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Wie war’s eigentlich in Aserbaidschan?

Dipl.-Ing. Hans Frey (Architekt, Vertriebsleiter der Waagner-Biro Stahlbau AG in Wien)

Dipl.-Ing. Hans Frey (Architekt, Vertriebsleiter der Waagner-Biro Stahlbau AG in Wien) (Foto: Waagner-Biro Stahlbau AG, Wien)

Fünf Fragen an Dipl.-Ing. Hans Frey (Architekt, Vertriebsleiter der Waagner-Biro Stahlbau AG in Wien) über seine Tätigkeit in Aserbaidschan.

 

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Ist Aserbaidschan als Ölstaat irgend mit Dubai/Abu Dhabi etc. vergleichbar?

Frey

Nein. Aserbaidschan kann auf eine viel reichere, bis ins Mittelalter datierende Historie der Ölförderung zurückblicken. Das mit dem ersten Ölboom zum Ende des 19. Jhs. Einhergehende, rapide Bevölkerungswachstum steht für die multikulturelle Vielfalt – anerkennend auch als ‚proletarische Internationalität’ oder ‚Schmelztiegel der Nationen’ bezeichnet. Der zweite Boom bei Zerfall der Sowjetunion beschränkt sich wesentlich auf Baku. Aber ungeachtet des wirtschaftlichen Aufschwungs leiden Stadt und Staat unter der Migration im Land, da große Teile des Staatsgebiets in Folge eines Nachbarstaatenkonflikts besetzt sind.
Doch drückt sich das Selbstverständnis der jungen Nation hier, ebenso wie im Mittleren Osten, in Prachtbauten aus, allerdings in reduzierter Form. Bei der Umsetzung des städtebaulichen Leitbildes der ‚White City’ baut man auf eine Vielzahl von Zeitschichten auf. Es ist also keine Retortenstadt wie in den Emiraten. Über die eigenen Ressourcen hinaus ist Aserbaidschan Brückenkopf für die zentralasiatischen Energievorkommen.

 

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Inwiefern wirkt sich sowjetischer Einfluss auch im Arbeitsalltag auf der Baustelle noch aus?

Frey

Ursprünglich vom Zarenreich annektiert, war Aserbaidschan zur Zeit des ersten Ölbooms nur kurz unabhängig um anschließend unter Sowjetherrschaft zu kommen. Siebzig Jahre hinterlassen ihre Spuren. Viele Maschinen und Einrichtungen stammen noch aus Besatzungszeiten, was Improvisation zur Regel macht. Für uns selbstverständliche Ansätze sind oft ein Novum und fordern Überzeugungsarbeit. Die gesellschaftliche Struktur aus Organen und Komitees war individuellem Verantwortungsbewusstsein nicht förderlich, es bedarf also klarer Anweisungen.
Russisch ist (neben Aserbaidschanisch) die Geschäftssprache. Insgesamt weicht der noch spürbare, organisatorische Zentralismus langsam professionellen Strukturen.

 

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Wie hat man sich die Baustellenlogistik vorzustellen?

Frey

Die lokale Infrastruktur ist weitestgehend veraltet. Wenn man, wie wir, im Projekt­geschäft des komplexen Stahlbaus und anspruchsvoller Gebäudehüllen auf hochwertige Hilfs­mittel und leistungsfähige Maschinen angewiesen ist, bleibt nur der Import. Auch geschultes Fachpersonal ist vor Ort nach wie vor schwer bis nicht zu finden. Oftmals fehlt es an elementarsten Dingen. Eine strikte Kontrolle der Liefer­kette bis zum Eintreffen auf der Baustelle ist essentiell, was auch dem komplexen, geografischen wie politischen Umfeld geschuldet ist. Nur wenige (Land-)Wege führen bisher nach Baku.

 

Wissenswertes zum Aserbaidschanischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • erforderliche Papiere
: Visum zwingend erforderlich – genaue Formalitäten sind aktuell bei der jeweiligen Aserbaidschanischen Botschaft zu erfragen – gebührenpflichtige Bearbeitung, die mehrere Wochen in Anspruch nehmen kann – ebenso die Arbeitserlaubnis – separater Antrag mit detaillierten Qualifikationsnachweisen.
  • praktische Hinweise für Einreise und Alltag: 
Direktflüge nach Baku von Wien und Frankfurt – oder mit Umsteigen via Istanbul – Landweg-Einreise über Georgien mit Zug oder PKW – Währung: Aserbaidschanischer Neuer Manat, AZN – derzeit knapp ein Euro – In Baku gibt es einige Hotels mit westlichem Standard.
  • offene Stellen in welchen Bereichen
: Immer Bedarf an qualifizierten MitarbeiterInnen. Am besten und formal einfachsten: Entsendungstätigkeit für ein ausländisches Unternehmen – Zahlreiche globale und europäische Consultingfirmen sowie Baukonzerne sind vor Ort aktiv.
  • Gehälter
: Niedriges Lohnniveau – Ein ‚Skilled Worker‘ für die Baustelle kostet um die AZN 8 pro Stunde.
  • Steuern
: Bei entsprechender Tätigkeitsdauer wird man steuer- und sozialversicherungspflichtig – Vorschriften ständig im Umbruch – möglichst qualifizierte Fachberatung für die Gestaltung des Beschäftigungsverhältnisses hinzuzuziehen.

