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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Australien?

Dr. Dipl. Ing. Sascha Bohnenberger, Managing Director, BollingerGrohmann Engineers Pty Ltd

Dr. Dipl. Ing. Sascha Bohnenberger, Managing Director, BollingerGrohmann Engineers Pty Ltd (Foto: BollingerGrohmann Engineers Pty Ltd)

Fünf Fragen an Dr. Dipl. Ing. Sascha Bohnenberger, Managing Director, BollingerGrohmann Engineers Pty Ltd, über seine Tätigkeit in Australien.


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Wie läuft die Akkreditierung als Ingenieur oder Architekt im Lande ab?

Bohnenberger

Die Akkreditierung von Ingenieuren unterscheidet sich in Australien stark vom deutschen System. Um als deutscher Ingenieur registriert werden zu können, muss das sogenannte‚ Migration Skills Assessement‘ durchlaufen werden.
Für dieses Assessement benötigt man neben den üblichen Zeugnissen und einem aktuellen Lebenslauf zusätzlich ein akkreditiertes Englischzertifikat. Des Weiteren muss ein Erfahrungsbericht vorgelegt werden, in dem mit Hilfe von drei ausgewählten Szenarien das Leistungsbild und die beruflichen Erfahrungen des Bewerbers näher beschrieben werden. Zusätzlich ist noch ein ‚summary statement‘ erforderlich, in welchem fachliche Kompetenz, Kommunikation und ethisches Verhalten am Arbeitsplatz beschrieben werden müssen.
Da es in Australien 6 verschiedene Bundesländer gibt (Victoria, New South Wales, Queensland, South Australia, Western Australia, Tasmania) und zwei Territorien (Australian Capital Territory, Northern Territory) muss bedacht werden, dass eventuell auch nach einer abgeschlossenen Akkreditierung zusätzliche Anträge gestellt werden müssen.


Sound Bites City – Installation, 4 lagige Holzgitterschale als raumbildendes Element für eine Sound Installation, RMIT Gallery, Design by Nick Williams and John Cherry

Sound Bites City – Installation, 4 lagige Holzgitterschale als raumbildendes Element für eine Sound Installation, RMIT Gallery, Design by Nick Williams and John Cherry (Foto: BollingerGrohmann Engineers Pty Ltd)

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Welche Aufgabenstellungen ergeben sich für Ihr Büro in Melbourne als derzeit attraktive?

Bohnenberger

Neben den alltäglichen Aufgaben im Hochbau gibt es speziell hier in Melbourne eine große Anzahl an Festivals und Ausstellungen. Diese fördern junge Architekturbüros und Künstler, die mit ihren Ideen oft Unterstützung benötigen, die wir an dieser Stelle diesen anbieten können. Unsere ersten Projekte befanden sich alle im Eventbereich, bei deren Planungsaufgaben zügig auf wechselnde Umstände eingegangen werden muss. Diese Kunstprojekte erlauben es uns, zu experimentieren und neue Ideen zu testen und uns am Markt zu etablieren. So versuchen wir mit innovativen computergesteuerten Designprozessen Designer oder Architekten zu unterstützen und ihre Ideen weiter zu entwickeln. Viele Investoren vermarkten sich in Melbourne via ‚Kunst am Bau‘, was uns einen Zugang zu weiteren Projekten ermöglicht.


The Future is Here – Installation, RMIT Design Hub, Design by Roland Snooks Studio

The Future is Here – Installation, RMIT Design Hub, Design by Roland Snooks Studio (Foto: BollingerGrohmann Engineers Pty Ltd)

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Wie schätzen sie Chancen und Risiken auf dem bauwirtschaft­lichen Markt des Landes ein?

