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Bauen digital

Warum es Zeit für einen BIM-Neustart ist

John Ford, Leiter technische Entwicklung bei Galliford Try, führte eine eingehende Untersuchung zu der Frage durch, ob die Branche dem 2016 formulierten Ziel, BIM zum “business as usual” zu machen, nähergekommen sei. Die Ergebnisse legen den Verdacht nah, dass wir uns eher rückwärts bewegt haben könnten.

Unsere Branche hat die Reise in die digitale Transformation angetreten, die ein erhebliches Vertrauen auf ein gutes Informationsmanagement voraussetzt. Unterdessen berichtete ich im vergangenen Jahr über die beunruhigende Tendenz, dass unsere Projekte nicht so gut liefen, wie wir bei Einführung der [britischen BIM-Standards BS¹/PAS] 1192²,³ und des internationalen BIM-Standards ISO] 19650⁴ dachten, und dazu gebe ich hier eine Aktualisierung.
Im letzten April vor vier Jahren trat der Regierungserlass in Kraft, demzufolge alle zentral (durch Regierungsmittel) finanzierten Projekte bestimmte Informationsmanagementprozesse einhalten müssen, wie sie in einem auf das Vereinigte Königreich ausgerichteten, lebenslangen Ansatz für gebaute Anlagen definiert sind: [den britischen BIM-Standards] PAS 1192-2/3. Auf den ersten Blick ist der “Prozess”, der in der PAS 1192-2/3 definiert und in IS0 19650 aufgegriffen wurde, relativ einfach:

Übersetzung der Grafik v.l.n.r.: - Bauherr versteht seinen Informationsbedarf - Bauherr teilt seinen Bedarf zu Beginn - Lieferkette plant entsprechende (Informations-)Lieferungen - Lieferkette stellt Informationen bereit - Bauherr prüft und verwendet (Informationen)

Übersetzung der Grafik v.l.n.r.: - Bauherr versteht seinen Informationsbedarf - Bauherr teilt seinen Bedarf zu Beginn - Lieferkette plant entsprechende (Informations-)Lieferungen - Lieferkette stellt Informationen bereit - Bauherr prüft und verwendet (Informationen) (John Ford)

 

Dieser Prozess, der modellierte Informationen auf Objektebene zur Grundlage hatte, um das Lifecycle-Management einer gebauten Anlage zu unterstützen, wurde als “BIM Stufe 2″ bezeichnet und unterschied sich von allen anderen lokalen und globalen Regelwerken.
Kurz nachdem die BIM-Stufe 2 offiziell in Kraft trat, verkündete die britische „UK BIM-Alliance“ im dem ehrgeizigen Versuch, die Branche in die richtige Richtung zu befördern, das Ziel BIM-Stufe 2, die vor allem durch den oben dargestellten (PAS-)Prozess definiert wird, bis zum Jahr 2020 in unserer Branche zum “business as usual” zu machen. Das bedeutet, dass jeder der fünf oben genannten Schritte (siehe Bild oben) bei den meisten unserer Projekte zur Regel geworden sein sollten.
Aber lassen Sie uns eines klarstellen: Jeder Schritt ist entscheidend, man kann ihn nicht umgehen. Nach meiner Erfahrung wird z. B. der erste und letzte Schritt des Prozesses am meisten vernachlässigt. Viele der Hunderte von Informationsanforderungen des Arbeitgebers, die ich gesehen und in die ich sogar versucht habe, mich einzubringen, spiegelten die Bedürfnisse des Kunden nicht wirklich wider. Oft wurden Vorlagen von anderen Kunden umgeschrieben und zumeist von Beratern oder Einzelpersonen zusammengestellt, um so – unabhängig von Art oder Komplexität – als maßgeschneiderte Vorlage für jedwedes vom Kunden initiierte Projekt herzuhalten.
Die Kunden haben ferner auch den fünften Schritt vernachlässigt, bei dem sie die Ergebnisse zwar erhalten, jedoch nicht prüfen, verwenden oder benötigen. Sie haben zwar COBie-Dateien erhalten, aber trotzdem ihren FM-Anbieter dafür bezahlt, die fertig gebaute Anlage erneut begutachten zu lassen und die Gebäudedaten erneut unnötigerweise zu erfassen. Grund dafür ist, dass sie ihre Mitarbeiter nicht informiert oder ihre Prozesse in Vorbereitung auf COBie – oder was auch immer der angegebene Standard zur Lieferung von Anlagendaten war – nicht aktualisiert haben.
Dann, im Jahr 2018, wurde PAS 1192 durch ISO 19650 ersetzt, aber der oben dargestellte Prozess blieb derselbe. Und weil die PAS abgelöst wurde, wurde das alte Reifegrad-Regelwerk BIML2, das durch PAS 1192-2 untermauert wurde, durch das “UK BIM Framework” ersetzt, das jetzt durch ISO 19650 untermauert wird.
Es besteht kein Zweifel daran, dass wir in den letzten Jahren hinsichtlich der digitalen Lieferkette erhebliche Fortschritte erzielt haben, aber ich möchte Ihnen einige Statistiken zur Beantwortung der Schlüsselfragen vorstellen, ob wir in Bezug auf den obigen Prozess schon zur Tagesordnung übergegangen sind. Und wenn nicht, was bleibt dann noch zu tun?
Im Jahr 2014 begann ich mit der Sammlung großer Datenmengen zu allen Projekten, die über meinen Schreibtisch gingen. Es war dabei eines meiner Ziele, zu verstehen, wie sich der Informationsbedarf der Kunden zu neuen Ausschreibungen und Live-Projekten veränderte und wie er angegangen wurde. Alle vorangegangen Projekte wurden in einem unten abgebildeten Tool erfasst. Ich verwende das Tool seither und habe bis Anfang Januar dieses Jahres 303 Ausschreibungen/Projekte aufgezeichnet.

