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Kolumne Falk Jaeger

WerkbundStadt am Ende

Foto: WerkbundStadt Berlin

Foto: WerkbundStadt Berlin

Der Deutsche Werkbund war lange Jahre ein verklärter Mythos; seine Manifeste und die Werkbundsiedlungen veränderten vor hundert Jahren die (Bau-)Welt und auch die Gesellschaft. Ja, es gibt ihn noch, doch seine Bedeutung ist marginal.

Inzwischen ist wieder von der „Wohnungsfrage“ die Rede, und so wurde mit Wohlwollen und Interesse registriert, dass der Deutsche Werkbund Berlin sich mit bewunderungswürdigem ehrenamtlichem Engagement anschickte, neuerlich eine Werkbundsiedlung zu organisieren. Der Titel „WerkbundStadt“ signalisierte, dass es nicht um eine offene Siedlung geht, nicht um neue Wohnformen, Grundrisse und Bauweisen, sondern um Städtebau und Stadtgestaltung.

Auf dem 28 Hektar großen Gelände der Westberliner Ölreserve aus Zeiten des Kalten Kriegs plante man 2000 Wohnungen, Einzelhandel, Gastgewerbe und Büros, mithin ein Stück „europäische Stadt“, dicht, urban, funktional gemischt und verkehrsberuhigt. Soweit, so gut.

Es sollte nicht die uniforme Nutzung durch einen Großinvestor geben, sondern 39 Einzelgrundstücke sollten individuell bebaut werden. 33 Architekturbüros wurden zu einem Workshop zusammengerufen, ein städtebauliches Konzept aufzusetzen und danach jeweils drei Hausentwürfe zu liefern. Kein Wettbewerb also, sondern, wie schon 1925 beim Weißenhof, eine mehr oder weniger persönliche Auswahl. Paul Kahlfeldt, 2016 Werkbundvorsitzender und Spiritus rector der Initiative, hatte nicht nur seine Freunde im Geiste traditionalistischen Architektur zur Mitarbeit eingeladen, sondern auch Exponenten anderer Stilrichtungen wie Arno Brandlhuber, Christoph Ingenhoven, Schulz & Schulz oder schneider+schumacher. Entsprechend vielfältig zeigen sich die Häuser des Quartiers mit fünf Blocks und einem Längsriegel, erschlossen durch verkehrsfreie Straßen und einen zentralen Platz.

Allerdings vermisste man Antworten auf heute drängenden Fragen: Wie kommt man zum dringend benötigten „bezahlbaren Wohnraum“? Und wie sehen zeitgemäße Wohnungen aus? Wie eine Mischung von Wohnungen für junge Singles und Teilfamilien, für Alte, Wohngruppen und Wohngemeinschaften, für betreutes und temporäres Wohnen, wie sie eine Gesellschaft im Umbruch benötigt?

Was die 33 Architekten lieferten, ist Konfektion, in vorauseilendem Gehorsam zugeschnitten auf drei Grundeigentümer, die investieren zu wollen bekundeten und die den amtlichen Schlüssel von 30 Prozent günstiger Mietwohnungen zu akzeptieren bereit waren. Ihnen ging es um das Vermarktungspotenzial, dem Werkbund hingegen um den Prozess, um Entwurfsvielfalt, um eine gewisse Nutzungsmischung, um ein Stück urbane, lebenswerte Stadt. Gute Ansätze waren nach zähem Ringen immerhin auf den Weg gebracht. Der Bebauungsplan wurde erarbeitet. Viele Hindernisse waren aus dem Weg zu räumen, etwa der Lärmbelastung durch das benachbarte Gewerbegebiet.

Doch nun, Ende Oktober 2018, kündigten die Investoren dem Werkbund plötzlich die Zusammenarbeit auf.

Über die wahren Gründe ist nichts zu erfahren. Doch wie so häufig wurden die Grundstücke während des Planungsverfahrens mehrmals verschachert. Nun sind sie so teuer, dass sie knallhart vermarktet werden müssen. Vielleicht sogar zu teuer, denn die Bodenwertkurve scheint sich gerade wieder nach unten zu neigen.

Jedenfalls sind mäzenatische oder baukulturelle Ambitionen von den neuen Eigentümern nicht zu erwarten. Sie haben sich vom Werkbund das Feld freiräumen lassen, die hohe Dichte gesichert und zuletzt sogar gegenüber dem Bezirksamt den Anteil günstiger Wohnungen auf 25 Prozent heruntergehandelt. Architektur und Städtebau will man angeblich beibehalten, aber warum feuert man dann die Architekten?

Das Beispiel zeigt, dass das altruistische Modell Werkbundsiedlung im Umfeld heutiger Immobilienproduktion- und vermarktung nicht mehr zeitgemäß ist. Zumal, und das wird den Behörden des Berliner Bezirks Charlottenburg vorgeworfen, wenn der unbedingte politische Wille (wie bei den historischen Beispielen) nicht dahinter steht. Baustadtrat und Planungsamt waren schon mit der komplexen planungsrechtlichen Behandlung des Investorenprojekts gefordert. Für weitere experimentelle Visionen und baupolitische Ambitionen reichte es nicht mehr.

Eine „WerkbundStadt“ wäre ein schönes Fanal gewesen. Doch der Deutsche Werkbund, fürchte ich, muss sich weiterhin relevante Tätigkeitsfelder suchen, um seine Daseinsberechtigung unter Beweis zu stellen.

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Datum 1. November 2018
Autor Falk Jaeger
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