momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Kolumne Reinhard Hübsch

welt- und werberetter gesucht!

von missglückten werbekampagnen für den ingenieur-nachwuchs

was haben die bundeswehr und die ingenieure gemeinsam? sie suchen händeringend nachwuchs, und auf der suche nach den fachkräften von morgen rekrutieren die militärs wie die baufirmen das internet. was man da allerdings zu sehen und zu hören bekommt, sorgt im einen fall für bombenstimmung und empörung, im anderen für entsetzen und gähnen.

Reinhard Hübsch

Reinhard Hübsch (Foto: privat)

im november 2011 präsentierte die bundeswehr einen 97 sekunden langen spot, der in rasant geschnittener bildfolge panzer und hubschrauber, fregatten und lkws im kampfeinsatz zeigte, da detonierten zu heavy-metal-klängen granaten und zischten raketen durch das bild, soldaten stürmten in nato-oliv mal durch ein waldgelände, ein anderes mal hielten sie ein baby in den armen, und zu den fetzen der nationalhymne huschten der alexanderplatz und die siegessäule in berlin durchs bild.  nachdem der technisch aufwendige clip im netz stand, riefen bündnis90/die grünen und die linkspartei so laut „lazarette sich, wer kann!“, dass man in der öffentlichkeit alsbald vom aggressiven ballervideo sprach, das die militärische führung bereits nach einem tag vom rechner nehmen musste.

so umstritten die mobilmachung im netz auch war – sie sorgte für schlagzeilen. mittlerweile marschiert man in berlin weniger stramm auf den nachwuchs zu.  2012 gab man sich teenagern gegenüber als adventure club, der den beach- und den bergtyp sucht – diese art der nachwuchs-werbung löste zwar auch irritationen aus, doch nicht jene verstörung wie das ballervideo. und die aktuelle kampagne, die die verschiedene teilgattungen der bundeswehr unter „Wir.Dienen.Deutschland“ präsentiert, nötigt werbeprofis respekt ab, auch, weil man sich etwa der dienste des erfolgreichen sounddesigners simon theisen bediente.

damit ist für die bundeswehr zumindest der publizistische frieden wieder hergestellt. von solchen scharmützeln, von öffentlicher aufmerksamkeit gar können die werbekampagnen für ingenieure nur träumen. raunte im herbst 2008 in einem 30sekündigen kinospot, der zwischen bielefeld und wolfsburg gezeigt wurde, dass der „ingenieur von gestern aus naturgesetzen lebensqualität“ machte, der von morgen aber „muss die welt retten“, was im ultimativen imperativ endete: werde weltretter – was bis heute augenscheinlich kaum hochschulabsolventen wollen, fehlen hierzulande immer noch rund 80.000 weltretter respektive ingenieure und ingenieurinnen.

genau die sollten dann gezielt mit einer kampagne der fachhochschule aachen angesprochen werden. dort präsentierte man die 23jährige luft- und raumfahrttechnikerin isabelle minderjahn im enganliegenden schwarzen vor einem forschungsflugzeug – der „uni-spiegel“ höhnte daraufhin: So will man junge Frauen für ein Studium der Ingenieurwissenschaften begeistern. Hallo? Nach der gleichen Logik müssten sich dann junge Männer ins Grundschul-Lehramt locken lassen, indem man ihnen ein Bild von Robert Pattinson zeigt, der im engen Hemd an einem Tageslichtprojektor steht – der schauspieler robert pattinson wurde durch seine rollen in den verfilmungen der harry-potter-romane und der twilight-saga populär.

der neueste coup der ingenieure ist nun die internet-aktion unter http://www.werde-bauingenieur.de/, deren titel bereits derart verheißungsvoll ist, dass man die zugriffszahlen lieber nicht in erfahrung bringen möchte. ob harry potter oder filme wie inception, in denen die statik dieser welt von den füßen auf den kopf gestellt wird, wo gigantische betonfassaden zusammenstürzen und pariser quartiere cineastisch auf- und umgeklappt werden – sie zeigen, über welchen visuellen erfahrungshintergrund die hochschulabsolventen verfügen. mit jener drögen werde-bauingenieur-präsentation, in denen praktiker davon schwärmen, dass „man jeden tag von etwas neuem überrascht wird“, wo aktenordner aufgeklappt und kaffemaschinen zugedrückt werden, wo angebissene frühstücksbrötchen herumstehen – kurz: wo der herbe charme eines baustellen-containers im hochsommer mit den darstellerischen leistungen von amateuren ins bild gerückt wird, wo die tonspur mühelos jede power-point-präsentation von kommunikationsdesign-studenten unterschreitet, da wird man die dringend benötigten fachleute hinter keinem laptop hervorlocken. die gehen dann doch lieber zur bundeswehr.

vielleicht sollte der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie profis für ein dringendes relaunch ihrer werbe-aktion bemühen? schließlich wusste schon einer der bekanntesten vertreter der zunft, der weltweit bekannte ingenieur daniel düsentrieb: „dem inschenjör ist nix …“

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 12. Februar 2013
Autor reinhard hübsch
Schlagwörter ,
Teilen facebook | twitter | Google+

...