Bohnenberger

Der derzeitige Markt in Melbourne ist schwer einschätzbar, da der eventuell anstehende Regierungswechsel in Victoria starken Einfluss auf die Baubranche haben wird. Es gibt zudem eine große Anzahl an Büros, die sich einen relativ kleinen Markt teilen müssen. Hinzukommt, dass die Ballungsgebiete sich auf die Küstenregionen konzentrieren und somit nur eine sehr geringe Fläche Australiens bebaut ist.
Die australische Regierung treibt den Ausbau der Infrastruktur voran. Daher gibt es erhöhten Deckungsbedarf in den Bereichen, Schienenverkehr, Autobahnen, Brückenbau sowie Häfen, Flughäfen und Tunnelbau.
In den Ballungsgebieten bestimmt der Wohnungsbau, der zum großen Teil von asiatischen Investorengruppen gefördert wird, den Markt. Die räumliche Nähe Australiens zu Südostasien und China und der attraktive Immobilienmarkt erklären diesen Zusammenhang.
In Australien liegt der Fokus im Bauwesen, durch die vorherrschenden klimatischen Bedingungen und großen Rohstoffvorkommen, nicht auf dem Einsatz von erneuerbaren Energien und Dämmtechnologien. Allerdings wird der Green Star Standard, welcher dem LEED Standard und dem deutschen Pendant, dem DGNB ähnlich ist, stark gefördert.

 


Wissenswertes zum australischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • Erforderliche Papiere:
 beglaubigte und übersetzte Kopien von Zeugnissen und Urkunden, Englischsprachtest und einen Arbeitgeber der einem ein Arbeitsvisum sponsort (möglichst bevor man nach Australien einreist)
  • Praktische Hinweise für Einreise und Alltag: Das online verfügbare Tourist Visa ist 12 Monate lang gültig und erlaubt einen Aufenthalt von 3 Monaten am Stück ab Einreise. Dieses Visum erlaubt es einem allerdings nicht auf Jobsuche zu gehen. Des Weiteren sollte man anderen Kulturen gegenüber aufgeschlossen sein, da Australien ein Meltingpot der Kulturen ist.
  • Offene Stellen in welchen Bereichen:
 BIM (Building Information Manager), Revit Experten, Projekt Manager, Berufseinsteiger, Mining Industry, Rail Engineer und Highway Engineer
  • Gehälter: Bruttogehälter liegen in Australien für einen Berufsanfänger im Bereich Civil Engineering im Schnitt bei 50,000 – 65,000 $ und bei einem Senior Civil Engineer bei ca. 140.000 $. Diese Angaben können von Bundestaat zu Bundestaat variieren. Neben dem Grundgehalt gibt es in Australien ein Bonussystem in dem man beispielsweise private Krankenversicherungen oder Autoleasing und andere Zusatzpakete erhalten kann, die zu steuerlichen Vergünstigungen führen.
  • Steuern: Mehrwertsteuer: 10 %
. Wer in Australien arbeitet, muss Steuern zahlen. Dafür muss man sich nach der Einreise eine Steuernummer (Tax File Number) geben lassen.
 Bis zu einer Grenze von $ 18,200 ist das Einkommen steuerfrei, danach wird bis zu $ 37,000 für jeden Dollar, 19 c der über dem Freibetrag von $ 18,200 liegt besteuert.
 Bei einem Gehalt bis zu $ 80,000 müssen $ 3,572 plus 32.5 c für jeden Dollar über $ 37,000 besteuert werden. Der Steuersatz erhöht sich bei einem Einkommen von bis zu $ 180,000 auf eine Einmalzahlung von $ 17,547 plus 37 c für jeden Dollar über $ 80,000 und der Höchststeuersatz errechnet sich aus einem Festbetrag von $ 54,547 plus 45 c fuer jeden Dollar der über $ 180,000 Dollar eingenommen wird.

 

Sound Bites City – Installation, 4 lagige Holzgitterschale als raumbildendes Element für eine Sound Installation, RMIT Gallery, Design by Nick Williams and John Cherry

Sound Bites City – Installation, 4 lagige Holzgitterschale als raumbildendes Element für eine Sound Installation, RMIT Gallery, Design by Nick Williams and John Cherry (Foto: Mark Ashkanasy)

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Welche Rolle spielt deutsche Ingenieurkunst im Bewusstsein der Leute und am Markt?

