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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Brasilien?

Dipl.-Ing. Knut Stockhusen (Direktor schlaich bergermann und partner do Brasil, Erweiterte Geschäftsleitung schlaich bergermann und partner)

Dipl.-Ing. Knut Stockhusen (Direktor schlaich bergermann und partner do Brasil, Erweiterte Geschäftsleitung schlaich bergermann und partner) (Foto: sbp)

Fünf Fragen an Dipl.-Ing. Knut Stockhusen (Direktor schlaich bergermann und partner do Brasil, Erweiterte Geschäftsleitung schlaich bergermann und partner) über seine Tätigkeit in Brasilien.


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Der erste Buchstabe der BRIC-Staaten steht für Brasilien. Warum steht er vorne? Ist Brasilien wirklich so eine Boom-Region?

Stockhusen

Die Berichte aus Brasilien und der Strom an internationalen Büros und Firmen sprechen dafür. Das hat natürlich auch mit den anstehenden Megaevents dort zu tun: Fußball-WM 2014 (zahlreiche zu modernisierende und neu zu bauende Stadien), die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro und dann die Modernisierungs- und Erweiterungsmaßnahmen am gesamten Infrastrukturnetz.


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Ihr Büro hat über den Stadionbau für die WM 2014 in Brasilien Fuß gefasst. Wie einfach war das?

National Stadium Brasilia

National Stadium Brasilia (Foto: sbp)

Stockhusen

Auf die Frage „Wie schwer war das?“ hätte ich mit einem einfachen „Sehr schwer“ antworten können, aber so? Vor Ort fällt schnell auf, wie protektionistisch das Land funktioniert. Die Hürden, dort zu arbeiten oder gar Waren dorthin zu exportieren, sind enorm. Auf Waren wie auf Dienstleistungen sind hohe Steuern und Zölle zu zahlen. Die sogenannte CREA-Registrierung, die Zulassung bei der brasilianischen Ingenieurs- und Architektenkammer, bekommt man als Ausländer, auch wenn es theoretisch möglich sein sollte, wohl nie. Daher sind die persönlichen Kontakte entscheidend. Uns war von Anfang an klar, dass nur mit einem engmaschigen Netz von Partnern vor Ort und intensiver Kontaktpflege die erforderlichen Vertrauenskreise gebildet werden konnten. Wir gründeten die Niederlassung mit der Person unseres vollen Vertrauens als permanente Repräsentanz. Über diese früh geknüpften Partnerschaften haben sich dann die ersten und auch die folgenden Projekte konkretisieren lassen. In nun bald 5 Jahren konnten wir unsere lokalen Referenzen so aufbauen, dass wir auch über Empfehlungen schon bei einem frühen Stand zu weiteren Projekten gerufen werden.


National Stadium Brasilia

National Stadium Brasilia (Foto: sbp)

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Projektplanung und -abwicklung in Deutschland und in Brasilien – wo gibt es Ähnlichkeiten, wo Unterschiede?

Stockhusen

Wohl bedingt durch die Unterschiede bei den Planungsphasen – in Brasilien gibt es, wenn überhaupt, nur eine kurze Konzeptphase, in der Folge ein „Basico“ mit anschließender Ausschreibung im Auftrag des Bauherren, und anschließend ein „Executivo“ im Auftrag des erfolgreichen GU – unterscheiden sich Projektintensität und entsprechende Mechanismen natürlich deutlich.
Ziel muss sein, in intensiver Zusammenarbeit mit den Planungspartnern vor Ort, eine entsprechende Basis aufzubauen. Dies auch, um im Verlauf der Ausführungsplanung und Realisierung die durch den Sub oder andere Quellen aufkommenden Sondervorschläge nicht nur wirtschaftlich bewerten zu müssen, sondern den eigenen Entwurfsgedanken und die technischen Randbedingungen im gemeinsamen Fokus zu behalten.
Es ist durchaus möglich, dass ein ursprünglich nicht am Projekt beteiligter, befreundeter Planer des GU statt eines Turms einen Tunnel vorschlägt. Dann wird es richtig spannend, aber eben auch nie langweilig.

 

Wissenswertes zum brasilianischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • erforderliche Papiere: Europäer benötigen nur einen gültigen Reisepass, kein Visum. Die Arbeitsgenehmigung erfordert dann einigen bürokratischen Aufwand. – Um als deutsches Ingenieurbüro vorlageberechtigt zu werden, ist die Gründung einer Gesellschaft unumgänglich. Eine GmbH gründet sich schnell, das Schließen dagegen ist extrem langwierig. Ein brasilianischer Ingenieur ist zwingend erforderlich, um die CREA Registrierung zu erlangen.
  • praktische Hinweise für Einreise und Alltag: Am einfachsten und sichersten beauftragt man für die Arbeitsgenehmigung einen der ansässigen Visa-Services. Die Gesellschaftsgründung läuft über gut aufgestellte (und teure) Rechtsanwälte. Man sollte mit offenen Augen unterwegs sein, sich nicht unnötig exponieren und Wertgegenstände lieber gleich zu Hause lassen. Dann passiert auch meist nichts. Portugiesisch-Grundkenntnisse sind unumgänglich.
  • offene Stellen in welchen Bereichen: Aufgrund der Krise in Europa, insbesondere in Portugal sind viele portugiesisch sprechende Europäer bereits vor Ort. Auch die Arbeitsgenehmigung ist in diesen Fällen leichter zu erlangen, daher gibt es wohl kein überproportionales Stellenangebot.
  • Gehälter: Ein Junior Ingenieur verdient etwas weniger als in Deutschland, allerdings gibt es in vielen Büros Modelle zur Beteiligung von Senior Ingenieuren an den Gewinnen, wodurch bei entsprechendem Volumen deutlich höhere Gehälter entstehen können. Technische Zeichner werden nach Planfläche bezahlt.
  • Steuern: Das Steuersystem ist sehr komplex. Die meisten Abgaben sind Quellsteuern. Auch Dienstleistungen sind Importsteuern unterworfen. Zusätzlich muss bezüglich der Kaskadensteuer bereits die Vertragsgestaltung und Vergabe der Leistungen und die entsprechende Rechnungsstellung gut durchdacht sein. Der persönliche Lohnsteuersatz ist deutlich geringer als in Deutschland.

