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Wie war’s eigentlich in Kolumbien?

Autoren

Sanchez und Jorge (Foto: Engineers without borders/KIT)

Fünf Fragen an Nicolas Sánchez Salach, Projektleiter von Aguavision Kolumbien, Student am Karlsruher Institut für Technologie, Chemieingenieurwesen, über seine Tätigkeit in Kolumbien.


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Können Sie kurz umreißen, wie das Projekt der Wasserversorgung einer Schule im Dorf San Bernardo del Viento in Kolumbien zustande kam?

Sánchez Salach

Jorge und ich sind beide Kolumbianer, in der Hauptstadt Bogota aufgewachsen und waren dort auf der Deutschen Schule. Als wir dann für das Studium ans KIT gingen, waren wir im zweiten Semester gemeinsam auf einem Infoabend des Vereins ‚Ingenieure ohne Grenzen Engineers without Borders KIT‘ und sofort begeistert. Wir sahen die Möglichkeit, Menschen zu helfen und dabei unsere Studienkenntnisse zu nutzen. Wir haben aber auch erkannt, dass wir, wie es im Namen des Vereins steht, Grenzen überwinden können, denn wir können auch von Deutschland aus helfen, etwas an den starken sozialen Kontrasten in Kolumbien zu verbessern. Sehr wertvoll für beide Seiten ist sicherlich auch der kulturelle Austausch bei so einem Projekt. Schließlich lernen deutsche Studenten sowie die kolumbianischen Beteiligten die Denk-, Lebens- und Arbeitsweise des anderen Lands kennen. Am selben Abend noch haben wir uns an den Vorstand gewandt und nach einigen weiteren Treffen, durften wir die Projektgruppe gründen.
Nun hatten wir zwar Ende 2013 eine Projektgruppe, aber noch kein Projekt. Wir versuchten dann, ein geeignetes Projekt in Kolumbien zu finden, was schwieriger als erwartet war, zumal man als Student oftmals noch nicht so ernst genommen wird. Jorge bekam dann über einen Bekannten Kontakt zu mehreren Schulen im Norden Kolumbiens. Er hat dann dort die Schule ausgesucht, bei der wir mit dem Projekt die größte Wirkung erzielen könnten und bei der die Partner vor Ort sich auch stark dafür eingesetzt haben. So ein Projekt lebt ja davon, dass beide Seiten sich für die Projektumsetzung engagieren.


Brunnen

Brunnenbau (Foto: Engineers without borders/KIT)

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Welche Art von Unterstützung bekommen Sie bei so einem Projekt und wie wird es finanziert?

Sánchez Salach

Ingenieure ohne Grenzen Engineers without Borders KIT‘ ist ein Verein, der vom Engagement der Studenten lebt. Die Projekte werden von Studenten gegründet, geleitet und durchgeführt. Wie es aber nun mal so ist mit ‘learning by doing‘, fehlt einem gelegentlich ja schon das Know-How oder die Praxiserfahrung. Da gilt es dann erstmal, jemanden zu finden, der sich in dem Bereich etwas mehr auskennt. Dafür ist die Uni ja ein idealer Ort und so findet man schnell eine erfahrene Kontaktperson. Meistens stößt man auf Begeisterung, wenn man dann vom Vorhaben erzählt.
Finanziert wird unser Projekt durch private Spenden, von Stiftungen und Unternehmen und durch eigene Events. Letztere werden von unserer Gruppe organisiert und reichen vom klassischen Waffelstand bis hin zu einer großen Party.
Nicht zu vergessen ist die Unterstützung vor Ort. Bei uns waren die Leiterin der Schule, sowie einige Lehrer, sehr involviert und sie haben sich um vieles gekümmert.


Sand sieben

Sand sieben (Foto: Engineers without borders/KIT)

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Sie waren ja bei Ihrem Projekt nicht nur auf der Baustelle, sondern auch in den Klassen. Wie kam es dazu?

Sánchez Salach

Als wir unser Projekt auswählten, hielten wir ganz gezielt Ausschau nach Schulen, da wir durch unser Projekt ja auch die Einstellung der Menschen verändern wollten. Was gibt es für einen besseren Ort als eine Schule, wo junge Menschen gebildet werden und die Zukunft des Landes sitzt? Die kolumbianische Gesellschaft empfinde ich im Vergleich zur deutschen viel stärker vom Individualismus geprägt. Wir wollten durch unsere Arbeit den Schülern auch den Ansporn geben, sich gemeinschaftlich für eine Verbesserung ihrer Umgebung einzusetzen. Außerdem wollten wir auch die Verantwortung gegenüber dem bereitgestellten Wasser thematisieren. So haben wir erst einige Interviews mit den Schülern durchgeführt und haben dann verschiedene Klassenstufen besucht, um das Projekt zu erklären und zu zeigen, warum es an jedem einzelnen liegt, mit den vom Projekt bereitgestellten Anlagen und dem Wasser bewusst umzugehen.

