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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Sri Lanka?

Sven Nagel (B.Sc., Projektleiter, Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.)

Sven Nagel (B.Sc., Projektleiter, Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.) (Foto: Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.)

Fünf Fragen an Sven Nagel (B.Sc., Projektleiter, Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.) über seine Tätigkeit in Sri Lanka.


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Können Sie kurz schildern, wie der Impuls zu dem Brückenprojekt entstand?

Nagel

Nach dem verheerenden Tsunami 2004 gründeten einige Karlsruher Studenten den Verein Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V. Angefangen mit einem Soforthilfeprogramm über Solaranlagen bis hin zu Brücken reicht die Liste der abgeschlossenen Projekte. Motiviert durch das Vorbild unserer Vorgänger sammelten wir uns zu einer neuen Projektgruppe zusammen. Wir wollten deren Erfahrungen, Abenteuer und Freuden selbst erleben. Aber bereits die Phase der Projektfindung war geprägt von Enttäuschungen. Nur zufällig entstand bei einem längeren Praktikum auf einer maledivischen Baustelle eine Freundschaft zu einem Sri Lanken. Dieser verstand unsere Motivation, konnte diese an seine Landsleute weitergeben und damit ein passendes Projekt für uns finden. Zusammen als Team – ohne Dachverband und Vorgesetzten – wirklich etwas bewegen zu können, trieb uns letztendlich an, die zunächst wage Idee neben dem Studium zu realisieren.


Wie machen wir es? Entscheidungsfindung auf Augenhöhe

Wie machen wir es? Entscheidungsfindung auf Augenhöhe (Foto: Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.)

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Warum haben Sie am „Vollmondtag“, als Feiertag im Land, dennoch gearbeitet?

Nagel

Ein Leben und Arbeiten gemeinsam mit den Einheimischen sollte es sein. Da war für uns besonders der respektvolle Umgang auf Augenhöhe wichtig. Arbeitsabläufe und Entscheidungen sollten nicht von uns diktiert, sondern wo möglich, gemeinsam getroffen werden. In der Vorbereitung lag uns daher viel daran ein möglichst tiefes Verständnis für die sri-lankische Kultur zu erlangen. Dabei legte man uns z. B. die Bedeutung des buddhistischen „Poya-Days“, des Vollmondtags, nahe. „Sieben Tage die Woche arbeiten ist auf dem Land kein Problem, solange die Arbeit am Vollmondtag ruht“, so unser Kulturexperte. Etwas erstaunt darüber klärten uns die Dorfbewohner auf. Die Vollmondtage haben jeden Monat eine andere Bedeutung und an den meisten hat eine gemeinschaftliche Arbeit für die Verbesserung der Gemeinde Tradition. Nur kommerzielle Arbeit muss ruhen und das Feierabendbier fällt wegen des Alkoholverbots aus. Besonders viele Dorfbewohner kamen, um an Ihrer Brücke mitzuarbeiten, sodass wir schnell umfangreiche Aufgaben auf diese Tage verlegten.


Der gefährliche Weg über die temporäre Zufahrt

Der gefährliche Weg über die temporäre Zufahrt (Foto: Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.)

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Wie gestaltete sich die Zeitplanung des Projektes?

Nagel

Die eigentliche Fragestellung bei der Zeitplanung war: wie viel Zeit haben wir und wann können wie viele Studenten vor Ort sein. Das begrenzte Visum, die zwei Regenzeiten und der Studienbetrieb beschränkten den Zeitraum auf drei Monate. Nur wenige konnten auf die Prüfungen komplett verzichten, sodass die Teamstärke wöchentlich zwischen 5 und 22 Studenten schwankte. Davon ausgehend erarbeiteten wir einen Projektablaufplan, der alle Arbeitsschritte in das Zeitfenster quetschte. Schnell wurde klar, dass Urlaub weitestgehend gestrichen und die Siebentagewoche Alltag werden musste. Außerdem konnte der Zeitplan nur eingehalten werden, wenn alles reibungslos verläuft. Mit diesem Druck waren zwei große Rückschläge bereits zu Beginn der Umsetzung besonders nervenaufreibend. Zum einen fehlte auf Grund der verzögerten Regenzeit die von der Regierung versprochene Straße, sodass der Bau einer temporären Zufahrt nötig war um überhaupt Materialen auf die Baustelle zu transportieren. Zum anderen flutete ein Hochwasser unsere Baugrube und ließ diese einstürzen. Mit neu erarbeiteten Wochenplänen und morgendlichen Besprechungen sollte das Team den Zeitdruck begreifen und managen. Durch zahlreiche Nachtschichten konnten wir letztendlich die Brücke 14 Tage später als geplant eröffnen.

