht dargestellt und begleitet werden. Da ist jemand, der nur kopiert, in der Sackgasse. Das ist unsere große Chance.

momentum:
Das Thema lässt Ihnen also keine grauen Haare wachsen?

Ziebula:
Es ist kein Thema, was uns unberührt lässt. Es gibt auch Sorgen, insbesondere, wenn die Mittel der Kopierer ins Illegale gehen. Aber es ist nicht so, dass wir uns existenzbedroht fühlen, weil wir sowohl unsere gute Qualität als auch unsere Dienstleistungen als Chance betrachten, auch in der generellen Wettbewerbsdifferenzierung.

momentum:
Wenn aber etwa von Kopien die Rede ist, die tatsächlich so gut seien, dass sie im Labor untersucht werden müssen, könnte das doch auch leicht nach hinten losgehen: Also wenn diese Kopien so gut sind, dass sie nur noch im Labor zu unterscheiden sind, dann kann ich sie ja auch kaufen …

Ziebula:
Das ist auch Teil unserer Sorge. Wenn es sich z.B. um eine patentgeschützte Kopie handelt, ist es illegal und dann gehen wir dagegen vor. Wenn es sich um eine Kopie handelt, die sicherheitsrelevante Themen gefährdet, dann untersuchen wir das und dann ist es ein hohes Risiko für den, der kopiert. Aber das ist nur eine defensive Strategie. Die aktive Strategie lautet: Hohe Qualität der Doka-Produkte, ständig Innovationen, Verstärkung der Serviceorientierung und Ausbau der professionellen Abwicklung für den Kunden. Das ist heute entscheidend.

momentum:
Themenwechsel: Herr Ziebula, wenn man für den Vertrieb in Zentraleuropa zuständig ist, fühlt man sich da nicht im Vergleich zu den boomenden außereuropäischen Märkten schon so ein bisschen als Museumsverwalter?

Der DOKA-Stand bei der BAUMA

Der DOKA-Stand bei der BAUMA (Foto: DOKA)

Ziebula:
Davon sind wir ganz weit entfernt. Natürlich findet das relativ stärkere Wachstum in Märkten statt, wo wir auch heute noch gar nicht so sehr vertreten sind. Sicherlich ist auch das Managen dieses Wachstums reizvoll. Aber deshalb wird es uns hier in Europa nicht langweilig, denn bei der Weiterentwicklung der genannten Themen Qualität, Produktinnovationen, Dienstleistungen, Kundenprozesse, Software etc. sind die Innovationspotenziale enorm hoch. Und insofern fühlen wir uns überhaupt nicht als zweites Rad am Wagen, sondern als Teil der Gesamtstrategie der Doka, die durch die Globalisierung zum einen auf relatives Wachstum in vielen Märkten der Welt setzt, die aber auch die angestammten Märkte braucht.

momentum:
Also enge Märkte wie die europäischen brauchen qualitatives Marketing und das heißt: Dienstleistung?

Ziebula:
Es ist natürlich hier eine ganz andere Strategie, aber das ist auch das Interessante an unserem Geschäft und an der Bauwirtschaft generell. Die Bauwirtschaft agiert, was die Strategie angeht, durchaus global, aber sie muss lokal angepasst werden. Die Bauwirtschaft ist sehr lokal. Zwischen Nord- und Süddeutschland gibt es Unterschiede. So ist es auch in Österreich und in der Schweiz – und genau das macht es für uns reizvoll. Und in Frankreich etwa sind z.B. die Sicherheitsbestimmungen ganz anders als in Osteuropa… „Museumsverwaltung“ – wie von Ihnen bebildert – ist so ziemlich das Gegenteil.

momentum:
Da haben wir nun über den Reiz des Bauens gesprochen, das Elend desselben hat die Öffentlichkeit ja derzeit fast mehr auf dem Schirm: BBI, Stuttgart 21, Elbphilharmonie – um nur diese notorische Trias zu nennen … Wie stellt sich das aus Ihrer Sicht dar? Was müsste sich hierzulande ändern, um derlei Katastrophenprojekte zu vermeiden.

Ziebula:
Also zunächst sind es wenige Projekte, die tatsächlich nicht gut laufen und leider auch den Steuerzahler belasten. Von den sehr, sehr vielen, erfolgreichen Projekten wird hingegen viel zu wenig gesprochen. Hierzu meine ganz klare Antwort: Das Projektmanagement hat nicht gestimmt. Und Projektmanagement ist durchaus zeit- und kostenintensiv. D.h., ein professionelles Projektmanagement muss Teil der Beauftragung des Bauwerks sein. Entsprechende Analysen zeigen ja, dass hier einfach an der falschen Stelle gespart wurde. Und wenn offenkundig staatliche Einrichtungen bei einem für den Erfolg wichtigen Teil gespart haben, indem das Projektmanagement ganz eindeutig fehlte oder zu schwach oder laienhaft besetzt war, dann kommt das dabei raus. Wir merken das auch an internen Projekten. Da brauchen wir gar nicht die Elbphilharmonie zu zitieren. Wer heute in der Schalung oder in Bauunternehmen kein professionelles Projektmanagement hat, verliert Geld. Das ist eine ganz einfache Weisheit.

momentum:
Die zuweilen genannten Probleme etwa mit der Kompatibilität der Systeme lassen Sie also nicht gelten?

