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Wie war’s eigentlich in Bulgarien?

Dipl.-Ing. Wolfgang Wassmann (Geschäftsführender Gesellschafter Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH)

Dipl.-Ing. Wolfgang Wassmann (Geschäftsführender Gesellschafter Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH) (Foto: Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH)

Fünf Fragen an Dipl.-Ing. Wolfgang Wassmann (Geschäftsführender Gesellschafter Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH) über seine Tätigkeit in Bulgarien.


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Sie haben für Ihr Büro das Projektmanagement und Vertrags­controlling von zwei Flughafenprojekten der deutschen Fraport in Bulgarien akquiriert. Wie lief das ab?

Wassmann

Die Projekte waren von der FTSAM, der bulgarischen Fraport-Tochter, im Europäischen Amtsblatt ausgeschrieben. Befreundete Planer aus Sofia hatten uns darauf aufmerksam gemacht. Bei dem zweistufigen Verfahren mit Präqualifikation und anschließendem Verhandlungsverfahren konnten wir uns im hochkarätig besetzen internationalen Wettbewerbsumfeld erfolgreich behaupten. Die Projektsteuerung für die beiden Flughäfen in Varna und Burgas erfolgte dann in Arbeitsgemeinschaft mit dem bulgarischen Kooperationsbüro. Ohne lokalen Partner wäre man den Anforderungen nicht gerecht geworden.


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Sind Themen wie Korruption und mangelhafte Bauausführung in Bulgarien reine Vorurteile?

Wassmann

Die Baustandards in Bulgarien sind im Vergleich zu mitteleuropäischen geringer. Mit der Bauausführung der beiden Terminals war ein türkisch-bulgarisches Konsortium beauftragt, das mithilfe eines ausgeprägten Qualitätsmanagements zufriedenstellende Ergebnisse erzielt hat. Die Korruptionsbekämpfung ist in und für Bulgarien ein wichtiges Thema. Dennoch spürt man bei solchen Bauvorhaben das Wirken lokaler Netzwerke, denen durch konsequentes Controlling der Qualitäten und Leistungen begegnet wird. Die Terminals in Varna und Burgas sind für die Entwicklung des Landes und den Aufbau moderner Infra­strukturen ein gewaltiger Schritt nach vorne. Dies wird hoffentlich auch auf andere Bereiche ausstrahlen.


Terminal Burgas Airport

Terminal Burgas Airport (Foto: Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH)

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Sie haben auf den Baustellen mit bulgarischen und türkischen Kollegen gearbeitet. Wie würden Sie ihre diesbezüglichen Erfahrungen beschreiben?

Wassmann

Partnerschaftlich, kollegial, konstruktiv und osteuropäisch mit obligatorischem Mokka zwischendurch. Die kulturellen Unterschiede sind natürlich vorhanden, was die Zusammenarbeit gleichermaßen bereichert wie erschwert hat. Während auf deutschen Baustellen sehr vertragsorientiert gearbeitet wird, sind in Bulgarien pragmatische Lösungsansätze bei der Umsetzung einer Baumaßnahme gefordert. Deutsches strukturiertes Denken trifft dann auf osteuropäische Mentalität. Die unterschiedlichen Auffassungen und Selbst­verständlichkeiten in Planungsabläufen in Einklang zu bringen, war eine der zentralen Herausforderungen des Projekts. Unsere Erfahrungen aus Polen und Lettland waren dafür sicherlich eine gute Basis.

 

Wissenswertes zum bulgarischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

 

Neues Terminal Varna Airport

Neues Terminal Varna Airport (Foto: Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH)

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Wie stellt sich Ihnen der gesamte Bauablauf von der Planung bis zur Baufreigabe dar?

Wassmann

Man muss sich auf die Kultur der Menschen einlassen und darf nicht versuchen, die eigenen Prinzipien zum Maßstab zu erklären. Während es hinsichtlich Kosten, Termine und Qualität keinen „Diskussionsspielraum“ gibt, muss man in anderen Bereichen umso dialogfähiger und flexibler sein. Eine detaillierte Bauablaufplanung gehörte bei diesem bulgarischen Projekt nicht zum Alltag und manchmal ging es zu wie auf einem Bazar. Trotzdem hat es uns überrascht, wie schnell Bauteile realisiert wurden.


Varna Airport

Varna Airport (Foto: Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH)

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Ergeben sich aus Ihrer Tätigkeit in Bulgarien Überlegungen zum Ausbau Ihrer Aktivitäten in dem Land?

Wassmann

Aufgrund des niedrigen Honorarniveaus haben wir Bulgarien in unserer Geschäftsentwicklung nicht als strategischen Zukunftsmarkt im Fokus. Unsere Auslandsaktivitäten sind weiterhin schwerpunktmäßig auf Polen ausge­richtet.
Schüßler-Plan hat aus der Umsetzung eines „Silver Book-Vertrags“ und in der Zusammenarbeit mit britischen Architekten, bulgarischen Ingenieuren sowie türkischen Baufirmen wertvolle Erfahrungen gewonnen und die Flughäfen in Varna und Burgas sind im internationalen Wettbewerb wichtige Referenzen. Dennoch wird sich unsere Tätigkeit dort auf einzelne Projekthighlights beschränken.

 

Varna Airport

Varna Airport (Foto: Schüßler-Plan Ingenieurgesellschaft mbH)

Auf ein Wort:

Ich habe Bulgarien als hoch interessantes Land kennengelernt, mit breitem geografischen, kulturellen und historischen Reichtum sowie freundlichen, hilfs­bereiten Menschen. Industriell und infrastrukturell gilt es in Bulgarien noch Vieles zu entwickeln, was durch die unklaren politischen Verhältnisse sicherlich gehemmt wird. Ich wünsche mir für das Land eine zuverlässige, effiziente Verwaltung, faire Löhne und eine breite Mittelschicht. In der Zusammenarbeit mit den Bulgaren haben wir das Engagement für diese Veränderung, insbesondere bei der jungen Generation, permanent gespürt.

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Datum 2. April 2014
Autor Burkhard Talebitari
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