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Wie war’s eigentlich in Bhutan?

Dipl.-Ing. (FH) Michael Haugeneder (Geschäftsführer ATP sustain GmbH)

Dipl.-Ing. (FH) Michael Haugeneder (Geschäftsführer ATP sustain GmbH) (Foto: ATP sustain GmbH)

Fünf Fragen an Dipl.-Ing. (FH) Michael Haugeneder (Geschäftsführer ATP sustain GmbH) über seine Tätigkeit in Buthan.


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Wie kommt man dazu, Hackschnitzelanlagen und Passivhäuser in Bhutan zu bauen?

Haugeneder

Vor vielen Jahren hat sich im Zuge einer Wettbewerbsausschreibung der Republik Österreich gemeinsam mit einem Architekturbüro ergeben, dass wir die Sanierung einer in den 60er Jahren gebauten Schule in Bhutan durchführen durften.
Der damalige Kooperationsvertrag zwischen Österreich und dem Königreich Bhutan beinhaltete eine klare Kosten- und Aufgabenteilung. Im Wesentlichen war das Ziel westliches Know-how (Planung, örtliche Bauaufsicht sowie westliche Technologien) nach Bhutan zu transferieren und die Errichtung des Gebäudes und der Betrieb erfolgte durch das Königreich Bhutan. Der damalige Wettbewerbsbeitrag unsererseits war, einen Passivhausstandard anzustreben und die Heizungsbereitstellung regenerativ zur Verfügung zu stellen.
Da Bhutan größtenteils bewaldet ist und enorme Anstrengungen unternimmt, eine nachhaltige Forstwirtschaft zu etablieren, ist somit als einziger Energieträger, neben dem elektrischen Strom aus Wasserkraft, Holz im Land selbst vorhanden.


Besichtigung der Baustelle im Zuge eines Workshops zu energieeffizienzen Bauen

Besichtigung der Baustelle im Zuge eines Workshops zu energieeffizienzen Bauen (Foto: ATP sustain GmbH)

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Die Menschen in Bhutan haben den Sprung vom Mittelalter in die Neuzeit binnen 20 Jahren hinter sich – wie macht sich das in der täglichen Arbeit mit ihnen bemerkbar?

Haugeneder

Grundsätzlich war der Know-how-Transfer einfach, da die gesamte Planung in Abstimmung mit einem bhutanischen Architekten lief, der schon sehr viel Erfahrung in Indien gesammelt hat.
Wesentlich in der Planungsphase war, dass sich bis dato keine Baugesetzgebung etabliert hat und daher Rahmenbedingungen relativ willkürlich festgelegt wurden. Daher wurden viele baurechtliche und sicherheitstechnische aber auch Bestimmungen zur Energieeffizienz aus Europa übernommen.
Der Transfer der Technologie für die Versorgung gestaltete sich eher als logistische Herausforderung, da alle Komponenten über das Himalaya Gebirge transportiert werden mussten.
Ferner war es teilweise erforderlich, die Arbeiter auf der Baustelle für die richtige Verwendung der Materialien zu schulen. Im Baubereich war dies bis auf die Detailausführungen von dichten Anschlüssen einfach bewerkstelligt. Wesentlich schwieriger gestaltete sich die Installationstechnik, da teilweise das Fach-Know-how nicht vorhanden war, weil derartige Materialien noch nie verwendet wurden.


20 m hohe Buddha Statue oberhalb von Thimpu

20 m hohe Buddha Statue oberhalb von Thimpu (Foto: ATP sustain GmbH)

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Sie haben mit indischen Projektsteuerern und Unternehmen in Bhutan gebaut. Ging das immer reibungslos?

Haugeneder

Die größte Herausforderung mit indischen Projektpartnern und Unternehmen, aber auch mit bhutanischen, war die vollkommen andere Lebensphilosophie und damit auch Qualität, Termin- und Budgettreue; und es erforderte ein hohes Maß an Feingefühl und Einfühlungsvermögen, diese Verhaltensweisen anzuerkennen und gemeinsam an einem Projektziel zu arbeiten. In einem Land wie Bhutan stellt sich oftmals für uns Europäer das Problem, dass Glaubensgrundsätze und tägliches Verhalten für uns nicht nachvollziehbar sind und daher das Handeln oftmals für uns westliche Menschen nicht nachvollziehbar ist. Es ist daher eine große Herausforderung, die Religion, das Leben der Menschen sowie auch die Umgangsformen kennenzulernen, bevor man einen Projektablauf definieren kann. Zusätzlich waren alle westlichen Projektteilnehmer mit großen menschlichen Barrieren zwischen Indern und Bhutanern konfrontiert und deshalb auch mit Themen wie Nationalstolz und Diskriminierung im Bauablauf.

