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Bautechnik, Betonbau

Wie Beton seine Öko-Bilanz optimieren kann

Das Klimagas wird von oben und unten in das Granulat eingebracht.

Das Klimagas wird von oben und unten in das Granulat eingebracht. (Foto: Manuel Pestalozzi)

In seinem Werk in Regensdorf stellt das Unternehmen KIBAG aus Betontrümmern Granulat für Recyclingbeton her. Seit dem Sommer 2020 stehen zwischen den Silos ein oranger Frachtcontainer, ein liegender, zylinderförmiger Tank und zwei orange Mulden. Dies ist die mobile Installation von Neustark, einem Start-up, der aus einem Projekt an der ETH Zürich hervorgegangen ist. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, das bei der Zementherstellung freigesetzte Kohlenstoffdioxid (CO2) indirekt und teilweise vom Betongranulat absorbieren zu lassen. So verbessert sich die Klimabilanz von Beton. Was 2017 als Forschungsprojekt begann, ist jetzt nach Aussagen des Start-ups marktreif. “Es ging uns immer darum, ein markttaugliches System zu entwickeln,” betont Valentin Gutknecht, Co-Founder & CEO von Neustark. Früh suchte man Partner aus der Industrie und konnte unter anderem die KIBAG für die Idee gewinnen. Nun hat Gutknecht Gelegenheit, den eingeladenen Pressevertretern in Regensdorf das Konzept zu erklären.

Im Tank der Installation lagern 20 Tonnen flüssiges CO2. Es ist auf -40° abgekühlt, der Druck beträgt 22 Bar. Das die Erderwärmung beeinflussende Gas stammt aus Biomasse; Neustark gewinnt es in reinster Form in der ARA Region Bern aus Klärschlamm. Ein mit einer Metallspirale ummantelter Schlauch verbindet den Tank mit einem Verdampfer. Ein zweiter dieser Art leitet das Gas weiter; er verschwindet im orangen Container, in dem Steuerung und Prozessoptimierung stattfinden. Gummischläuche verlassen den Container auf einer anderen Seite und warten darauf, an die Mulden angeschlossen zu werden. Die Mulden sind normierte Lastwagen-Aufbauten und verfügen über Deckel, die sich hermetisch verschliessen lassen. Lastwagen bringen sie zum Lager mit dem Granulat, zwei grosse Baggerschaufeln davon können sie fassen. Dann werden die Muldenränder gereinigt, die Deckel verschraubt und die Gummischläuche angeschlossen. Die “Flutung” mit CO2 kann beginnen. Diese erfolgt über ein Rohrsystem in den Mulden, welche das Gas gleichmässig von oben und von unten in die Granulatmasse einbringt. Der Absorptionsprozess dauert ein bis zwei Stunden. Das Endprodukt, dem man nichts von seinem neuen Inhaltsstoff ansieht, vermarktet KIBAG als KIBECO-Beton.

“Die zentralen Regelgrössen sind Dosierung, Druck und Zeit.” So viel verrät Valentin Gutknecht über die Zubereitung. Je länger man dem Prozess Zeit lässt, desto mehr Klimagas kann das Granulat absorbieren, es sind 95 bis 99 Prozent der zugeführten Quantität. Im Granulat findet ein Kristallisierungsprozess statt, der Kalkgehalt nimmt zu – eigentlich eine Umkehrung des Zement-Herstellungsprozesses. Der Vorgang ist endgültig, erneut rezykliertes Recyclinggranulat wird das absorbierte CO2 nicht mehr freigeben. Der CEO von Neustark verrät auch, dass die Absorption vor allem beim feinen Sand im Granulat geschieht, der viel Oberfläche und wenig Tiefe aufweist.

Das «Endprodukt» unterscheidet sich von blossem Auge nicht von gewöhnlichem Recycling-Granulat.

Das «Endprodukt» unterscheidet sich von blossem Auge nicht von gewöhnlichem Recycling-Granulat. (Foto: Manuel Pestalozzi)

Die Demonstration in Regensdorf scheitert leider an einem defekten Druckregulierungsventil – zischend entweicht etwas CO2 in Dampfwolken dorthin, wo es nicht erwünscht ist: in die Atmosphäre. KIBAG ist vom Konzept überzeugt. Das Unternehmen plant, ein Malwerk mit der Installation von Neustark zu ergänzen, so dass das Malen und die Anreicherung mit CO2 ineinander greifende, effizient auszuführende Arbeitsschritte werden. Als Abnehmer sieht Dr. Monica Vogel, Projektleitern Ressourcen bei KIBAG, primär die öffentliche Hand, die sich dem klimafreundlichen Bauen verschrieben hat. Der Preis liegt leicht über dem normalen Beton. Es sollten aber Öko-Bilanzierungsgewinne möglich werden.

Weiterführende Information: In Kürze erscheint im Verlag Ernst & Sohn, herausgegeben von Dr.-Ing. Bernhard Hauke, dem IBU und der DGNB, das Buch Nachhaltigkeit, Ressourzeneffizienz und Klimaschutz – Konstruktive Lösungen für das Planen und Bauen. Auf 324 Seiten wird die sich wandelnde Rolle des Bausektors beim Thema Nachhaltigkeit ausgearbeitet und unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet.

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Datum 27. Februar 2021
Autor Manuel Pestalozzi
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