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Was ist die Stuttgarter Schule des Ingenieurbaus?

„Engineering made in Stuttgart“ war der Titel einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung am 14. November am Institut für Leichtbau, Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Uni Stuttgart. Der Veranstaltungsort – der Prototypenbau für die Expo Montreal 1967 von Frei Otto – ist als Institutsgebäude deutschlandweit einzigartig und stellte die Besucher bereits beim Betreten des Raumes auf die Frage des Abends ein: Was macht die Stuttgarter Schule des Ingenieurbaus aus?

Mehr als 150 Interessierte kamen zum Symposium.

Mehr als 120 Interessierte kamen zum Symposium. (Foto: René Müller)

Die Kompaktheit des Vortragsraumes, in dem sich ca. 120 Zuhörer drängten, wobei nicht wenige stehen mussten, erzeugte eine große Nähe zwischen Referenten und Publikum. Es entstand eine recht heimelige Atmosphäre, die aber erfreulicherweise nicht automatisch zu einem Konsens der Redner in allen Punkten führte.

Vier namhafte Ingenieure aus Stuttgart stellten ihre Sicht auf die Stuttgarter Schule dar: Lucio Blandini (Werner Sobek), Stephan Engelsmann (EngelsmannPeters), Jan Knippers (KnippersHelbig) und Sven Plieninger (schlaich bergermann partner). Eingerahmt wurden die Diskussionsbeiträge durch ein Eröffnungsstatement von Werner Sobek sowie einen Schlussvortrag von Klaus Jan Philipp.

Werner Sobek zeichnete die historischen Entwicklungslinien der Stuttgarter Schule nach.

Werner Sobek zeichnete die historischen Entwicklungslinien der Stuttgarter Schule nach. (Foto: René Müller)

Sowohl Eröffnungs- als auch Schlussstatement zeigten einen historischen Zugang zur Stuttgarter Schule auf. Während Werner Sobek sich auf den Ingenieurbau konzentrierte und die zwei Entwicklungslinien Stahlbetonforschung (Mörsch, Deininger, Leonhardt, Schlaich) sowie Leichtbauforschung (Frei Otto) als weltweit einzigartig nachzeichnete, näherte sich Klaus Jan Philipp über die Stuttgarter Schule der Architektur der Thematik an. Beide hoben jedoch die Bedeutung der Kooperation von Architekten und Ingenieuren hervor, die an der Uni Stuttgart nicht-institutionalisiert von statten gehe. Als herausragendes Beispiel wurde die Zusammenarbeit von Fritz Leonhardt und Paul Bonatz angeführt.

Die vier Diskussionsbeiträge fokussierten hingegen auf die aktuellen Kennzeichen der Stuttgarter Schule, wobei die Redner teilweise sehr persönliche Einblicke in ihre Denkweisen gaben. Jan Knippers, der in Berlin studiert und promoviert hat, benannte den für ihn persönlich entscheidenden Unterschied zu anderen Schulen des Ingenieurbaus: In Stuttgart würde der Bauingenieur als Gestalter mit sozialer und kultureller Verantwortung gesehen und nicht als Möglichmacher oder Dienstleister anderer Disziplinen. Implizit war das in den anderen Beiträgen auch enthalten.

Stephan Engelsmann, Lucio Blandini und Sven Plieninger (im VOrdergrund v.l.)

Stephan Engelsmann, Lucio Blandini und Sven Plieninger (erste Reihe v.l.) (Foto: René Müller)

Lucio Blandini und Stephan Engelsmann nannten jeweils vier Schlagworte, die zur Beschreibung der Eigenheit der Stuttgarter Schule dienen können: Leichtbau, (Mit)Gestaltung, Material und Komplexität bzw. minimal, hochpräzise, elegant und innovativ. Die Ähnlichkeiten in diesen beiden Positionen sind offensichtlich. Blandini hob die Bedeutung einer guten Detailgestaltung und eines „ehrlichen“ Materialeinsatzes hervor, während Engelsmann die Pflicht zu Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit besonders herausarbeitete.

