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Wie war’s eigentlich in Kuwait?

Dipl.-Ing. Carsten Nielsen, Projektleiter der INROS LACKNER SE aus Rostock

Dipl.-Ing. Carsten Nielsen, Projektleiter der INROS LACKNER SE aus Rostock (Foto: INROS LACKNER SE)

Fünf Fragen an den Architekten und Stadtplaner Dipl.-Ing. Carsten Nielsen, Projektleiter der INROS LACKNER SE aus Rostock.

momentum: Wie geht man an die Planung eines kompletten Campus für die Kuwait Fire-Academy von Anfang an heran?

Nielsen: Wie an alle anderen Projekte auch: umsichtig und gründlich. Aber im Detail: Wir haben auf der Grundlage der TOR (Terms of Reference) des Auftraggebers in unserem Technical Proposal beschrieben, wie wir dieses Projekt bearbeiten wollen. Dieses Prozedere wurde Vertragsbestandteil und gleichzeitig unser Leitfaden für die gesamte Bearbeitungszeit. Tatsächlich war es aber auch wichtig, schnell gute Kontakte zu öffentlichen Stellen aufzubauen, welche über das notwendige Grundlagenmaterial verfügen. In Kuwait entstand eine hervorragende Zusammenarbeit mit der EPA (Environmetal Public Authority). Dies versetzte uns in die Lage, – auf guter Datengrundlage – sehr bald mit der eigentlichen Entwicklung des Masterplankonzeptes zu beginnen. Die gemeinsame Abstimmung und Weiterentwicklung mit dem Kunden, im Rahmen von gut vorbereiteten Workshops, ermöglichte ein effizientes Arbeiten und beteiligte gleichzeitig intensiv alle Akteure. Diese Form der Kommunikation führte zu einem schnellen Konsens, sodass die Planungsergebnisse auf breiter Basis akzeptiert und weiter unterstützt wurden.

Lagen schon entsprechende Erfahrungen vor und wenn ja: ließen sie sich auf dieses Projekt problemlos übertragen?

Erfahrungen, um ein Projekt dieser Art erfolgreich abzuwickeln, gab es auf unterschiedlichen Ebenen: Einerseits haben wir als Firma bereits umfangreiche Erfahrungen im Auslandsgeschäft und es gibt immer Jemanden in unserer Firma, der weiterhelfen kann, wenn Fragen auftauchen. Tatsächlich hatten wir auch in diesem Land einige Jahre zuvor schon ein anderes Projekt (Getreidesilos im Hafen) erfolgreich abgewickelt. 

Fischereihafen mit Central Bank Tower

Fischereihafen mit Central Bank Tower (Foto: INROS LACKNER SE)

Grundsätzlich arbeiten wir gern mit lokalen Partnern zusammen, die sich vor Ort auskennen und Sprachhindernisse überwinden helfen. Als besonders wichtig hat sich bei diesem Projekt mein persönlicher Erfahrungshintergrund als Stadtplaner herausgestellt. Ob es die bereits oben beschriebene vorbereitende Arbeitsweise oder der integrative Kommunikationsansatz ist, immer müssen belastbare Grundlagen zusammengetragen und die Ergebnisse breit und transparent kommuniziert werden, wenn Projekte dieser Größenordnung erfolgreich bearbeitet werden sollen.

Wie stellen sich Ihnen, die zu erfüllenden Standards dar und gibt es hierbei Besonderheiten?

Die Standards sind in Kuwait relativ einfach einzuhalten. Es gibt nur wenige eigenständige Anforderungen. Die GCC-States (Gulf Cooperation Council) sind derzeit dabei, eigene Normen zusammenzustellen. Im Wesentlichen wird jedoch auf britische, amerikanische und DIN-Standards zurückgegriffen. Der britische Standard ist heute – durch europäische Harmonisierung – fast vollständig Grundlage unserer normalen Arbeit in Deutschland. Amerikanische Standards sind relativ einfach zu erhalten.