 

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Gibt es Unterschiede im Ablauf von Entscheidungsprozessen zwischen dort und hier?

Frey

Ja, absolut. Durch den langjährigen sowjetischen Einfluss ist die Frage der Zuständigkeit zumeist keine einfache, obschon es an der Spitze klare Zuordnungen gibt, womit wesentliche Entscheidungen in der Hand weniger Personen liegen. Häufig zeitaufwendige und schwer steuerbare Genehmigungsprozesse wie in (West-)Europa fallen weg. Allerdings wäre es falsch, das als Ad-hoc-Mentalität zu deuten. Auch hier muss gewartet werden … Reibungsverluste infolge mangelnder Geradlinigkeit sind unvermeidlich. Aber wenn Festlegungen getroffen wurden, so irrational sie aus westlicher Perspektive eventuell erscheinen mögen, halten sie, und das sollte man besser umgekehrt ebenso handhaben. Eine positive Erfahrung ist, dass Fehlentscheidungen, wenn als solche erkannt, entweder rückgängig gemacht oder modifiziert werden.

 

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Welche Erfahrungen von dort sind für Ihre weitere Arbeit wichtig geworden?

Frey

Das theoretische Prozessmodell und gewohnte formale Anforderungen lässt man am besten gleich zu Hause. Ein Hands-on-Zugang mit gesundem Menschen- und Sachverstand ist gefragt. Genauso wenig kommt man mit der VOB Mentalität weiter. Briefe schreiben, claimen, hilft letztlich niemandem. Das persönliche Gespräch und das durch erfolgreiche Arbeit entstandene Vertrauen zählen weit mehr. Ansonsten kommt es schnell zum Clash der (Projekt-)Kulturen an der Schnittstelle von Morgen- und Abendland. Proaktives Handeln unter Berücksichtigung der eigenen Position im Projektgefüge bringt einen weiter.
Eine gewisse Geschmeidigkeit im Umgang ist sicher nicht von Nachteil. Das Beispiel diverser vormalig an unseren Projekten beteiligter Firmen zeigt, dass man bei Nichteinhalten der (ungeschriebenen) Spielregeln und dem sturen Beharren auf der eigenen Position ganz schnell vor dem Aus stehen kann.
Eine besondere Herausforderung stellen Planungstreue und die beizeiten recht freie Interpretation des Entwurfs da. Um Baugenauigkeit zu erreichen bedarf es einer peniblen Kontrolle von (Anschluss-)Details und Toleranzen.

 

Auf ein Wort:

Abbruch und Aufbruch – Baku war das erste berufliche Reiseziel, das mich vor Abflug mit gewissem Unbehagen erfüllte. Zu wenig Verlässliches wusste man damals über Land und Leute. Seit dem Song Contest hat sich die Informationslage etwas gebessert. Vielleicht kann Baku am besten europäische Stadt in der asiatischen Steppe genannt werden. Von der Stadt der Winde mit ihrer beeindruckenden amphitheatralen Lage am Kaspischen Meer bekam ich allerdings bei häufigen, aber kurzen Besuchen zunächst wenig mit. Das Flughafengelände weit vor der Stadt ist ein eigener Mikrokosmos im Umbruch. Der kurze Weg über den Flughafenparkplatz zum Hotel gibt einen sehr guten ersten Eindruck vom sozialen Gefüge – vorbei an Nobelkarossen neuzeitlicher „Biznessmen“ sowie Zweitaktern der arbeitenden Bevölkerung als Relikte alter Zeiten. Es herrschen allenthalben dicke Luft und orientalische Geschäftigkeit. Auch auf dem Flugfeld prallen zwei Welten aufeinander: postsowjetisches Fluggerät, gigantische Antonow Transportmaschinen und die moderne Flotte goldener Business-Jets der Flughafenbetreibergesellschaft, die für den Aufbruch in die Selbständigkeit stehen.
Einmal in die Innenstadt eingetaucht, eröffnet sich eine vielfältige Schichtung von Zeitenbildern – die Altstadt im Mauerring, die Uferpromenade, Parks aus Zeiten der Ölbarone, großzügige Boulevards mit Sandsteinfassaden, sowjetische Architektur, Bauten des Aufbruchs. Es bleibt zu hoffen, dass die teils uninspirierten und planlos entstehenden Neubauten des Strebens nach neuer Identität das Gefüge nicht nachhaltig (zer-)stören.


Interessante Links:

Aktuelle Reiseinformationen und Sicherheitshinweise bei:


http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Laenderinformationen/00-SiHi/­AserbaidschanSicherheit.html


http://www.bmeia.gv.at/aussenministerium/buergerservice/reiseinformation/
a-z-laender/aserbaidschan-de.html
http://travel.state.gov/travel/cis_pa_tw/cis/cis_978.html


Lesenswertes zu Land und Leuten:


“Wegweiser zur Geschichte – Kaukasus” Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes; verlegt bei Schöningh

“Ausgerechnet Baku. Warum?” Stadtbauwelt 183/ Bauwelt 36.09

Ein humoriges Bild der Region zeichnet Gary Shteyngarts Roman “Absurdistan” (dt. Ausgabe: ‚Snack Daddys abenteuer­liche Reise‘, Berlin Verlag)

 

 

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Datum 23. April 2014
Autor jk
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