Bild 2Mit Hilfe dieser Daten fand ich also eine Möglichkeit, durch einen Vergleich mit dem ursprünglichen Prozess festzustellen, wie nahe wir tatsächlich am “business as usual” sind. Die ersten beiden Schritte des Prozesses, die in 1192 und 19650 definiert wurden, verlangten vom Kunden grundsätzlich die Durchführung zweier wesentlicher Schritte:

1. Ihre eigenen Anforderungen zu verstehen

2. Weitergabe dieser Anforderungen vor Beauftragung

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Ich sah mir also die Daten meiner 303 Projekte an und analysierte diejenigen, in denen Kunden vorkamen, die Willens waren den oben beschriebenen, von PAS und ISO definierten Prozessen zu folgen …

– … unter Beachtung von Schritt 1 des Prozesses durch Verständnis des eigenen Informationsbedarfs
– … und von Schritt 2 durch deutliche Weitergabe des eigenen Informationsaustauschbedarfs.

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Die obige Grafik veranschaulicht diese drei Punkte aus den 303 Projekten. Die weiße Linie stellt die Anzahl der Projekte dar, die im Laufe der Zeit über meinen Schreibtisch liefen. Die blaue Linie repräsentiert die Projekte, bei denen in der Ausschreibung in irgendeiner Form auf BIM Bezug genommen wurde. Dies geschah entweder durch die Bereitstellung einer Austausch-Informations-Anforderung (AIA), oder es war einfach nur ein schlecht informiertes “Gib mir BIM level 2″.
Die blaue Linie verweist auf die wachsende Popularität von BIM. Kunden sind sich des Prozesses und ihrer Verpflichtungen zur Bereitstellung eines AIA eventuell nicht bewusst, sie wissen aber zumindest, dass auf dieses Ding namens BIM Bezug „ genommen werden sollte. Fast alle Projekte, die seit 2017 über meinen Schreibtisch gingen, hatten einen Bezug zu BIM. Aber ob BIM nun erwähnt wurde oder nicht, ist kein eindeutiger Hinweis für “business as usual”, denn der Prozess verlangt von Kunden, dass sie ihre Bedürfnisse verstehen und weitergeben.
Hier kommt die orangefarbene Linie ins Spiel. Sie repräsentiert jene Projekte, die zumindest dem zweiten Teil des Prozesses folgten und in irgendeiner Form ein AIA lieferten. Auf den ersten Blick werden Sie feststellen, dass vor etwa einem Jahr fast die Hälfte aller Projekte, die über meinen Schreibtisch gingen, den zweiten Schritt des Prozesses verfolgten und ein AIA zur Verfügung stellten. Aber es reicht nicht aus, einfach etwas mit dem Stempel „AIA“ zu versehen und zu hoffen, dass es den wahren Bedarf widerspiegelt, der durch den ersten Schritt vorgegeben wurde.
Es ist leider gängige Praxis, einfach die AIA-Vorlage von jemandem zu übernehmen, den Namen und einen bisschen vom Inhalt zu ändern und es dann ein echtes AIA zu nennen. Die Weitergabe eines AIA, bei dem der erste Schritt des Prozesses organisch und ohne Abkürzungen abläuft, ist jedoch unerlässlich.
Dies wird durch die gelbe Linie dargestellt, die nur die Projekte betrifft, für die wir ein AIA erhalten haben, das klar ist und wirklich die Bedürfnisse des Kunden widerspiegelt, das also auf das Projekt wirklich zugeschnitten ist und nicht nur eine allgemeine Vorlage für jedes beliebige Projekt darstellt. Wie Sie sehen, spiegelt die gelbe Linie unser “business as usual” nur schlecht wider.
Wenn meine Statistiken korrekt sind, dann folgt ein winziger Bruchteil unserer Projekte wirklich dem in der PAS/ISO definierten Prozess, unabhängig davon, welches Regelwerk Sie verwenden möchten. Wir können in jedem Projekt so viele vertraglich festgelegten AIA liefern wie wir wollen; wenn sie jedoch nicht wirklich die Bedürfnisse des Bauherren und seiner Kunden widergiben, dann werden die Vorteile durch strukturierte, rechtzeitige und vollständige Informationen nach dem Bau (Betriebskosten) (OPEX=Operational Expenditures) nicht eintreten.
