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Vermischtes

Wärmedämmung – nicht en vogue, aber wichtig

Wärmedämmung zum Wärmeschutz auf Rohbau

Wärmedämmung zum Wärmeschutz auf Rohbau (Foto: Gina Sanders - Fotolia.com)

In den vergangenen Monaten ist der einstige Hoffnungsträger „Gebäudeenergieeffizienz“ als wichtiger Baustein in der Gesamtdiskussion der Energiewende immer mehr in den Hintergrund getreten. Das Thema Gebäudeenergieeffizienz wird überlagert von der Stromverfügbarkeits- und Strompreisdiskussion und allen damit zusammenhängenden Notwendigkeiten, wie Netzausbau und Speicher. Vorhaben, die für den Gebäudebereich auf der politischen Agenda standen, sind nicht realisiert worden.

Manche Medien können es nicht lassen, immer wieder die Energieeffizienz von Gebäuden und die Wärmedämmung ins Visier zu nehmen. Die unbegründete Kritik am Dämmen von Gebäuden reißt nicht ab, obwohl sich die Sensibilität bei Immobilienbesitzern wie Mietern mit Blick auf die energetische Sanierung und Modernisierung in den vergangenen Jahren deutlich erhöht hat. Es ist einfacher, mit sensationsheischenden Bildern von vereinzelten spektakulären Schäden, verschimmelten Wohnungen oder brennenden Fassaden aufzumachen, anstatt über die komplexen bauphysikalischen Zusammenhänge zu informieren oder über die zahlreichen Studien an ausgeführten Objekten. Diese Informationen würden das Gegenteil der negativen Berichterstattung belegen.

Aus diesem Grund haben wir im Forschungsinstitut für Wärmeschutz e.V. (FIW) München 2013 eine Studie zur Bedeutung der Wärmedämmung als Baustein der Energiewende erstellt. Darin werden neben einer aktuellen Übersicht über die Produkte auch die oft von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommenen Innovationen aufgezeigt. Gerade in diesem Bereich sind die Materialien kontinuierlich weiterentwickelt worden und weisen eine Wärmeleitfähigkeit nahe der physikalisch möglichen Untergrenze auf. Kaum eine andere Branche hat annähernd große Steigerungen der Energieeffizienz erreicht.

Auch wir Fachleute müssen zugeben, dass das Thema medientechnisch gesehen nicht verführerisch ist. Es hat aber eine immense ökologische und ökonomische Bedeutung für die Zukunft unseres Landes. Von den gut 2.500 TWh Endenergie, die jedes Jahr bundesweit verbraucht werden, entfallen ca. 40 % auf Heizung, Warmwasserbereitung und Beleuchtung von ca. 3,5 Mrd. m² Wohnfläche. Dabei ist zu bedenken, dass bis zu 75 % der in einem Wohngebäude eingesetzten Energie für das Heizen benötigt wird. Über eine ungedämmte Gebäudehülle wird ein großer Teil dieser Heizwärme nutzlos an die Umwelt abgegeben. Durch den Einsatz von gedämmten Konstruktionen kann eine wesentliche Minderung dieser Verluste erreicht werden. Darüber hinaus schützen gut gedämmte Bauteile die Konstruktion und die Behaglichkeit für die Bewohner wird erheblich verbessert. Durch richtige Dämmung wird die Sicherheit vor Bauschäden erhöht und nicht verringert. Die meisten der 18 Mio. Wohngebäude können durch eine effiziente Gebäudehülle und moderne Technik so saniert werden, dass der Energieverbrauch um mehr als zwei Drittel verringert wird. Die Methoden dafür sind langjährig erprobt und haben sich bewährt.

Die möglichen Einsparpotentiale für den Gebäudebestand bis Baujahr 1993 wurden im Rahmen der Metastudie bauteilspezifisch für eine flächenmäßige Sanierung, entsprechend dem Standard der EnEV 2014 berechnet. Würde man sämtliche zur Sanierung anstehenden Fassaden entsprechend den derzeit geltenden energetischen Anforderungen sanieren, ergäbe sich ein Einsparpotential von fast 100 TWh. Addiert man die Anteile für das Dach und den Keller hinzu, ergibt sich allein für die opake Gebäudehülle eine mögliche Reduktion des jährlichen Heizwärmeverbrauchs in Deutschland um ca. 170 TWh/a; gemessen an der Gesamtstromproduktion aus Kernkraft in Deutschland von 99 TWh im Jahr 2012 ein immens hohes Einsparpotenzial.

Doch trotz aller logischen Argumente und Innovationen ist die Energieeffizienz im Gebäudebereich weit unter ihren Möglichkeiten geblieben. Das ist besonders deshalb sehr erstaunlich, weil sich hier eine klassische Win-win-Situation ergibt. Es scheint überflüssig zu betonen, dass die Energiewende ohne erneute Fokussierung auf die Wärme und insbesondere den Gebäudebestand nicht funktionieren wird. Mit der derzeitigen, in der Geschichte Deutschlands niedrigsten Sanierungsquote von deutlich unter 1% erreichen wir unsere Klimaziele bis zum Jahre 2050 nicht einmal annähernd.

Wie diese Zahlen belegen, besteht dringender Handlungsbedarf. Wir vom FIW München wollen allen Beteiligten aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, dem „Häuslebauer“, aber auch dem Mieter, helfen, dass das Thema Energiewende wieder an Bedeutung gewinnt. Eine objektive Berichterstattung wäre wünschenswert und vielleicht können die Medien sogar von uns lernen. Denn im Baubereich gilt: Hochwertige Planung und Ausführung sowie die Verwendung von Qualitätsprodukten schaffen großen gesellschaftlichen Nutzen. Auch Journalisten könnten durch objektive Berichterstattung dem gesellschaftlichen Ziel Energiewende weitaus mehr nutzen als bisher.

 

Prof. Dr. Andreas H. Holm
Geschäftsführender Institutsleiter
Forschungsinstitut für Wärmeschutz e.V. München (FIW München)
www.fiw-muenchen.de

 

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Datum 7. Oktober 2014
Autor Prof. Dr. Andreas H. Holm
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