Ziebula:
Nein. Je weniger Systeme kompatibel sind – und das ist ganz typisch für den Bau, wir werden nie vollkompatible Systeme haben – desto mehr brauchen Sie ein professionelles Projektmanagement. Noch mal: Auch wir haben Projekte und auch wir haben intern welche, die nicht immer im Zeitplan laufen. Bei näherer Untersuchung stellen wir da immer fest, dass das Projektmanagement optimiert werden kann. Und dieses gilt ja heute umso mehr bei steigender Komplexität und zunehmend geringerer Kompatibilität. Unser Produkt Bauen ist nicht kompatibel. Das ist ein Traum. Das ist eine Vision, die kaum je Realität werden dürfte …

momentum:
Und Sie würden auch nicht sagen, dass die Komplexität der Systeme in einer Weise zugenommen hat, die auch durch ein raffiniertes Projektmanagement kaum mehr ganz zu bewältigen ist?

Ziebula:
Ein gutes Projektmanagement kann nur verknüpfen, managen und regulieren. Es kann rechtzeitig darauf hinweisen, wenn etwas terminlich oder budgetmäßig aus dem Ruder läuft. Es kann nur Gegenmaßnahmen thematisieren und einleiten. Aber noch mal: Man sollte sich, wenn man hier eine Analyse wirklich wollte, einfach mal erfolgreiche Bauvorhaben, die es zu Hauf gibt, anschauen. Man würde feststellen, dort gibt es ein tolles Projektmanagement, da gibt es Bauleiter und Lieferanten, die ihr Geschäft verstehen und motiviert sind. Es gibt Zusammenarbeit und entsprechende Dienstleistungen, auch in der Schalung. Das macht die meisten Projekte am Bau erfolgreich.

momentum:
Diese Diskussion kann ja auch zum Thema BIM führen. Wäre da nicht ein Ansatz zu einer Art softwaretechnischem Garant für erfolgreiches Projektmanagement?

Ziebula:
Wir mögen das Thema BIM, oder, wie wir es nennen, 5D sehr. Weil eben das verknüpfende Projektmanagement bei Projekten mit einer gewissen Komplexität die einzige Lösung für den Erfolg bei Budget und Fristeinhaltung ist. Und da gibt es mehr Dimensionen als nur die, die wir heute bei Planung und Projektabwicklung haben, Dimensionen, die alles miteinander verknüpfen. Das lässt sich von der technischen Planung über die Materialliste, über die Zeitachse noch besser steuern, indem ein direktes Projektmanagement damit verbunden wird. Meiner persönlichen Meinung nach ist jetzt entscheidend, dass die Entwicklung dieses 5D-Projekts, welches heute auch bei uns in einer Feldtestphase ist, abgeschlossen wird und dann parallel ein gutes Projektmanagement mitwirkt. Denn ein Werkzeug alleine hilft nicht, es kann noch so gut sein, wenn das Projektmanagement parallel nicht identisch denkt und geschult ist und dann das Ganze in der Praxis ausführt. Und wir glauben schon, dass dieses Projekt in der Bauwelt noch mal ein Meilenstein sein wird, Nicht, weil es hilft, Komplexität zu reduzieren, sondern es macht sie nur transparenter. Und es kann vor allem die gesamte Verknüpfung aller Nahtstellen im Projektmanagement erleichtern.

momentum:
Deutschland zeigt sich beim Thema BIM ja wieder mal recht konservativ. In England etwa werden ja ab 2016 schon keine Ausschreibungsunterlagen ohne BIM mehr akzeptiert …

Ziebula:
Ich bin mir nicht sicher, ob eine solche Zwangspolitik hilft. Wir müssen auf das Werkzeug, auf das Projektmanagement und auf die Prozesse setzen. Die eben angesprochenen negativen Beispiele helfen vielleicht mehr als ein Gesetz, denn jeder weiß aus einem nicht gut laufenden Projekt um die Notwendigkeit der Unterstützungsmaßnahmen. Aber das wird nie durch eine Software allein gelöst. Es werden immer Menschen dazu erforderlich sein. Ferner baue ich auf die Kraft der freien Märkte und guter Innovationen: Deutschland wird nicht nachhinken.

momentum:
Herr Ziebula, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

 

Das Gespräch führte momentum-Redakteur Dr. Burkhard Talebitari-Tewes.

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Datum 28. Mai 2013
Autor bt
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