Sie könnten meiner Interpretation von “guten AIA” jetzt durchaus in Frage stellen, und Sie hätten womöglich Recht. Vor vier Jahren brauchte ich Unterstützung bei der Aufgabe, die AIA in Ausschreibungen zu überprüfen. Weil da einige AIA 100 Seiten oder mehr umfassen können und ein Verständnis dafür erfordern, wie sich jede Anforderung auf Beschaffung, Design, Konstruktion und den Prozess des Informationsmanagements auswirkt, brauchte ich Hilfe! Aber ich stellte schnell fest, dass diejenigen, die ich mit dieser Aufgabe betraute, Mühe hatten, die Auswirkungen der AIA zu verstehen.
Z. B. war eine AIA-Aussage wie “Liefern Sie mir über COBie jede Komponente, aus der sich die Gebäudesubstanz zusammensetzt, unabhängig davon, ob sie gewartet werden kann” oder “Liefern Sie nur Entwurfsmodelle in Revit” aus verschiedenen Gründen ein großes Problem für uns. Aber diejenigen, die ich damit beauftragt hatte, Probleme aufzuzeigen, hatten diese nicht als erwähnenswert befunden, und da wir den Auftrag haben wollten, sagten wir in unseren BIM-Ausschreibungsplänen einfach „Ja“ dazu und waren nun für die Lieferung verantwortlich. Ich musste ein Bewertungsinstrument entwickeln und dadurch sicherstellen, dass diejenigen, die mit dieser Aufgabe betraut waren, verstanden, was ich als Risiko betrachtete, damit wir dieselbe Sprache sprachen.
Also entwickelte ich ein Prozess- und Berichtstool, das die Markierung jeder Textzeile im AIA unter Verwendung eines einfachen vierfarbigen Kodierungssystems verlangte. Ich stellte viele Beispiele für jede Kodierung zur Verfügung die erklären sollten, warum sie ein Problem darstellen.

Übersetzung: Grau: „BIM-Gebrabbel/Geplapper“, Grün: Klare Anforderungen, geringes Risiko, Gelb: Anforderungen mit mittlerem Risiko, rot: unklare Anforderungen, hohes Risiko

Übersetzung: Grau: „BIM-Gebrabbel/Geplapper“, Grün: Klare Anforderungen, geringes Risiko, Gelb: Anforderungen mit mittlerem Risiko, rot: unklare Anforderungen, hohes Risiko

Diejenigen, die diese Dokumente durchsahen, markierten jeden Satz mit Hilfe meines Leitfadens, der ihnen dabei half, sich an meine Überlegungen zu Risiken und Chancen zu halten, und legten mir diese dann zur schnellen Durchsicht vor, um das gemeinsame Verständnis zu sicherzustellen. Dies half immens und ermöglichte es uns, die AIA während der Ausschreibungen frühzeitig kritisch zu beleuchten, um Klarheit zu erhalten, oder – falls keine AIA vorlagen – deutlich zu machen, dass wir diese nicht vorlegen würden, falls man diese nicht für notwendig halte.
Nachstehend ist ein kleines Beispiel aus einem alten 45-seitigen AIA-Dokument aufgeführt (siehe Abb. unten). Ich wusste, als ich es sah, dass es sich um ein von einem anderen Kunden umgeschriebenes und geändertes AIA handelte. Daher wurde es als unklar erachtet, weil es Aussagen in Rot enthielt wie “der Lieferant wird unsere Anforderungen für uns definieren” und auch wegen der Tatsache, dass wir dies an anderer Stelle bereits gesehen hatten.
Ein weiterer beliebter Kunstgriff besteht darin, die AIA daraufhin zu überprüfen, ob sie sich überhaupt auf Betrieb und Wartung beziehen. Ich kann versichern, dass mehr als 80 % der AIA, die ich erhielt, keinen Hinweis darauf enthielten, dass Betriebs- und Wartungsanweisungen in ihrem üblichen traditionellen Format von Aktenordnern gewünscht wurden. Als wir dies jedoch bei der Ausschreibung abfragten, sagte mehr als die Hälfte „Ja, wir wollen traditionelle Aktenordner“ und rieten oft dazu, die Angaben im EIR zu ignorieren, falls sie dieser Forderung zuwiderliefen.

