momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Vermischtes

Wer ist in Deutschland ein Ingenieur?

Bundeskammerpräsident Dipl.-Ing. Hans-Ullrich Kammeyer

Bundeskammerpräsident Dipl.-Ing. Hans-Ullrich Kammeyer (Foto: Franz Fender)

Bundeskammerpräsident Dipl.-Ing. Hans-Ullrich Kammeyer auf dem diesjährigen Neujahrsempfang der Ingenieurkammer Niedersachsen:

“Die Frage nach dem Ingenieur lässt sich nicht eindeutig beantworten. Bedauerlicherweise. Betrachtet man die hohe Verantwortung und die Bedeutung des Berufsstandes insbesondere für die wirtschaftliche Entwicklung dieses Landes, so wäre eine klare Antwort auf diese Frage wünschenswert. Diese Problematik beschäftigt nicht nur uns Ingenieure. Auf einer Podiumsdiskussion anlässlich der diesjährigen BAU 2013 in München dauerte es nur einen kurzen Moment, bis die Diskussionsteilnehmer auf den Titel Diplom-Ingenieur, die Ausbildungssituation in Deutschland und die Anforderungen an den Nachwuchs zu sprechen kamen. Ursprünglich war als Thema „Bauen für die Energiewende – sind wir richtig aufgestellt“ vorgesehen. Mit mir auf dem Podium saßen der Staatssekretär im BMVBS, Dipl.-Ing. Rainer Bomba, der Präsident der Bundesarchitektenkammer, Dipl.-Ing. Sigurd Trommer, Dr. Hans-Hartwig Loewenstein, Präsident des ZDB und Klaus Pöllath, Vizepräsident Technik des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie. Es ist beinah eine logische Konsequenz, bei der Frage, ob wir richtig aufgestellt sind für die Energiewende, den Blick auf Studiendauer, Nachwuchsförderung und Studieninhalte zu richten. Wir waren uns einig, dass angesichts der immer komplexeren Zusammenhänge  und der fehlenden praktischen Studieninhalte akuter Handlungsbedarf besteht und wir den Anforderungen an eine sichere Zukunft Rechnung tragen müssen.

Ein Blick auf die Entwicklung der vergangenen Jahre ist in diesem Fall immer hilfreich. Nachdem 1969 das Bundesverfassungsgericht ein gemeinsames Bundesingenieurgesetz aufgehoben hatte, haben sich die Bundesländer eigene ähnliche Gesetze gegeben. Diese fußten auf dem akademischen Grad Dipl.-Ing., der – zumeist auch gerechtfertigt – eine ausreichende Grundlage für die Berufsbezeichnung darstellte. Seit mit dem sogenannten „Bologna-Prozess“  16 Landesgesetzgeber neue Formulierungen aufgrund technischer oder naturwissenschaftlicher Studieninhalte wählten, ist eine zumindest einigermaßen klare Festlegung, was einen Ingenieur ausmacht und was nicht, nicht mehr gegeben. So ist nicht jeder zum Teil theoretisch ausgebildete Naturwissenschaftler per se ein Ingenieur. Unabhängig davon, dass sich auch die Naturwissenschaftler nicht klar abgrenzen lassen. Auch technische Kurzstudiengänge mit sechs Semestern/180 ECTS-Punkten können, wenn sie zum Beispiel mit ergänzenden wirtschaftlichen, rechtlichen oder als „Softskills“ bekannten Inhalten überfrachtet werden, nicht mehr die für den Ingenieur notwendigen Studieninhalte vermitteln.

Nicht ohne Grund hatten die Studiengänge zum Dipl.-Ing. bereits an der Universität aber auch an den Fachhochschulen nach dem Wechsel vom Ing. grad. zum Dipl.-Ing. (FH) immer acht oder mehr Semester. Ich will nicht ausschließen, dass die Kerninhalte eines Ingenieurstudiums nicht auch in sechs Semestern vermittelt werden können. Auf der Bundeskammerversammlung (BKV) im vergangenen Herbst wurde ein Beschluss gefasst, der mindestens 168 ECTS-Punkte (70% von 240 möglichen Punkten im Ingenieurkernbereich insgesamt) für ein vollwertiges Ingenieurstudium vorsieht. Sinnvolle zusätzliche Studieninhalte mit ingenieurnahem Wissen müssen dann aber beispielsweise in ergänzenden Masterstudiengängen vermittelt werden. Für den Beschluss der BKV gibt es einen weiteren guten Grund: Ein Ingenieur mit breiten Grundkenntnissen im Kernbereich kann sich immer viel besser an Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt anpassen.