Gestalterisch ist das Bedürfnis zu mehr Repräsentanz und Großzügigkeit zu berücksichtigen. Der Anspruch führt z. B. zu größeren Raumreserven oder größeren Stellplätzen für die PKW. Die Tatsache, dass für Kuwait Mekka im Westen liegt, führte bei uns Planern anfangs zu Verwirrung, war dann aber schnell verinnerlicht.

Al-Tajaria-Tower

Al Tajaria Tower (Foto: INROS LACKNER SE)

Gibt es in Kuwait bereits Überlegungen in die Richtung von ökologisch angemessenen Bauweisen?

Ja, die gibt es in der Tat. Unlängst eingeführt wurde ein Code of Practice für das Energy Conservation Program. Dieser begrenzt den Energieverbrauch von Gebäuden und z. B. Klimaanlagen, ähnlich wie die EnEV bei uns in Europa. Auch bauphysikalische Rahmenvorgaben (Fensterflächen, Dämmwerte) werden gemacht. Darüber hinaus werden bei größeren Staatsprojekten, wie z. B. der neuen Universität ökologisch vorbildliche Konzepte und Technologie entwickelt und eingesetzt,

Tatsächlich sind es allerdings eher kleinere Schritte, die Kuwait unternimmt. Im Bewusstsein der Kuwaitis ist die Endlichkeit des Ölzeitalters noch nicht präsent. Auf meine Frage, was Kuwait nach dem Öl machen werde, antwortete mir mein Gesprächspartner: „Was machen Sie, wenn Ihr Onkel stirbt?“ Ich erwiderte verdutzt: „Keine Ahnung, darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht.“ Daraufhin er: „Sehen Sie, so geht es uns auch.“

Das Thema Gesichtsverlust wird gemeinhin mit Fernost assoziiert. Welche Rolle spielt es bei Ihrer Arbeit im Nahen Osten?

Es ist in Europa selbstverständlich, dass offen diskutiert wird. Klappt etwas nicht, wird dieses unter Einhaltung der allgemeinen Höflichkeitsformen kritisch oder selbstkritisch erörtert und der Schuldige auch benannt. Diese Form ist in Kuwait nicht denkbar. Um einen Gesichtsverlust zu vermeiden, wird niemand vor den Augen des Teams oder gar ausländischer Beobachter gerügt oder kritisiert. Umso heftiger (und manchmal wahrnehmbar lebhaft) erfolgt dann hinter verschlossener Tür die interne Klärung eines Sachverhaltes.

Abendliche Feier

Abendliche Feier (Foto: INROS LACKNER SE)

Die Kuwaitis sind sehr weltoffen und gastfreundlich. Sie reisen viel und gern. Ihre Kinder lassen sie nach Möglichkeit für einige Jahre in den Vereinigten Staaten oder Europa ausbilden. Das führt dazu, dass alle Kuwaitis Englisch sprechen – viele sogar sehr gut. Eine Sprachbarriere gibt es nicht. Man ist sehr kommunikativ und wer das Glück hat, einmal privat eingeladen zu werden, darf sich auf ein besonderes Erlebnis freuen.



Auf ein Wort:

  • Wie bereits oben erwähnt, ist ein lokaler Ansprechpartner in Kuwait sehr hilfreich. Er kann Türen öffnen, die ausländischen Neuankömmlingen verschlossen bleiben. Er kann vermitteln, wenn kulturelle Unterschiede überbrückt werden müssen. Auch kennt er die örtlichen Gepflogenheiten und interne Verbindungen, deren Beachtung die Arbeit in einem fremden Land sehr erleichtern kann.Gute Tipps für die tägliche Arbeit kann man dem Buch „Geschäftskultur – Arabische Golfstatten“ von Zeina Matar entnehmen, dessen Lektüre ich als Einstieg sehr empfehle.Für jeden, der in Kuwait arbeitet gilt eine wichtige Regel: Erst kommt „Ku“, dann „wait“. Zeit ist relativ und es ist gut, immer einen Zeitpuffer einzukalkulieren. Allerdings wird von uns Europäern erwartet, dass wir pünktlich, genau und zuverlässig sind. Sonst hätte man uns ja nicht die Arbeit anvertraut.

 

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Datum 10. Juni 2016
Autor Burkhard Talebitari
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