 

Wissenswertes zum kolumbianischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • Einreise: Die normale Einreise als Tourist gilt für 90 Tage und ist auf 180 verlängerbar. Für technische Hilfsprojekte kann mit der entsprechenden Erlaubnis eine Einreise für 30 Tage gewährt werden. Nähere Informationen, auf Spanisch oder Englisch, auf: www.migracioncolombia.gov.co
  • praktische Hinweise für den Alltag: Gute Spanischkenntnisse sind in Kolumbien auf jeden Fall nicht verkehrt, denn gerade in ländlichen Regionen kommt man mit Englisch nicht sehr weit.
    Pünktlichkeit ist in Kolumbien ein flexibler Begriff. Man sollte sich also nicht wundern, wenn jemand (oder auch etwas) mal ein bisschen länger braucht.
    Familie spielt in Kolumbien eine wichtige Rolle. So ist Neujahr z.B. genauso ein Familienfest wie Weihnachten.
    Je nachdem in welcher Region man sein wird, sollte man sich über notwendige Impfungen (Gelbfieber) informieren und Mückenspray dabei haben.
    Man sollte sich durch die negativen Berichte über Kolumbien nicht abschrecken lassen. Trotzdem ist Sicherheit, wie in den meisten Entwicklungsländern, weiterhin ein großes Thema: Man sollte z.B. nicht offensichtlich mit Wertgegenständen auf der Straße herumlaufen.
    Kolumbianer tanzen gerne und kennen kein „Ich tanze nicht“. Probieren Sie es selber aus.
  • Gehälter: Der Mindestlohn ist für das Jahr 2015 etwa 230 € im Monat. Bei Bauarbeitern orientiert sich der Lohn meistens hieran.

 

Felipe

Morgenblick auf San Bernado del Viento (Foto: Engineers without borders/KIT)

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Wie erlebt man die Arbeit an einem solchen Projekt als Kolumbianer in Kolumbien?

Sánchez Salach

Für mich war es eine sehr schöne Erfahrung. Schon in Deutschland hat die Mischung aus Deutschen und Kolumbianern in der Gruppe für eine nette Atmosphäre gesorgt. In San Bernardo del Viento hatten wir dann auch den großen Vorteil, dass wir uns besser mit Schülern und Lehrern verständigen konnten. Außerdem stellt man ja auch so eine Art Brücke zwischen beiden Ländern dar.
Für mich war es auch noch mal die Möglichkeit, Kolumbien aus einer anderen Perspektive zu sehen. Sonst war ich eigentlich immer nur als Tourist außerhalb von Bogotá. Die Freundlichkeit und Begeisterung, mit der wir aufgenommen wurden, das Vertrauen und die Unterstützung, die wir erfahren haben, haben mich sehr beeindruckt.


Grosse Aufmerksamkeit - Besuch in einer Klasse

Große Aufmerksamkeit - Besuch in einer Klasse (Foto: Engineers without borders/KIT)

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Welche Bedeutung hat diese Arbeit heute für Ihr Studium?

Abschiedsworte

Abschiedsworte (Foto: Engineers without borders/KIT)

Sánchez Salach

Man lernt durch so ein Projekt unglaublich viel. Ich habe gelernt, wie ein Projekt abläuft, wie man gemeinsam im Team mit Studenten aus unterschiedlichen Fachrichtungen Probleme lösen kann, aber auch, dass einem oft die Theorie zwar bekannt ist, aber die Vorstellung, wie es in der Realität dann aussieht, noch fehlt. Und doch ist es dann immer wieder schön, wenn man die Parallelen erkennt.
Ich habe aber auch gelernt, dass man sich von einem großen Vorhaben nicht abschrecken lassen sollte, auch wenn man am Anfang noch nicht 100 %ig sieht, wie das Ergebnis sein wird und der Weg dahin verläuft. Außerdem hoffe ich, auch andere Studenten dazu animieren zu können, sich für ähnliche Projekte einzusetzen.