Für Ingenieure, die diese Bedingungen erfüllen, kann meines Erachtens auch nach Bologna von den Hochschulen der akademische Grad Dipl.-Ing. vergeben werden. Dieser Titel, parallel oder gemeinsam mit dem akademischen Titel Bachelor oder Master vergeben, wertet diese keinesfalls ab. Er weist lediglich auf das in Deutschland traditionell übliche „berufsbefähigende“ Studium hin. Weltweit gilt der deutsche Abschluss Dipl.-Ing. im Gegensatz zu den angelsächsischen Abschlüssen immer als berufsbefähigend. Mit dem akademischen Grad Dipl.-Ing. helfen wir auch ausländischen Abnehmern von Ingenieurleistungen, deutsche Bachelor- oder Masterabsolventen von weniger berufsbefähigt angelegten Studienabschlüssen im Ausland abzugrenzen. Eine sinnvolle und notwendige Voraussetzung hierfür wäre eine klare gesetzliche Regelung von Mindest­inhalten und im Zweifelsfall die Auslegung über berufsständische Kammern. In diesem Zusammenhang ist vorgesehen, einen Arbeitskreis Bildung zu gründen. Sowohl der Bundesvorstand als auch der Länderberat haben bereits ihre Zustimmung gegeben.

Insbesondere in den Bereichen, die sicherheitsrelevant sind und die öffentliche Ordnung betreffen, muss über Berufsrechtsvorbehalte nachgedacht werden. Es kann nicht sein, dass bei derart entscheidenden Vorgängen Ingenieurleistungen auch von Laien erbracht werden. Ein erster richtiger Ansatz sind hier die Bauvorlageberechtigten Ingenieure. Sie erstellen gemeinsam und parallel zu den unmissverständlich geregelten Architekten Bauvorlagen, die hinsichtlich Brandschutz und Standsicherheit höchsten technischen Ansprüchen genügen müssen. In der Mehrzahl der Bundesländer sind die bauvorlageberechtigten Ingenieure in die berufsständische Kammer eingebunden. In Niedersachsen beispielsweise und anderen bisher nicht beordneten Bundesländern sind diesbezüglich sinnvolle Ergänzungen im Ingenieurgesetz und in der Landesbauordnung  erforderlich. Auch die steigenden Anforderungen im Bereich Wärmeschutz, Energieeinsparung sowie Schallschutz und ähnliche sind ohne vernünftige Regelung und Überwachung nicht durchsetzbar – auch hier muss die Beordnung durch den Staat oder von ihm eingesetzte Körperschaften erfolgen.

Die Bundesingenieurkammer und auch die einzelnen Länderkammern stehen in engem Dialog mit den zuständigen Ministerien auf Bundes- und Landesebene. An dieser Stelle möchte ich noch einmal auf Niedersachsen hinweisen: Hier wurde vor zwei Jahren ein Leitbild für die planenden Berufe verabschiedet und gemeinsam mit dem niedersächsischen Wirtschaftsminister unterzeichnet.

Zur Qualität einer Planungsleistung gehört auch eine angemessene Vergütung dieser anspruchsvollen Tätigkeit. Die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) ist seinerzeit als Deckelung der Kosten von Planungsleistungen im Zusammenhang mit dem Wohnbauerleichterungsgesetz verbindlich für die Planer gewesen. Sie hat sich mit den entsprechenden Fortschreibungen als fairer Honorarrahmen erwiesen. Mit der jetzt vorgenommenen Fortschreibung und der Rücknahme der Einschränkungen der Anwendungsbereiche kann sie diesem Anspruch auch in Zukunft gerecht werden. Ihre „Europafähigkeit“ steht durch die Beschränkung auf Inländer außer Zweifel. Notwendig wäre in diesem Zusammenhang die Verstärkung der Anwendungsstringenz gegenüber Auftraggebern und eine sinnvolle Fortschreibung insbesondere hinsichtlich neuer Gebiete (unter anderem den Brandschutzplanungen) und neuer Methoden (wie zum Beispiel bei Planungen  nach dem Building Information Modeling). Hierbei vertrauen wir auf die Zusagen der Bundes- und Landesregierungen, letztere versuchen Einfluss über den Bundesrat zu nehmen. Positiv ist, dass die Bauministerkonferenz und die Wirtschaftsministerkonferenz sich jeweils einstimmig für die Fortschreibung der HOAI nach unseren Vorstellungen ausgesprochen haben.