Bohnenberger

Das deutsche Ingenieurwesen wird auch in Australien sehr geschätzt, jedoch kommt es im Bauwesen zu geteilten Meinungen. Die sorgfältige Planung und Ausführung der deutschen Ingenieure wird hoch geschätzt, jedoch bedeutet dies oftmals längere Planungsprozesse und eine Verlängerung der Bauzeit, die wiederum die Baukosten in die Höhe treiben können. Hier in Australien liegt der Fokus eher auf Wirtschaftlichkeit, somit werden viele Standardlösungen einer designorientierten Lösung vorgezogen.


The Future is Here – Installation, RMIT Design Hub, Design by Roland Snooks Studio

The Future is Here – Installation, RMIT Design Hub, Design by Roland Snooks Studio (Foto: BollingerGrohmann Engineers Pty Ltd)

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Sydney, Melbourne, Brisbane, Perth – finden sich da Unterschiede im Baustil?

Bohnenberger

Neben den Unterschieden im Lebensstil gibt es auch Unterschiede im Baustil und in der Stadtplanung. Ich würde zum Beispiel die Architektur in Melbourne als spielfreudig bezeichnen, da hier viel mit Farbe und Form experimentiert wird.
In Sydney wird das eher einheitliche Innenstadtbild von klaren modernen Bauformen geprägt und es findet sich dort noch eine Vielzahl an historischen Gebäuden.
In Brisbanes Vororten spiegelt sich das warme Klima in der Bauart wieder. Hier gibt es vielerorts aufgeständerte Holzhäuser, die eine natürliche Luftzirkulation zulassen. Dieser Gebäudetypus wird auch als, Queenslaender‘ bezeichnet.
Perth ist im Vergleich zu den oben genannten Städten die einzige Stadt, die sich im Westen von Australien befindet. Perth hat erst seit den 60er Jahren einen Aufschwung und starken Zuwachs durch den Bergbau erfahren. Daher ist das Stadtbild stark von Bürotürmen der 70er und 80er Jahre geprägt.

 

Auf ein Wort: Der Schritt in Australien eine Filiale für Bollinger+Grohmann zu etablieren, wurde über einen Zeitraum von fast 3 Jahren erörtert. Hierbei half, dass ich durch meine Doktorarbeit, die in Kollaboration mit Bollinger+Grohmann und dem Royal Melbourne Institute of Technology (RMIT) stattfand, bereits einen Bezug zur Stadt Melbourne und dem Land herstellen konnte. Neben persönlichen Einschätzungen vor Ort und der Unterstützung der deutschen Außenhandelskammer half uns auch die Nähe zur akademischen Welt, um den Arbeitsmarkt und die hiesige Ausbildung besser einschätzen zu können.
Die Arbeit an gemeinsamen Projekten mit Hilfe akademischer Partner ist in Melbourne und Sydney auf großes gegenseitiges Interesse gestoßen und ermöglicht uns auf dem neuesten Stand der Forschung zu bleiben. Ebenfalls wichtig in diesem Bereich ist der Kontakt zum Nachwuchs in Architektur und Bauingenieurwesen, der uns ermöglicht, potentielle zukünftige Kunden und Mitarbeiter näher kennenzulernen.
Die tatsächliche Etablierung des Büros befindet sich noch in einem sehr frühen Stadium, da die Firma in Melbourne erst im März 2014 offiziell gegründet wurde.
Neben der Arbeit wird hier die sogenannte Work-Live Balance sehr groß geschrieben und man genießt häufig den Feier­abend auf ein Pint und ein ‚chicken parma‘ im Pub. Hier trifft man sich nicht nur mit Kollegen um den Alltag ausklingen zu lassen, sondern erfährt auch noch das Neueste über die kommenden kulturellen Großereignisse, wie das Melbourne Arts Festival, das Fringe Festival oder auch die White Night, welche sich alle dem Thema Kunst und Kultur widmen.

 

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Datum 8. Januar 2015
Autor Burkhard Talebitari
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