 

Kolumbien

Kolumbien (Foto: Engineers without borders/KIT)

AUF EIN WORT

Es ist fünf Uhr morgens – der Wecker klingelt und wir fallen aus unseren Betten. Die Sonne geht gerade auf, der Blick aus dem Fenster auf die Palmen am Horizont ist prächtig, trotz in der Luft hängender Stromkabel direkt vor unserer Nase.
Gefrühstückt, eingecremt und eingesprayt (Sonne und Mücken können einen ganz schön fertig machen) geht es los zur Schule. Dort erwartet uns bereits der Nachtwächter, der immer gute Laune hat. Überhaupt scheinen alle im Dorf schon munter zu sein und den Tag mit ein bisschen Salsa oder Vallenato (typische Musik in dieser Region) zu begrüßen.
Die Schubkarre geholt, mit Werkzeug und Materialien befüllt und auf geht es zu den Baustellen. Was steht heute nochmal an? Stimmt. Die Küche soll nun endlich mit der Wasserversorgung verbunden werden. Eigentlich ganz einfach: Wir legen eine Leitung von unserem Hochtank bis zur Küche und dann kommt am Schluss noch ein Wasserhahn dran. Die grosse Frage aber ist: Reicht der Druckunterschied eigentlich?
Ein Blick zurück auf unsere Planungsphase in Deutschland. Schnell in die Formelsammlung geschaut, Bernoulli mit Verlusten. Dieses Semester hatten wir ja gerade Fluiddynamik. Dann legen wir mal los mit der Berechnung. Reynoldszahl berechnet, ins Moody-Diagramm geschaut, Annahmen getroffen…
Hmm … unsere Excel-Tabelle sagt 0,37968496 bar. Das klingt aber wenig … Rechnung überprüft, im Internet nachgesehen, nochmal nachgefragt … In Deutschland seien Drücke zwischen 2 und 6 bar üblich. Ob das dann überhaupt reichen wird? Wahrscheinlich wird es nur so ein bisschen rausplätschern.
Zurück nach San Bernardo auf unsere Baustelle. Rohre verlegt, Wasserhahn provisorisch angebracht. Probieren wir mal aus, ob der Druck reicht. Plötzlich: Ploff! Ein Knall, und von unserem Wasserhahn ist nichts mehr zu sehen. Schnell das Ventil geschlossen, und schon entdecken wir unseren Wasserhahn auf der anderen Küchenseite – in zwei Teilen. Trotz des kaputten Wasserhahns sind wir doch ganz glücklich: Fehlender Druck ist jedenfalls kein Problem!

 

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Leserkommentare

  1. Waldemar | 28. Juni 2015

    Wer hat denn das recherchiert? Einen Verein “Ingenieure ohne Grenzen Karlsruhe” gibt es doch gar nicht – die stehen ja nicht mal auf der Webseite von Ingenieure ohne Grenzen e.V.! Wer selber gucken will: http://www.ingenieure-ohne-grenzen.org/de/Regionalgruppen . Ich finde es ja gut, dass solche Berichterstattung stattfindet, aber dann doch bitte wenigstens recherchieren! Für mich sieht das so aus, als wollten ein paar Studenten vom guten Namen von Ingenieure ohne Grenzen e.V. profitieren und das momentum Magazin gibt das alles ungeprüft weiter!

  2. Volker | 29. Juni 2015

    Liebes momentum Magazin,

    da ich selber Mitglied dieses Vereins bin, weiß ich, dass am KIT leider gar keine Gruppe von Ingenieure ohne Grenzen e.V. gibt. Es gibt Studierende, die sich “Engineers without Borders Karlsruhe” nennen und ein paar kleine Projekte machen. Mit dem bekannten Verein Ingenieure ohne Grenzen e.V. haben sie aber nichts zu tun. Im Artikel wirkt es anders.

    Es ist ein Prinzip von Ingenieure ohne Grenzen, dass erfahrene Experten der Entwicklungszusammenarbeit und z.B. Studierende Projekte zusammen planen und bearbeiten. Wenn man das Interview liest, merkt man, dass am KIT die EZ-Experten offenbar durch Uni-Kontakte ersetzt werden (siehe “Welche Art von Unterstützung bekommen Sie bei so einem Projekt und wie wird es finanziert?”). Das mag manchmal funktionieren. Auch Ingenieure ohne Grenzen hat natürlich Kontakte zu Fachleuten aus der Wissenschaft. Uns ist allerdings wichtig, auch erfahrene Fachleute aus der Entwicklungszusammenarbeit mit einzubeziehen, um den Erfolg der Arbeit auch über die nicht-technischen Aspekte eines Projektes sicherzustellen. Aus unserer Sicht ist das ein Schlüsselfaktor für erfolgreiche Arbeit und ab einer gewissen Größe der Projekte unabdingbar.

    Schade, dass im Artikel die beiden Organisationen mit offenbar unterschiedlichen Ansätzen in einen Topf geworfen werden.

  3. jv | 30. Juni 2015

    Lieber Waldemar, lieber Volker,
    vielen Dank für den Hinweis. Wir haben die Angaben im Artikel entsprechend geändert.
    Es handelt sich um einen redaktionellen Fauxpas. Im Originaltext heißt es “Engineers without Borders”.
    Beste Grüße
    Euer momentum-Team

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Datum 24. Juni 2015
Autor Burkhard Talebitari
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