Zur Vergabe von Ingenieurleistungen für öffentliche AGs gelten strenge Qualitäts- und Rechtsmaßstäbe. Aufgrund europäischer Wettbewerbsanforderungen sind Vergabeverfahren mit größeren Auftragssummen sehr stringent geregelt. Dies führt zu einem zum Teil sehr hohen Aufwand bei den Bewerbungsverfahren und zu Beurteilungskriterien, in denen Qualität nur noch wenig Berücksichtigung findet. Dazu ist in Anbetracht des großen Bewerbungsaufwandes die Erfolgsquote scheinbar gering, obwohl die Gesamtzahl der Aufträge weitgehend unverändert ist. Da die mögliche Beeinflussung der europäischen Vorgaben über Politik und Verwaltung nur sehr eingeschränkt möglich ist, wünscht man sich zumindest eine Einschränkung dieser Verfahren auf Vorhaben von europäischer Bedeutung und darunter Vergabeverfahren, die eine vernünftige Wertung ortsnaher Qualität ermöglichen. Hier erwarten wir die Kooperation von Bundes- und Landesregierungen, auch bei der Begrenzung unvernünftiger europäischer Anforderungen.

Zum Ende möchte ich noch auf die augenblickliche Situation eingehen. Die Auswirkungen der Schuldenkrise auf die deutsche Wirtschaft sind aufgrund besonderer Anstrengungen und finanzieller Zurückhaltung aller Berufstätigen in Deutschland überschaubar geblieben, aber die Herausforderungen sind noch nicht überstanden. Ohne überragende Leistungen insbesondere der deutschen Ingenieure im Bereich des weltweiten technologischen Wettbewerbs stünden wir nicht dort, wo wir stehen. Dazu benötigen die Ingenieure aber die Unterstützung und Anerkennung der gesamten Gesellschaft. Gute Ingenieure aus anderen Ländern sind in Deutschland willkommen, aber eine Erhöhung der Zahl der Ingenieure in Deutschland durch Absenkung des Qualitäts­niveaus  wäre keine Lösung sondern würde das Gegenteil erreichen. Sowohl in Deutschland als auch auf der ganzen Welt brauchen wir besonders gute Ingenieure. Zur Sicherung der Qualität haben sich die Kammern in Deutschland bestens bewehrt, aber auch sie benötigen die Wertschätzung durch Politik und Öffentlichkeit. Für den Vorstand der Bundesingenieurkammer hat daher auch die Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit auf allen Ebenen eine große Bedeutung. Wir Ingenieure waren zu lange zu zurückhaltend in der Außendarstellung, das muss sich ändern. Ob mit der Vergabe von und Beteiligung an Ingenieurpreisen, der aktiven Teilnahme an öffentlichen Diskussionen oder der engen Kooperation mit anderen Kammern, Verbänden und Interessenvertretungen: Gerade der Schulterschluss mit denjenigen, die sich für die Belange der Ingenieure stark machen, ist ein wichtiges Element.

Einige Kammern machen das bereits vor. Mit einem gemeinsamen Preis für Schüler zeigen einige Kammern sehr erfolgreich, wie sich Kräfte sinnvoll bündeln lassen, um eine große Wirkung zu erzielen. Dieses Projekt sollte beispielhaft für alle anderen Kammern sein, dass wir mehr erreichen, wenn die Länderkammern untereinander enger zusammenarbeiten und sich vernetzen. Seitens der Bundesingenieurkammer fördern wir das, indem wir Geschäftsführer- und Öffentlichkeitsarbeitertreffen für einen besseren Austausch organisieren. Auch der Länderbeirat, der sich aus den Präsidenten aller Länderkammern zusammensetzt, und eine gemeinsame Plattform im Netz tragen zur Intensivierung des Dialoges bei.

Eine große organisatorische Aufgabe wird künftig der Ausbau und die Strukturierung aller Ausschüsse und Arbeitskreise auf Bundes- und Landesebene sein, um die guten Ergebnisse des ehrenamtlichen Engagements sinnvoll zu bündeln und umzusetzen.

Wir tragen eine große Verantwortung. Nicht nur für uns und unsere Generation, sondern auch für die, die nach uns kommen. Das dürfen wir bei all der Begeisterung für technischen Fortschritt, schnelle und komprimierte Studiengänge und visionäre Ideen nicht aus den Augen verlieren.”

Nachdruck aus: Deutsches Ingenieurblatt, Heft 01-02 (Januar-Februar) 2013, S. 34-35. © 2013 Fachverlag Schiele & Schön GmbH

 

 

 

 

 

Datum 14. März 2013
Autor Dipl.-Ing. Hans-Ullrich Kammeyer
Schlagwörter , , ,
Teilen facebook | twitter | Google+