 

Wissenswertes zum Bau-Arbeitsmarkt in Sri Lanka im Überblick:

  • praktische Hinweise für Einreise und Alltag: 
Gesicht wahren – Ein respektvoller Umgang wird groß geschrieben. Mit direkter Kritik und lautstarken Disputen, besonders vor den Augen anderer, muss sehr vorsichtig umgegangen werden. Schnell sind die Beziehungen nachhaltig geschädigt.
Die Familie steht an oberster Stelle. Freizeitaktivitäten mit Kollegen jeglichen Alters sind meistens schwierig. Die Sri Lanker verbringen die Zeit am liebsten im Haus der Familie.

 

Systemschalung Fehlanzeige

Systemschalung Fehlanzeige (Foto: Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.)

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Können Sie unseren Lesern etwas zu Herstellung und Schalung des Betons erzählen?

Nagel

Mit Systemschalung, Transportbeton, Betonpumpe oder Regelsieblinie konnten wir hier natürlich nicht rechnen. Für den Schalungsbau mussten wir Sperrholzplatten in der Hauptstadt Colombo kaufen und diese mit dem im örtlichen Sägewerk vorhandenen Mangoholz unterstützen. Da dieses noch nass und meist auch nur in sehr kurzen Längen verfügbar war erforderte der Schalungsbau großes Geschick. Gewindestangen umhüllt mit Abflussrohren dienten als Anker und an kritischen Stellen verstärkten wir die Schalung durch Winkel-Profile aus denen später die Lauffläche entstand. Berstendes Holz oder versagende Schraubenverbindungen – eindrücklicher konnten wir den enormen Betondruck nicht begreifen.

Wir haben es geschafft. Tag des Abschiedes und der Freundschaft

Wir haben es geschafft. Tag des Abschiedes und der Freundschaft (Foto: Engineers Without Borders – Karlsruhe Institute of Technology e.V.)

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Wie sehen Sie den Zusammenhang zwischen der Durchführung dieses Projektes und Ihrem Studium?

Nagel

Naheliegend ist die persönliche Entwicklung, die jeder von uns im Laufe dieses Projekts durchlaufen hat. Lösungsorientiertes Arbeiten, interkulturelle Kompetenzen, Belastbarkeit oder Flexibilität, also alles Schlagwörter wie sie sich in vielen Bewerbungen schimpfen, sind für uns sicher keine graue Theorie mehr. Obwohl das Projekt in keiner Weise als Studienleistung zählt, hatte die Zeit große Auswirkungen auf unser Studium. Ziel war es nicht mehr Sachverhalte nur oberflächlich zu verstehen und damit durch die nächsten Prüfungen zu kommen. Wir wollten die Dinge so verstehen und begreifen, dass wir selbständig alle Berechnungen durchführen und guten Gewissens verantworten können. Plötzlich hatte jede Vorlesung etwas mit der Brücke zu tun und war noch wichtiger.
Das gestärkte Selbstvertrauen erleichterte die Gespräche mit den Professoren und verstärkte fachliche Diskussionen. Trotz des erheblichen Zeitaufwandes sind die Studienleistungen bedeutend gestiegen.

 

Auf ein Wort:

Sri Lanka, eine passendere Beschreibung für das Land im Indischen Ozean als die direkte Übersetzung gibt es kaum – das strahlend schöne, königlich leuchtende Land. Strahlend schön ist die Landschaft mit Bergen, Urwald und Stränden. Königlich leuchtend ist Sri Lanka nicht nur wegen der dort früher herrschenden Könige, sondern viel mehr wegen der königlich leuchtenden Menschen. Ein Land, in dem ehrliche Freundschaft und der Zusammenhalt zählt. Hier haben die Menschen nicht viel in der Hand, aber sehr viel im Herzen.
Santha, ein junger schüchterner Bauer, steht genau für diese Menschen. Am ersten Tag taucht er im Dschungel auf und hilft uns beim Bau eines Frachtfloßes. Ohne ein Wort Englisch, ohne uns zu kennen und ohne zu wissen was wir konkret machen, packt er mit an und schenkt uns sein Vertrauen. Abends kümmert er sich um Licht und verlässt die Baustelle stets als letzter. Er will sichergehen, dass wir alle unbeschadet nach Hause kommen. Auch wenn wir uns ohne Worte verstehen, lernt er nachts Englisch. Er will mit uns reden und erzählen, was ihn bewegt. Zeichen der Freundschaft ist die Party, die er für uns veranstaltet. Alle Köstlichkeiten werden aufgetischt und es heißt immer wieder „eat more, eat more“. Er beweist Zuverlässigkeit, Ideenreichtum und Verantwortungsbewusstsein und entwickelt sich vom zurückhaltenden Dorfbewohner zum angesehenen Mann. Jetzt wartet er stolz seine Brücke, ruft uns regelmäßig an und berichtet aus seinem Alltag.


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Datum 24. Juni 2014
Autor Burkhard Talebitari
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