momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Frankreich?

Dr.-Ing. Lutz Schöne, Geschäftsführender Gesellschafter, LEICHT Structural engineering and specialist consulting GmbH; Président, LEICHT France SAS

Dr.-Ing. Lutz Schöne, Geschäftsführender Gesellschafter, LEICHT Structural engineering and specialist consulting GmbH; Président, LEICHT France SAS (Foto: LEICHT)

Fünf Fragen an Dr.-Ing. Lutz Schöne (Geschäftsführender Gesellschafter, LEICHT Structural engineering and specialist consulting GmbH; Président, LEICHT France SAS) über seine Tätigkeit in Frankreich.


momentum

Manch namhaftes deutsches Ingenieurbüro hat keine Niederlassung in Frankreich. Wie haben Sie das geschafft?

Schöne

Unsere französische Niederlassung ist das Resultat einer Vielzahl intuitiv getroffener Einzelentscheidungen. Natürlich liegen LEICHT France auch strategisch-betriebswirtschaftliche Analysen zu Grunde. Getragen wurde der Entstehungsprozess aber vor allem von meiner privaten Verbundenheit zu Frankreich, viel Geduld und auch etwas Glück.

Crossrail building site

Crossrail building site (Foto: LEICHT)

Seit 2008 hatten wir regelmäßig Membranbau-Projekte im französischen Sprachraum bearbeitet und dabei die hiesigen Strukturen und Mentalitäten kennengelernt sowie persönliche Beziehungen aufgebaut.
Drei Jahre später waren dann insofern alle Voraussetzungen zur Bürogründung gegeben, als dass mit Sylvain Bernard, der als „Ingénieur contrôle construction“ eines unserer Projekte im Raum Paris kontrolliert hatte, ein hervorragender Büroleiter gefunden war und wir genug Verständnis für – und Zutrauen in – den französischen Markt entwickelt hatten. Das Büro haben wir dann im Juli 2011 in Nantes gegründet.


ADVANCIA Paris aerial view

ADVANCIA Paris aerial view (Foto: Novum structures)

momentum

Wie würden Sie die Unterschiede im Baumarkt zwischen den zwei Nachbarländern kurz beschreiben?

Schöne

Hinsichtlich der ausführenden Firmen ist der französische Baumarkt weniger divers als der deutsche, nur wenige Big Player beherrschen den Markt. Die beiden Größten, VINCI und Bouygues, sind mit Mitarbeiterzahlen von jeweils über 70.000 ähnlich groß wie die STRABAG – um einen Konzern zu nennen, der seinen Umsatz im Wesentlichen noch durch Bauleistungen erreicht. VINCI und Bouygues haben Ableger in jedem Zipfel des Landes.

Diese machtvolle Struktur hat ihre Ursache u.a. in der großen Verantwortung, die den ausführenden Firmen im französischen Verständnis des Projektablaufes zukommt. Infolge der vergleichsweise geringeren Planungstiefe bei Beauftragung erstreckt sich die, den ausführenden Firmen nach den CCTP (Cahiers des Clauses Techniques Particulières) obliegende Verantwortung auch auf weite Teile der architektonischen und ingeniösen Planung des Bauwerks.
Die i.A. geringeren Anforderungen an Umfang und Tiefe des Entwurfes haben zur Konsequenz, dass man als Planer Änderungen in der Ausführungsphase relativ zahnlos gegenübersteht – für deutsche Planer eine ungewohnte Situation.
Gleichzeitig wird mit der „Assurance décennale“ eine über das uns bekannte Maß hinausgehende Haftung verlangt. Gemäß der gesetzlichen Regelung im Code Civil handelt es sich um eine 10-jährige Garantieleistung auf alle Bau- und Planungsleistungen: eine Forderung, die für viele Planer und ausführende Firmen eine beträchtliche Hürde beim Markteintritt darstellt.