image6Übersetzung der Tabelle

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass wir sicherlich nicht beim “business as usual” angelangt sind, wenn es darum geht, Projekte entsprechend dem oben erläuterten Prozess, nach der alten PAS/BIM L2 (britischer BIM-Standard bis 2018)- oder der neuen ISO 19650/UK (internationale BIM-Norm seit 2018) abzuwickeln. Wir haben immer noch eine deutliche Mehrheit von Projekten, bei denen keine klaren, tatsächlich kunden- bzw. projektspezifischen AIA vorliegen. Diejenigen, die klare AIA vorlegen, nutzen oft nicht alle ihnen zur Verfügung gestellten Informationen so wie vorgesehen. Insbesondere gilt dies bei den Informationsanforderungen für FM-Zwecke.
Ich frage mich allerdings, ob die Schuld dafür bei unserer Industrie liegt. Die Schritte eins, zwei und fünf des Prozesses können nur von unserer Industrie unterstützt werden, nicht aber von ihr getrieben werden, und so können wir unsere Leistung nicht an der Leistung derjenigen messen, die unsere Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Ich glaube tatsächlich, dass unser öffentlicher Sektor das ursprüngliche Ziel von 2011 wieder aufgreifen muss. Denn meine Daten zeigen, dass die Leistung im letzten Jahr zurückgegangen ist, mit qualitativ schlechteren AIA oder gar keinen AIA von großen öffentlichen Auftraggebern, die es zumindest einmal versucht hatten.
Dies würde dazu beitragen, zumindest die Schritte eins und zwei des Prozesses im öffentlichen Sektor zu verbessern. Der letzte Schritt würde jedoch die Wiedereinführung des ursprünglichen und im Oktober 2016 gestrichenen Ziels erfordern, wonach Behörden einen Prozess zur Überprüfung der Daten-/Informationsqualität einführen müssen, bevor sie Genehmigungen erteilen. Dieses Ziel wurde nie umgesetzt und ist ein schwerer Schlag für das Streben nach Business as usual. Infolgedessen bleiben die Informationen in strukturierten wie in unstrukturierten Formaten ungeprüft, bis es zu spät ist – mit dem Ergebnis enormer Verschwendung in allen Phasen eines Projekts.
Diese Ergebnisse wurden erstmals bei der BIM Show Live 2020 präsentiert. Wenn Sie weitere Informationen zu diesem Thema wünschen, sehen Sie sich die Aufzeichnung nach der Veranstaltung unter https://www.linkedin.com/pulse/bim-show-live-2020-presentation-john-ford/ an.


¹ BS 1192:2007+A1:2015 – Collaborative production of architectural, engineering and construction information – Code of practice
² PAS 1192-2:2013 – Specification for information management for the capital/delivery phase of construction projects using building information modelling
³ PAS 1192-3 – Specification for information management for the operational phase of assets using building information modelling
⁴ Deutsche Ausgabe: DIN EN ISO 19650 – „Organisation und Digitalisierung von Informationen zu Bauwerken und Ingenieurleistungen, einschließlich Bauwerksinformationsmodellierung (BIM) — Informationsmanagement mit BIM“
Teil 1: Begriffe und Grundsätze
Teil 2: Planungs-, Bau- und Inbetriebnahmephase
Teil 3 (Entwurf Dez.2019): Operational phase of assets (deutscher Titel vermutlich „Betriebsphase von Anlagen“)
COBie – Construction to Operations Building Information Exchange. Standard-Übertragungsformat zwischen Bauherren und Zulieferern zur Übertragung von Gebäude- und Einrichtungsdaten


Der Beitrag erschien erstmals auf BIM+ am 26. April 2020 und wird hier mit freundlicher Genehmigung von atom publishers übernommen

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Datum 27. Mai 2020
Autor John Ford; Übersetzung: Ulrich Hartmann, Burkhard Talebitari
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