 

Maracana stadium Rio de Janeiro

Maracana stadium Rio de Janeiro (Foto: sbp)

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Welche Rolle spielen Mentalität und soziale Verhältnisse beider Arbeit?

Stockhusen

Das große soziale Gefälle mit dem Brasilien zu kämpfen hat, ist im Alltag immer spürbar – gerade in Städten wie Sao Paulo und Rio de Janeiro.
Vielleicht ändern sich deshalb die Dinge auch nur so langsam. So sehr man sich auch dagegen sträubt, man muss lernen damit umzugehen. Die Mehrheit der Brasilianer schafft diesen Spagat ohne weiteres – eine nachhaltige Lösung ist dies aber natürlich nicht. Bei der weiteren Projektarbeit fallen die teils dramatischen Probleme nicht mehr sehr auf, da die brasilianischen Partner meist aus bessergestellten Schichten kommen und einen wirklich sehr hohen Lebensstandard haben.
Die brasilianische Seele fordert vor allem von uns Deutschen ein ordentliches Maß an Anpassung, Entspannung und Umdenken. Das wird schnell deutlich, wenn wir uns bei der Begrüßung in der Chefetage eines großen Bauunternehmens nur mit Mühe aus der festen und auch ehrlich gemeinten Umarmung lösen können, spätestens aber beim nächsten Besuch selber kräftig „schulterklopfen“. Auch wenn deutsche Ingenieurskunst höchst angesehen ist, müssen die daraus resultierenden, teils starren und emotionslosen technischen Ansätze mit Freundlichkeit, Einfühlungsvermögen, endloser Geduld aber auch einer ordentlichen Portion Humor vertreten werden. – Es funktioniert erfolgreich, mit langem Atem.
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Wodurch hat Ihre Arbeit in Brasilien Ihre Arbeit hierzulande bereichert?

JN Stadium New Delhi

JN Stadium New Delhi (Foto: Knut Stockhusen)

Stockhusen

Arbeitsstände und Dokumentationen werden im Normalfall zur Ab-/Übergabe in Brasilien „tropikalisiert“ – sie werden für den lokalen Markt „lesbarer“ gemacht, d.h. lokale Konventionen, Normen und Abläufe werden berücksichtigt. Dazu gehört auch eine gewisse Bereitschaft, all die Festlegungen gemeinsam zu diskutieren, ohne die erforderlichen technischen Ansprüche in Frage zu stellen.

Sind wir mal ehrlich: Uns allen würde manchmal etwas „Tropikalisierung“ nicht schaden, sondern den Horizont entsprechend erweitern und mit einem schmunzelnden Blick auf uns selbst den Fokus aufs wirklich Wesentliche neu schärfen.
Tun wir das – keine Angst, natürlich wie immer alles in deutschen Maßen – weichen wir schon bald die teilweise zwanghafte, manchmal auch fehleranfällige eigene Konsequenz auf und verbinden sie mit der sympathischen, immer freundlichen und kommunikativen Art unserer brasilianischer Partner, und schon macht auch hier zu Lande alles wieder mehr Spaß.

 

Brasilien

Brasilien

Auf ein Wort:

Wer beruflich oder privat vor die eigene Türe tritt, die lang gehegte Komfortzone verlässt und in die Welt hinausgeht, wird einen Preis dafür bezahlen aber eben auch einen noch größeren dafür erhalten.

Hermann Hesse sagt im „Reiselied“:
„Sonne leuchte mir ins Herz hinein,
Wind verweh mir Sorgen und Beschwerden! Tiefere Wonne weiß ich nicht auf Erden,
Als im Weiten unterwegs zu sein.“

Auch wenn er dabei wahrscheinlich nicht an deutsche Ingenieure dachte (wer weiß), passt es für uns und mich genauso. Wir waren immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen und haben dadurch immer wieder technische und auch persönliche Grenzen überschritten – und werden das auch in Zukunft so halten. Nur so kann Evolution im Großen wie im Kleinen stattfinden. Rückschläge sind der Nährboden für Neues: 2009–2011 entwarfen und planten wir die Überdachung des Mineirao Stadions in Belo Horizonte – 10.000 Arbeitsstunden, alles fertig, bis zur letzten Schraube. Im letzten Moment vor der Seilbestellung zu erfahren, dass das lokale Team parallel ein anderes Dach geplant hatte, welches nun zur Ausführung kommen sollte, überraschte uns alle ziemlich. Hier hatte der Vertrauenskreis eben einen Bruch, oder waren wir nie wirklich drin? Wahrscheinlich. Macht nichts – wir hatten den schöneren Entwurf, der die einmalige bestehende Architektur gewürdigt hat. Aus solchen Erfahrungen lernt man und versucht in Zukunft, den Kreis in den man tritt noch besser zu wählen.


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Datum 13. März 2014
Autor Burkhard Talebitari
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