Treilles Chambourcy building site

Treilles Chambourcy building site (Foto: LEICHT)

momentum

Welche Rolle spielt der Ingénieur contrôle construction und halten Sie die Instanz eines solchen Ingenieurs für nachahmenswert?

Schöne

Der „Ingénieur contrôle construction“ ist tatsächlich eine interessante Instanz im französischen Baurecht. Seine kontrollierende Tätigkeit geht weit über Fragen der Gefährdung von Leib und Leben hinaus bis hin zu Gebrauchs- und Dauerhaftigkeit. An seiner Bewertung orientieren sich neben den staatlichen Institutionen bspw. auch Versicherungen.
Dabei wird der „Ingénieur contrôle construction“ nicht nur vom Bauherren bezahlt, sondern ist formal ein Teil des Planungsteams. Er wacht über die Qualität der Planung und die Einhaltung von Normen und Gesetzen. Interpretiert der „Ingeniéur contrôle construction“ seine Rolle entsprechend, führt dies zu einer Stärkung der Planer, bspw. wenn der „Ingénieur contrôle construction“ im ATEx-Verfahren (Appréciation Technique d’Expérimentation , grob vergleichbar der deutschen Z.i.E.) an der Seite der Planverfasser sitzt und deren Ansatz vertritt. Allerdings bleibt ein solcher Schulterschluss in der Praxis oftmals aus und der Ingénieur contrôle construction geriert sich als reiner Kontrolleur.

 

Wissenswertes zum Bau-Arbeitsmarkt in Frankreich im Überblick:

  • alle formalen Aspekte: Deutsch-Französische Industrie- und Handelskammer / Chambre Franco-Allemande de Commerce et d´Industrie
  • offene Stellen in welchen Bereichen: Lage auf dem Arbeitsmarkt derzeit schwer einschätzbar. Wegen gewissem Verdrängungsprozesses bei Ingenieur- und Architekturbüros ist die Auswahl sehr selektiv. Mit der entsprechenden Qualifikation sind die großen Baufirmen immer potentielle Arbeitgeber. Und wir suchen ebenfalls gute Ingenieure.
  • Gehälter: Bruttogehälter für Ingenieure mit Deutschland vergleichbar. Steuern und Arbeitnehmeranteil an Sozialversicherung ebenfalls, jedoch Arbeitgeberanteil an derselben mit ca. 42 % weit höher als in Deutschland – große regionale Unterschiede.
  • Steuern: Seit Januar 2014 Mehrwertsteuersatz 20 %. Körperschaftssteuer 33,33 %, in Startphase bei Gewinn unter 38.120 € 15 %. Gewerbesteuer abgeschafft und durch s.g. Territorialabgabe (CET) ersetzt, auf max. 3 % der Wertschöpfung des Unternehmens begrenzt

 

Stade Le Havre night view (c) SCAU architectes. Architecte associÇ KSS Design

Stade Le Havre night view (c) SCAU architectes. Architecte associé KSS Design (Foto: Patrick Boulen)

momentum

Wie wichtig ist das Beherrschen der französischen Sprache für den Arbeitsalltag?

Schöne

Ohne die Sprache zumindest in Grundzügen zu beherrschen, ist eine aktive Tätigkeit in Frankreich nicht möglich. Verständigung in der Landessprache wird einfach vorausgesetzt und auch als höfliches Verhalten erwartet.

Dabei wird sprachlichen Schwächen allgemein durchaus mit Nachsicht und Geduld begegnet. Ich habe trotzdem davon Abstand genommen, ohne muttersprachliche Mitarbeiter zu Terminen zu gehen. Denn selbst bei einem Rendez-vous auf Englisch kann es jederzeit passieren, dass z.B. der Auftraggeber hinzukommt und ohne jede Rücksicht ins Französische gewechselt wird.


Stade le Havre facade assembly

Stade Le Havre facade assembly (Foto: LEICHT)

momentum

Wie wird das Thema Arbeitsschutz in Frankreich gehandhabt?