 

Wissenswertes zum bhutanischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • Grundsätzlich kann man in Bhutan nur arbeiten, wenn man auch von einem bhutanischen Unternehmen oder der bhutanischen Regierung eine Einladung hat und die notwendigen Kosten sowie die zusätzlichen Gebühren die für ausländische Personen vorgeschrieben sind erfüllt und übernimmt.
  • Der Bauarbeitsmarkt für westliche Unternehmen erschließt sich entweder über indische Unternehmen, die oftmals bereits die Zulassungen besitzen in Bhutan auch ihre Arbeit anzubieten oder über bhutanische Firmen die alle rechtlichen formalen Aspekte abwickeln, sodass auch westliche Arbeitskräfte oder westliche Technologien Anwendung finden können.
  • Arbeitsmarkt und Dienstleistungen des gesamten Bausektors sind streng reglementiert, da die Angst vorherrscht, dass das kleine Land durch große Konzerne überrannt wird und eventuell Technologien zur Anwendung kommen, die auf Seiten der Regierung nicht gewünscht sind.
  • Das Land ist im Begriff, einen großen Sprung in Richtung Nachhaltigkeit zu tun, dies zeigt sich in der nachhaltigen Tourismuswirtschaft, Energiewirtschaft, usw. Man versucht hier auf Seiten der Regierung ein wesentliches Gut zu schützen – die Natur – und den Export von Elektrizität aus Wasserkraft als wesentliche Einnahmequelle für den Staat zu erhalten. Dies heißt, dass Bhutan massiv am Thema Energieeffizienz und Bedarfsoptimierung interessiert ist, um somit durch einen minimalen Bedarf im eigenen Land, maximalen Export von Elektrizität aus Wasserkraft zu generieren.

 

Arbeiten an der Betondecke EG

Arbeiten an der Betondecke EG (Foto: ATP sustain GmbH)

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Wie war es um das handwerkliche Können, wie um die wissenschaftlichen Grundlagen bei Ihren bhutanischen Mitarbeitern bestellt?

Haugeneder
Das handwerkliche Können war vor allem bei den Materialien Stein und Holz, aber auch im Bereich von Blechverarbeitung und Stahlkonstruktion überraschend gut. Wesentlich dabei war, dass 90 % des Gebäudes ohne Maschinen erstellt wurden und allein das handwerkliche Geschick und die Kreativität in der Verarbeitung den Erfolg des Projektes garantieren.
Daher war es wichtig, sich zu Beginn des Projektes mit den handwerklichen Fähigkeiten und den einzusetzenden Materialien auseinanderzusetzen. Dies gelang im Bereich der Architektur, Bautechnik und des Innenausbaus sehr gut, im Bereich der TGA stellte dies eine große Hürde dar, da es in Bhutan z. B. kein Unternehmen gibt, das Zentralheizungen errichten kann und es auch sehr wenige Unternehmen in Indien gibt, die in diesem Gewerk arbeiten können, geschweige denn mit unseren Standards und Materialien.

Besichtigung der Heizzentrale im Zuge eines Workshops zu energieeffizientes Bauen

Besichtigung der Heizzentrale im Zuge eines Workshops zu energieeffizientes Bauen (Foto: ATP sustain GmbH)

momentum

Woher rührt das genuine Desinteresse etwa an Brandwarnanlagen?

Haugeneder

Eine wesentliche Herausforderung war die Baustellensicherheit aber auch die sicherheitstechnischen Einrichtungen für Personen- und Gebäude- sowie Sachgutschutz, da die Bhutaner sicherheitstechnische Anlagen nicht als notwendig erachten. Die Zerstörung eines Gebäudes bedeutet keine Katastrophe, sondern einen Neubeginn und somit wird jedes negative Ereignis auch positiv gesehen.
Der Schutz von materiellen Gütern ist nicht erforderlich, da sie keinen Stellenwert haben. Dies war eine der großen Herausforderungen und wird es auch in Zukunft sein, da dies sicherlich nicht nur eine Sichtweise der Bhutaner ist.

 

Hotel Neubau 2013

Hotel Neubau 2013 (Foto: ATP sustain GmbH)

Auf ein Wort:

Eine der tollen Erfahrung in Bhutan ist, dass die Menschen sehr aufgeschlossen und kreativ sind, unvoreingenommen und äußerst gastfreundlich. Andererseits sind Bhutaner sehr stolz und nehmen oftmals Empfehlungen und Ratschläge nicht an, da sie der Über­zeugung sind, dass ihre Lösungen bei Bauproblemen die für sie richtigen sind.
Ein anderer Aspekt ist die starke Verankerung der  Religion und des Glaubens im täglichen Leben. Dies führte beispielsweise zu folgender Problematik: Bei Passivhäusern ist die Nutzung von großen südausgerichteten Fensterflächen essenziell (Maximierung des passiven solaren Gewinns). Der bhutanische Glaube allerdings schreibt vor, dass man zum Schutz des Hauses vor bösen Geistern beim Verlassen des Gebäudes die Fensterläden oder die Vorhänge schließen muss. Damit entfallen natürlich die solaren Gewinne. Es stellte sich dann jedoch heraus, dass auch die Bemalung des Gebäudes mit religiösen Symbolen einen effektiven Schutz des Gebäudes mit sich bringt. So wurde das Haus von Mönchen aus einem nahe gelegen Dzong (d. i. buddhistische Klosterburg) bemalt und es brauchten keine Fensterläden oder Vorhänge angebaut werden.

 

 

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Datum 19. August 2014
Autor Burkhard Talebitari
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