Diskrepanzen gab es jedoch hinsichtlich der Bewertung des Leichtbaus. Jan Knippers widersprach der Auffassung, dass Leichtbau aufgrund geringeren Materialverbrauchs per se nachhaltig sei, indem er mit Blick auf Sven Plieninger von sbp darauf verwies, dass ein Stadiondach für eine Sportveranstaltung in Brasilien oder China nicht automatisch nachhaltig sei, da oft keine Nachnutzung sichergestellt würde. Sven Plieninger begegnete der Kritik mit der Einschätzung, dass Leichtbau immer dort sinnvoll sei, wo er zweckmäßig erscheine. Zweckmäßigkeit, Innovation und gute Gestaltung benannte er sodann auch als die Grundsätze der Stuttgarter Schule, die hervorragend an der Ikone Stuttgarter Fernsehturm ablesbar seien.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde das neue Jahrbuch "Ingenieurbaukunst 2018" vorgestellt.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde das neue Jahrbuch "Ingenieurbaukunst 2018" vorgestellt. (Foto: René Müller)

Abschließend fassten die Moderatoren Annette Bögle (Ingenieurbaukunst e.V.) und Frank Heinlein (aed), die gleichzeitig auch Ausrichter des Abends waren, die Veranstaltung zusammen und verwiesen auf das an diesem Abend erstmals vorliegende neue Jahrbuch „Ingenieurbaukunst 2018“, in dem die genannten Grundsätze der Stuttgarter Schule in einigen Projekten aus Baden-Württemberg, aber auch in solchen aus anderen Bundesländern, erkennbar seien. Annette Bögle stellte als Zukunftsperspektive der Stuttgarter Schule die Weiterentwicklung des Leichtbaus in Richtung Nachhaltigkeit heraus. Dazu müssten die Ideen und die Geisteshaltung der Stuttgarter Schule weitergetragen werden. Ein Mittel dazu könnten weitere Symposien dieser Art sein.

Die Veranstaltung brachte erwartungsgemäß keine „Definition“ der Stuttgarter Schule, das war auch nicht das Ziel; sie skizzierte jedoch eine Geisteshaltung, deren Grundsätze am Verlauf der Diskussion ablesbar waren: offener Dialog und respektvolle Kooperation.

Weitere Informationen:

Jahrbuch “Ingenieurbaukunst 2018″

Ingenieurbau-Kunst e.V.

aed Stuttgart

ILEK Stuttgart

Leserkommentare

  1. Karl-Eugen Kurrer | 14. Dezember 2017

    …ein informativer Bericht über eine vorwärtsweisende Veranstaltung.
    Noch ein Hinweis: Annette Bögle und ich publizierten den Aufsatz

    Bögle, A., Kurrer, K.-E.: Das strukturale Komponieren von Tragwerken bei Jörg Schlaich. Beton- und Stahlbetonbau 109 (2014), Heft 11, S. 829-837.

    http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/best.201400089/full

    In dem o.g. Aufsatz verorten wir das Werk Jörg Schlaichs im Rahmen der “Stuttgarter Schule des Konstruktiven Ingenieurbaus” und geben eine synoptische Darstellung mit der “Berliner Schule des Konstruktiven Ingenieurbaus” um Dischinger (Bild 3 unseres Aufsatzes mit den stilbilbildenden Elementen der beiden Schulen). Paradigma der Stuttgarter Schule des Konstruktiven Ingenieurbaus ist der Leichtbau. Ihr klassischer Text wurde von Fritz Leonhardt 1940 formulierte:

    Leonhardt, F.: Leichtbau – eine Forderung unserer Zeit. Die Bautechnik 18 (1940), Heft 36/37, S. 413-423

    Sehr treffend fand ich die Bemerkung von Jan Knippers, dass in Stuttgart der Bauingenieur als Gestalter mit sozialer und kultureller Verantwortung gesehen würde und nicht als Möglichmacher oder Dienstleister anderer Disziplinen.

    Letzlich geht es – wie in den Technikwissenschaften überhaupt – um die Dreiheit der Tätigkeitsformen Erkennen, Gestalten und Verantwortung in ihrem Zusammenhang mit
    -Invention, Innovation und Diffusion
    -Forschung, Entwicklung und Anwendung sowie
    -Wissen, Produkte (und Verfahren) und Markt
    Ich habe dies im “Tetraeder der Technikwissenschaften” ins Bild gesetzt (eine Grafik, die man in meinem Buch “Geschichte der Baustatik (2015) auf Seite 156 finden kann). Das Tetraeder ist aber idealtypisch.

    Karl-Eugen Kurrer

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Datum 27. November 2017
Autor Jens Völker
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