Schöne

Ähnlich dem deutschen SiGe-Koordinator gibt es in Frankreich die Instanz des Ingénieur Santé, Protection et Securité (Coordonnateur SPS). Wie ich es im Übrigen auch aus Großbritannien kenne, fordert dieser für das Betreten der Baustelle nicht nur Einweisung, Signalweste, Helm und Schuhe, sondern auch Schutzbrille, Handschuhe und Gehörschutz. Wer denkt, sich hier nicht an den „Dresscode“ halten zu müssen, macht den Weg vom Baucontainer zur Baustelle auf jeden Fall zweimal.
Stetig sinkende Unfallzahlen belegen die Effektivität dieser obligatorischen Haltung. Mir persönlich wäre ein alternativer Ansatz sympathisch, der auf die Eigenverantwortlichkeit und Besonnenheit der Bauschaffenden setzt. Andererseits bietet der hohe Zeit- und Kostendruck oft denkbar wenig Raum für Besonnenheit. Ein so wie so unbefriedigender Zustand.

 

 

Les Vergers de la plaine_Chambourcy

Les Vergers de la Plaine Chambourcy (Foto: LEICHT France SAS)

Auf ein Wort:

Eine Niederlassung in Frankreich zu gründen kostet Zeit – und mitunter auch Nerven. Weil es auch mal zäh wird, vielversprechende Ansätze im Sand verlaufen, die avisierten Anrufe nie kommen oder das schöne Projekt in der Ausführungsphase bis zur Unkenntlichkeit „modifiziert“ wird. Umso wichtiger war es für uns, uns in Frankreich auch Anreize jenseits unternehmerischer Ambitionen zu schaffen: seien es die geschätzten kulturellen oder kulinarischen Gepflogenheiten, die Nähe zu Freunden oder die eigene Immobilie. Dieser sozialen und emotionalen Verankerung messe ich rückblickend beinahe so viel Anteil am Gründungserfolg bei, wie der Tatsache, dass wir mit LEICHT bereits eine Reihe französischer Referenzprojekte vorweisen konnten. Das uns selbst – zugegebenermaßen gerne – auferlegte Pflichtprogramm aus regelmäßigen Besuchen der Pariser Galerie d’Architecture, unzähligen Raucherpausen (auch als Nichtraucher) mit französischen Kollegen und vielen gemeinsamen Déjeuners schlug da in eine ähnliche Kerbe.
Abgesehen vom wirtschaftlichen Mehrwert genießen wir heute vor allem die Möglichkeit, uns mit LEICHT France in einer ganz anderen Baukultur beweisen zu können, außerdem die große Loyalität, von der einmal eingegangene Geschäftsbeziehungen hier geprägt sind. Dass die Akquise in Frankreich auch immer die großen Baufirmen berücksichtigen muss, mussten wir erst lernen – und wie man sich dabei den Weg durch das weitverzweigte Geflecht unzähliger regionaler Filialen bahnt.
Beeindruckt sind wir nach wie vor vom französischen Ausbildungssystem. Wir hatten bereits vor LEICHT France regelmäßig Praktikanten von französischen Hochschulen. Richtig zu lesen gelernt haben wir das Ausbildungssystem aber erst in Frankreich. Wenn man weiß, wo man suchen muss, stehen einem hier sehr gut ausgebildete Mitarbeiter zur Verfügung. Zuvorderst sind dabei die Studenten und Absolventen der École Polytechnique, der École Nationale des Ponts et Chaussées und der École Nationale Supérieure des Mines zu nennen: beeindruckende junge Menschen mit großer Motivation. So hat uns beispielsweise unser letzter Praktikant bei der Bearbeitung eines unserer Forschungsprojekte ganz schön vor sich hergetrieben.


Interessante Links:

www.francoallemand.com

www.eic-trier.de/marktbearbeitung-in-europa/marktbearbeitung-frankreich

www.LEICHTfrance.com

 

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 28. Mai 2014
Autor Burkhard Talebitari
Schlagwörter ,
Teilen facebook | twitter | Google+

...